Maria Beig 90 Jahre - die eindringlichste Stimme Oberschwabens

Maria Beig, die Stimme Oberschwabens - Kloepfer & Meyer
Maria Beig, die Stimme Oberschwabens - Kloepfer & Meyer
Zu ihrem 90. Geburtstag erschien das Gesamtwerk von Maria Beig. Sie ist die literarische Stimme des ländlichen Oberschwabens im Bodenseehinterland.

Am 8. Oktober 2010 begeht die Schriftstellerin Maria Beig ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass brachte der Verlag Kloepfer & Meyer ihr Gesamtwerk in fünf Bänden heraus: neun Romane, darunter ihr autobiografischer Rückblick "Ein Lebensweg", und 41 Erzählungen, alle spielen in ihrer Heimat Oberschwaben. Der Verlag publizierte außerdem eine 120 Seiten umfassende Hommage an Maria Beig mit vier Dutzend Schwarz.-Weiß-Fotografien aus den Beigschen Fotoalben mit Familienmotiven aus über 100 Jahren, Essays und Würdigungen der bedeutendsten literarischen Chronistin des ländlichen Oberschwabens im Bodenseehinterland.

Befreiungsliteratur - Anschreiben gegen Depressionen

Maria Beig erhielt im Jahr 2004 den Johann-Peter-Hebel-Preis, bereits 1983 den Alemannischen Literaturpreis, 1990 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, 1996 den Literaturpreis der Stadt Stuttgart und 1992 die Ehrenmedaille der Stadt Friedrichshafen. Die Autorin, euphorisch gelobt selbst in der New York Times, war im Alter von 58 Jahren - nach ihrer vorzeitigen Pensionierung, weil sie es einfach nicht mehr in der Schule aushielt und vielleicht auch wegen des Todes des unehelich geborenen Sohnes - in ein tiefes Loch gefallen und depressiv geworden. Wie sie selbst schildert, rettete sie die literarische Betätigung vor einem totalen psychischen Zusammenbruch. Sie nennt dies ihre „Unfähigkeit, hohle Stunden zu ertragen“.

Martin Walser: "Maria Beig ist einzigartig in der deutschen Literatur"

Martin Walser, Landsmann vom Bodensee, entdeckte und förderte die für ihn "in der deutschen Litaratur einzigartige" Küchentisch-Autorin, verschaffte ihr ein Entrée in den Verlagen Thorbecke und Suhrkamp. An Attributen für die Qualität der Beigschen Literatur fehlt es nicht. Ihre Erzählweise ist lakonisch, lapidar, unsentimental, knapp, unprätentiös, anti-idyllisch, weise, protokollarisch, nüchtern, unversöhnlich, testamentarisch – und zuweilen auch heiter.

30 Jahre schreiben und schweigen

Dreißig Jahre lang schrieb Maria Beig Romane und Geschichten über die Menschen, vor allem die Frauen ihrer oberschwäbischen Heimat. Über ihre seelische Wunde, die Geschichte der Geburt und des Aufwachsens ihres Sohnes, spricht sie nie. Erst in ihrer mit 88 Jahren verfassten Autobiografie, auch diese teilweise in der Distanz ausdrückenden dritten Person erzählt, nach dem Tod des Ehemannes, erfahren ihre Leser und Bewunderer ein paar Wahrheiten. Dennoch haftet ihren keineswegs idyllischen Dorfgeschichten weiterhin etwas Geheimnisvolles an, "das Geheimnis des Tatsächlichen", wie ihre Herausgeber Peter Blickle und Hubert Klöpfer es nennen. Das Büchlein „Ein Lebensweg“, ihr dreizehntes, beschreibt in vier Kapiteln „einen“ vielleicht exemplarischen Lebensweg einer Bauerntochter, die 1920 als "Mittlere" von 13 Geschwistern geboren wurde.

Schweigeversprechen bis ins Grab

Der Hof des Vaters stand oft kurz vor dem Ruin, die Liebe der Mutter reichte nicht für eine schöne Kindheit. Die kleine „Mei“ hat in einer lieblosen, rauen, ländlichen Welt wenig zu lachen, vor allem wird ihr sensibles Wesen und ihre außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit für die sie umgebenden Dinge, Tiere und Menschen vollkommen missachtet, denunziert, verlacht und im Keim erstickt.Leider entwickelt sich ihr Erwachsenenleben nicht viel besser, die junge Frau wird ungewollt schwanger, der Kindsvater macht sich aus dem Staub, und sie führt ein schweres, aber bewundernswert selbstständiges Frauenleben im Spagat einer alleinerziehenden berufstätigen Mutter im ländlichen Raum. Als Mutter fühlt sie sich als Versagerin. Unter dem Druck kleinbürgerlicher Bedingungslosigkeit ihres späteren Ehemanns muss sie den Sohn verleugnen und gibt ein so schwerwiegendes Schweigeversprechen, dass die eheliche Tochter wohl erst aus der späten Autobiografie ihrer Mutter von dem mittlerweile verstorbenen älteren Bruder erfahren durfte. Es ist diese ungeheuerliche Wahrheit, die im dritten Buchkapitel der Autobiografie, „Der Umweg“, fast beiläufig, wie es Maria Beigs Art ist, mitgeteilt wird. Dieses vierte Kapitel ist in der dritten Person geschrieben, so schwer fällt ihr die Offenbarung.

40 Fotos aus den Familienalben von Maria Beig

Auch die wunderbaren Familienfotos der Hommage "Maria Beig zu ehren", Momentaufnahmen des harten bäuerlichen Lebens, zeigen oft verhärtete, zumindest verhärmte, im Alltagskampf erstarrte Gesichter, die ihre Lebenswünsche längst hinter Engstirnigkeit begraben haben. Dazwischen immer wieder die Autorin selbst, verlegen, dazugehörig und doch Gast, denn sie suchte ein Ich und hatte individuell definierte Ziele, wo die anderen sich unhinterfragten Regeln unterwarfen.

Maria Beig: Das Gesamtwerk in fünf Bänden (1-3 Romane, 4-5 Erzählungen). Herausgegeben von Peter Blickle und Franz Hoben. Kloepfer & Meyer 2010. Gebunden, im Schuber. 89,00 Euro

Maria Beig zu ehren. Festschrift zum 90. Geburtstag. Mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien. Mit Beiträgen von Martin Walser, Arnold Stadler, Peter Hamm, Tina Stroheker, Dietlinde Ellsässer, Manfred Bosch, Peter Blickle, Oswald Burger, Peter Renz, Andrea Reidt und Helen Meier. Kloepfer & Meyer 2010. Kartoniert. 120 Seiten. 16,00 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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