
- Margaret Mead lesend in der Bibliothek - By Edward Lynch, World-Telegram staff photographer
Margaret Mead war eine der berühmtesten Kulturanthropologinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Einfluss auf die Kulturanthropologie und auf die amerikanische Gesellschaft der 50er und 60er Jahre machen sie bis heute in der Ethnologie unvergesslich. Mit viel Ehrgeiz erarbeitete sich einen hohen Stellenwert innerhalb der Sozialwissenschaften und forschte in insgesamt zehn Jahren bei sieben Völkern der Südsee und bei den Omaha-Indianern. Mead versuchte den raschen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel sowohl bei den Naturvölkern als auch in den Industrienationen zu interpretieren. So wurden ihre 44 Bücher millionenfach verkauft und in vielen Sprachen übersetzt.
In diesem Jahr würde Margaret Mead ihren 110. Geburtstag feiern. Ein guter Anlass, um ihr Leben und Werk nochmals zu beleuchten und den Lesern ihre großen Leistungen für die Wissenschaft näher zu bringen.
Das kleine Mädchen aus Philadelphia
Margaret Mead wurde am 16. Dezember 1901 in Philadelphia geboren und war das Erste von fünf Kindern. Alle Kinder wurden zuhause von der Großmutter unterrichtet, die eine ausgebildete Lehrerin war. Schon früh entwickelte sich bei Mead die Begabung, Dinge zu beobachten und auszuwerten.
Die Ethnologie und Franz Boas
1922 fasste sie den Entschluss Ethnologie zu studieren. So besuchte sie im ersten Jahr eine Vorlesung von Franz Boas, dessen Lehre ihre späteren Arbeiten sehr prägen sollte. Boas hatte einen sehr großen Einfluss auf Mead und wurde in den 20er Jahren bereits als Vater der amerikanischen Anthropologie angesehenAlle Arbeiten von Mead waren von der Boas-Schule geprägt, welche die Meinung vertrat, dass jedes kulturelle Phänomen, jede menschliche Verhaltensweise und jedes kulturelle Zeugnis als Teil eines gesamten kulturellen Systems gesehen und in Bezug zu allen anderen Phänomenen der jeweiligen Kultur gesetzt wird. Diese Betrachtungsweise hatte Meads gesamtes Werk von Anfang an bestimmt.
Auf der Suche nach einem „Volk“
Da Mead ihre Dissertation über die kulturelle Stabilität in Polynesien schrieb, wollte sie nach Polynesien gehen. Dabei interessierte sie sich für das Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel und wollte der Frage nachgehen, ob und wie neue Gewohnheiten und Verhaltensweisen mit überlieferten, traditionellen Verhaltensweisen zusammenhängen.
Boas jedoch wünschte sich, dass Mead sich bei den amerikanischen Indianern mit Fragen der Adoleszenz auseinandersetze – denn ihn selbst interessierte, ob das jugendliche sturm- und Drang-Verhalten während der Pubertät, allein auf biologische Veränderungen zurückzuführen sei oder ob auch kulturelle Normen verantwortlich gemacht werden können. Beide einigten sich auf einen Kompromiss - sie akzeptierte seine Fragestellung und durfte dafür in die Südsee, nach Samoa.
Die erste Feldforschungsperiode
So reiste Mead mit 24 Jahren erstmals zu ihrer eigenen Feldforschung und befasste sich mit dem Thema der Adoleszenz und Sexualität junger Mädchen in Samoa. 1926 kehrte sie mit einem Ergebnis zurück, das alles verändern sollte: sie stellte in Frage, dass das Sturm- und Drang-Verhalten der Jugendlichen im Wesentlichen biologisch bedingt sei. Mead konnte aufzeigen, wie eine von der amerikanischen Gesellschaft unterschiedliche Auffassung über Sexualität und die relative Einheitlichkeit der samoanischen Kultur die Adoleszenz nicht notwendigerweise zu einer Phase emotionaler Not und starker Wünsche nach Selbstbehauptung werden ließen. 1928 erschien dann „Coming of Age in Samoa“ und wurde ein Bestseller, der ihren Weltruf als Ethnologin einleitete.
Feldforschung bei den Manus
1928/29 führte Mead zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Leo Fortune ihre zweite Feldforschung bei den Manus durch. Dabei stellte sie die Theorie in Frage, welche behauptet, dass Kinder und Neurotiker der westlichen, zivilisierten Gesellschaft und Erwachsene von Naturvölkern oder „primitiven“ Gesellschaften die gleiche animistische Denkweise haben; sie schreiben Objekten eine Seele zu und personifizieren sie.
Mead stellte die Frage: Wenn „primitive“ Erwachsene wie zivilisierte Kinder denken, wie denken dann „primitive“ Kinder? Sie kam zu dem Ergebnis, dass ein Manu-Kind weniger animistisch denke als ein Manu-Erwachsener; dieses Resultat widerspricht dem Sachverhalt in unserer eigenen Gesellschaft. Mead glaubte daran, dass der Grund dafür in der Unterschiedlichkeit der Kulturen zu finden sei. So entstand das Buch „Growing up in New Guinea“, das 1930 erschien und sich an einen weiten Leserkreis wendete.
Gemeinsame Jahre der Arbeit und Ehe
1930 bereiteten sich Mead und Fortune erneut für eine gemeinsame Forschung vor. Diesmal verbrachten sie fast zwei Jahre bei drei verschiedenen Völkern in Neu Guinea. Die Forschungsfrage, die für Mead nun im Vordergrund stand, war die der Beziehung zwischen Geschlechtszugehörigkeit und Temperament, d. h. spezifischen Charakterveranlagungen, die unabhängig von Eigenschaften, die Männer oder Frauen zugeschrieben werden, zum Ausdruck kommen. Das Ergebnis dieser Forschungsreise wurde 1935 unter dem Titel „Sex and Temperament in Three Primitive Societies“ publiziert.
Margaret Meads dritte Feldforschungsperiode
Mit ihrem dritten Ehemann Gregory Batason forschte Mead (1936-1939) zunächst in Bali, danach wieder in Neu Guinea. Hier legten sie großes Gewicht auf die Interaktion zwischen Mutter und Kind. Sie fanden heraus, dass Kleinkinder nicht nur auf den Gesichtsausdruck der Mutter oder auf ihre Stimme reagieren, sondern auch auf taktile Reize und auf Bewegungsabläufe im Verhalten der Mutter. Diese Einsicht wurde zudem durch die Verwendung von Fotos und Filmen als Forschungsmaterial ermöglicht. So leistete Mead Pionierarbeit in der Visuellen Anthropologie (25.000 Fotos und sechs Filme). Das Werk hieß „Balinese Character: A Photographic Analysis“ und erschien 1942.
Die Jahre 1953-1978:
Nach der aktiven Feldforschung stellte sich Mead die letzten 25 Jahre ganz in den Dienst der Öffentlichkeit. Sie lehrte intensiv an der Columbia University in New York und als Gastdozentin an ausländischen Universitäten. Oft wurde sie als Repräsentantin des Faches der Anthropologie eingeladen. Die 28 Ehrendoktortitel und mehrere Preise lassen ihre Anerkennung deutlich werden. 1979 erhielt sie von Präsident Carter posthumen die Friedensmedaille.
Meads Wirken für die Ethnologie
Margaret Mead lebte für die Wissenschaft. Sie nahm ihre Arbeit sehr detailliert auf und dokumentierte alles, bevor es in Vergessenheit geraten würde. Ihre gesamte Feldarbeit war von Präzision und Genauigkeit geprägt; sie war eine teilnehmende Beobachterin und setzte erstmals wichtige Methoden wie Fotographie und Film ein.
Unumstritten hat Mead die psychologische Anthropologie entscheidend beeinflusst und wesentliche Impulse auch im Bereich der angewandten Forschung angeregt. Sie übte einen großen Einfluss auf ihre Schüler und die Frauenbewegung aus und trug zum Wissen ozeanischer Kulturen bei.
In Meads Werken ist das Thema der kulturellen Muster, der kulturellen Regelmäßigkeiten, die menschlichen Verhaltens in all seinen Ausprägungen bestimmen, durchgehend. Ihre Sicht von der Kultur als ein funktionierendes Ganzes ist entscheidend und macht ihre holistische Sicht von Kulturen stets deutlich.
Quelle:
Zanolli, Noa Vera 1990. Margaret Mead. In: Marschall, Wolfgang (Hg.), Klassiker der Kulturanthropologie. München: C.H. Beck.
