Margaret Peterson Haddix: Schattenkinder

M. P. Haddix: Schattenkinder - Deutscher Taschenbuch Verlag
M. P. Haddix: Schattenkinder - Deutscher Taschenbuch Verlag
Der Jugendroman befasst sich mit einem „Schattenkind" - einem Kind, das in einer Gesellschaft, die nur zwei Kinder erlaubt, eigentlich nicht geben darf.

Etwas über einen totalitären Staat zu lernen oder im Geschichtsbuch zu lesen, ist eine Möglichkeit sich dem Thema anzunähern. Was das für Menschen in einem solchen Staat bedeuten kann, kann man nur durch eine Identifikationsfigur – erfunden oder real – erfahren. Anne Frank war eine solche Figur, die von ihrem Leben erzählt hat und auch sie musste sich verstecken, ein „Schattendasein“ führen, wie Luke in dem Jugendbuch „Schattenkinder“ von Margaret Peterson Haddix. Doch beim Lesen des Buches drängen sich weitere Parallelen auf, die zumindest zeitlich sehr aktuell sind und immer noch geschehen: Die Ein-Kind-Politik in China und die abgetriebenen „über dem Durchschnitt liegenden“ Kinder. Gewollt oder ungewollt von der Autorin, bleibt offen. Klar ist, dass man auch ohne diese Parallelen betroffen ist und mit der Hauptperson Luke und auch mit Jen mitfiebert.

Luke existiert nicht, er ist ein Schattenkind ohne Daseinsberechtigung

Für den dreizehnjährigen Luke war die Welt bisher noch in Ordnung. Er lebte in einer Familie, die ihn liebte, er hatte Freiheiten, durfte auf dem elterlichen Hof mithelfen und mit seinen Brüdern im Freien spielen und musste trotz der ständigen Geldsorgen der Eltern nie Hunger leiden. Doch sein Leben verändert sich schlagartig, als der Wald neben dem elterlichen Hof gerodet wird, weil hier neue Häuser gebaut werden sollen. Luke weiß, was das für ihn heißt: „Ich darf nie mehr nach draußen. Vielleicht in meinem ganzen Leben nicht mehr.“, sagt er zu sich selbst. Denn er ist zwar ein gesunder, netter Junge, aber eigentlich existiert er gar nicht, denn er ist das dritte Kind seiner Eltern und damit illegal. Und er weiß, dass er seinen Eltern keinen Vorwurf dafür machen kann, dass sie den Wald verkauft haben. „Die Regierung wollte es so und der Regierung kann man nichts abschlagen.“

Die Bevölkerungspolizei kontrolliert die Anzahl der Kinder

Frauen, die zwei Kinder haben, dürfen keine weiteren Kinder haben oder diese werden „weggemacht“. Als Kontrollinstanz gibt es die „Bevölkerungspolizei“, die kontrolliert, dass das Gesetz eingehalten wird. Was mit entdeckten Schattenkindern geschieht, vermutet man nur. Die Angst von Lukes Eltern vor Entdeckung ihres dritten Sohnes Luke ist spürbar. Und so darf Luke, seit dem Bau der neuen Häuser in der Nachbarschaft, nicht mehr mit der Familie in der Küche mitessen, sondern muss auf der Treppe sitzen. Besonders gefährlich ist es für Luke, dass in der Nachbarschaft „Barone“ wohnen, sehr reiche und mächtige Menschen der bestehenden Zwei-Klassen-Gesellschaft. Ihnen ist nicht zu trauen und es gibt Geld-Prämien, wenn jemand ein Schattenkind verrät.

Plötzlich ist Luke nicht mehr allein

Luke, der seit Wochen nicht mehr das Haus verlassen darf, beginnt durch einen kleinen Spalt seines Zimmers im Dachboden die neuen Nachbarhäuser und die darin wohnenden Familien zu beobachten. Und er ist völlig verblüfft, als er meint, in einem anderen Haus auch ein drittes Kind entdeckt zu haben. Irgendwann fasst er den Mut, in das Nachbarhaus zu schleichen und lernt Jen kennen, ein Schattenkind-Mädchen. Da sie aus einer Baron-Familie stammt, hat sie einige Vergünstigungen, wie das verbotene Junkfood, einen Internetzugang und sogar einen falschen „Einkaufs-Ausweis“. Aber sie hat auch – wie Luke findet – einen fast leichtsinnig erscheinenden Mut. Sie will die Situation der Schattenkinder ändern und für deren Legalisierung kämpfen. Sie ist politisch aktiv, kämpft gegen den totalitären Staat, zeigt auch Luke mit Büchern eine neue Welt auf.

Eine neue Welt tut sich für Luke auf

Doch Luke fühlt sich nicht zum Kämpfen berufen: „Es sind Menschen wie du, die die Geschichte verändern. Leute wie ich – wir fügen uns dem Lauf der Dinge.“, sagt Luke bei der letzten Begegnung mit Jen, die eine von ihr initiierte Demonstration nicht überlebt. Ihr Kampfgeist lebt in Luke weiter, doch er beschließt, auf seine eigene Art etwas für die Schattenkinder zu tun und bekommt die große Chance seines Lebens, die er ergreift. Ein neues Leben, allerdings ohne seine Familie, wartet auf ihn.

Das Buch „Schattenkinder“ ist spannend bis zum Schluss

Margaret Peterson Haddix gelingt es bis zum Schluss, die Spannung im Buch zu halten, ohne bewusst auf Effekte zu setzen. Obwohl viele politische Aussagen in „Schattenkinder“ stecken und auch der Tod von Jen harter Tobak in einem Jugendbuch ist, tragen die schlichten und dichten Sätze einen weiter und Haddix schafft es sogar, Mut und Zuversicht am Ende des Buches zu erzeugen. Schattenkinder ist der erste Band dieser Serie für Kinder von 12 – 14 Jahren. Insgesamt gibt es sechs Bände, in denen Luke weitere Abenteuer erlebt.

Margaret Peterson Haddix: Schattenkinder. dtv extra. Roman übersetzt von Bettina Münch, Erstauflage 1998, 176 Seiten. Euro 7,20.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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