
- Margin Call - Ein Wall Street Drama - Rainer Sturm / pixelio.de
"Margin Call" ist ein Fachbegriff im Devisenhandel. Wenn ein Devisenhändler Geschäfte macht, die Gefahr laufen größere Verluste einzufahren als er Sicherheitskapital besitzt, wird er mit dem "Margin Call" von seinem Broker aufgefordert sein Sicherheitskapital aufzustocken. Kommt der Händler dieser Aufforderung nicht nach, wird seine Position geschlossen. Diese Zusammenfassung ist hoffentlich einigermaßen korrekt. Vielleicht sollte man an dieser Stelle Entwarnung geben: Es ist keineswegs notwendig fließend "Börsianisch" zu sprechen, um den Film "Margin Call" zu verstehen.
Story und Regie-Debüt von J. C. Chandor
"Margin Call" ist das Regie-Debüt von J. C. Chandor in einem Spielfilm. Als wäre das noch nicht genug, ist es auch noch Chandors Debüt als Drehbuchautor - und er weiß in beiden Rollen zu überzeugen. Vor allem das Drehbuch gehört zum besten, was dieses Jahr auf der Leinwand geboten wird: Eine große Bank findet heraus, dass sie auf einem Haufen "toxischer Papiere" sitzt und vermutlich daran zugrunde gehen wird. Dass mit der Bank "Lehman Brothers", der Auslöser der Weltfinanzkrise 2008, gemeint ist, dürfte jedem Zuschauer klar werden - auch wenn der Name der Bank im Film nie genannt wird. Chandor verzichtet in den Dialogen zum Glück auf Börsen-Fachchinesisch und spickt die Szenen stattdessen mit hintergründigem Humor. Es wird deutlich, dass die Bänker weder raffgierig noch spielsüchtig sind. Es sind im Grunde Nerds, die an rein virtuelle Fantasy-Geldsummen glauben. So fragt zum Beispiel ein jüngerer Bänker immer wieder nach der Höhe der Gehälter seiner Bosse. Dem Zuschauer wird irgendwann klar, dass es ab einer bestimmten Summer egal ist, ob man noch eine Null hinten ran hängt - im Angesicht der Krise sowieso. Besonders brillant wird der Realitätsverlust einer ganzen Branche dargestellt, als sich die Bank zum Abstoßen aller faulen Papiere entscheidet und jedem Mitarbeiter, der 93 Prozent seiner Papiere los wird, einen horrenden Bonus verspricht. Einen Bonus, der natürlich rein virtuell bleibt, da die Bank pleite sein wird, bevor sie ihn auszahlen kann.
Der Cast: Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany, Stanley Tucci
"Margin Call" hat einen fantastischen Cast voller großer Namen: Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany, Stanley Tucci, Demi Moore. Im Grunde könnte jeder Schauspieler, der in diesem Film mehr als drei Dialogzeilen hat, einen kompletten anderen Film als Hauptdarsteller tragen. Obwohl die genannten Schauspieler und die unbekannteren Zachary Quinto und Penn Badgley ihre Sache wirklich gut machen, hat man als Zuschauer das Gefühl, es mit verschenktem Potential zu tun zu haben. Neben dem Overkill an Charakterdarstellern ist dafür auch mitverantwortlich, dass sich der Film erst sehr spät auf einen Hauptcharakter festlegt. Der Film bietet dem Zuschauer eine Palette verschieden schattierter Finanz-Nerds dar, nur bei Spaceys Charakter wird noch tragisch-ironisch auf sein Privatleben verwiesen.
Fazit: Die versteckte Komödie
Wer "Margin Call" als Thriller oder Drama sieht, wird vermutlich enttäuscht werden. Als Thriller verzichtet der Film zu sehr auf einen Hauptcharakter, so dass sich keine rechte Spannung aufbaut. Für ein Drama werden zu viele Klischees dargestellt: Vom Runterrattern von irgendwelchen Zahlen, bis zum Blick aus einem Wolkenkratzer bei Nacht. Seine Stärke entwickelt "Margin Call" erst, wenn man auf die ironischen Momente achtet, auf die Hochglanz-Broschüre, die der gefeuerte Bänker am Anfang des Films erhält und auf der das Foto einer Yacht neben dem Schriftzug "Go Ahead" prangt.
"Margin Call" von J. C. Chandor mit Kevin Spacey, Paul Bettany und Jeremy Irons: Ab dem 29. September 2011 im Kino
Quellen:
- Charttec Börsenlexikon: Margin Call
- Margin Call bei IMDB
- Sneak Preview in der Schauburg, Bremen
