
- Maria de Bahia - Swen Gummich
suite101: Wie lebt man als Brasilianerin in Deutschland? Keine Sehnsucht nach Brasilien?
Maria de Bahia: Nach Brasilien eigentlich nicht. Dafür bin ich schon zu lange in Deutschland. Auch die üblichen Klischees treffen bei mir nicht zu. Zwar geht mir – wie so vielen anderen Deutschen auch – das Wetter in Köln manchmal ganz schön auf die Nerven, aber Sehnsucht nach blauem Himmel, Strand etc. habe ich nicht. Wenn ich Sehnsucht habe, dann nach meiner Familie. Mit meiner Mutter telefoniere ich inzwischen zwei-, dreimal die Woche.
suite101: Sie sind seit 28 Jahren in Deutschland. Wie kamen Sie hierher?
Maria de Bahia: Ja, wie so häufig: aus Liebe. Ich habe damals sehr erfolgreich in Brasilien als Schauspielerin gearbeitet. Sowohl auf der Bühne als auch im Kino. Mit 16 habe ich in Belo Horizonte angefangen mit der Schauspielerei. Bin dann mit mehreren Stücken durch ganz Brasilien gezogen. Mein größter Erfolg war wahrscheinlich Nelson Rodrigues Album de familia. Das hat damals José Mayer inszeniert, der heute ziemlich bekannt für TV Globo arbeitet. Dann auch noch Valsa No. 6, ebenfalls von Nelson Rodrigues. Aber als ich dann nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch sprechen. Theater war damals also für mich unmöglich zu spielen. Da habe ich mir überlegt,: was kannst du noch? Und fürs Tanzen hatte ich immer schon einen Faible. Besonders für Samba. Also habe ich dann, um Geld zu verdienen, mit dem Sambaunterricht begonnen.
suite101: Deshalb dann auch der Künstlernamen Maria de Bahia? Wie exotisch war Samba damals?
Maria de Bahia: Der Namen war eigentlich eher Zufall. Geboren bin ich nicht in Bahia, sondern an der Grenze zwischen Minas Gerais und Bahia in einem kleinen Dorf. Es muss in den 30er Jahre einen Berühmten Schlager in Deutschland gegeben haben, der hieß Maria aus Bahia. Da haben wir dann einfach daraus meinen Künstlernamen gemacht. Und exotisch war Samba damals schon. Die meisten hatten von Brasilien ja keine Ahnung. Fußball, Amazonas und Karneval – mehr wussten die nicht. Es waren vor allem Frauen, meist Studentinnen, die sich für Samba interessierten. Das war wahrscheinlich schrecklich alternativ.
suite101: In den Jahren 88 und 89 haben Sie außer dem Unterricht auch regelmäßig brasilianische Künstler für Shows mit Capoeira, Samba, Gafieira, Lambada, Forró etc. nach Deutschland geholt. Wer kam zu solchen Veranstaltungen?
Maria de Bahia: Das Interesse an Exotik war damals groß. Lateinamerika war in. Die brasilianische Botschaft war damals noch in Bonn. So kam eine Mischung aus brasilianischen Botschaftsmitgliedern, Tanzwütigen, Studenten aber auch Männern, die einmal in Brasilien Urlaub gemacht hatten und jetzt zu einer Brasil Show in Deutschland gehen wollten. Ich glaube das Publikum war damals sehr gemischt.
suite101: Sie sind auch öfters im Kölner Geisterzug mitgezogen. Was ist der Unterschied zwischen Karneval in Rio und dem in Köln?
Maria de Bahia: Erst einmal das Wetter. Hier ist es im Karneval immer extrem kalt. In Brasilien ist dann Sommer. Und dann noch: in Deutschland gibt es für meinen Geschmack viel zu viele Betrunkene im Karneval. Das ganze Jahr über sind die Deutschen verklemmt, im Karneval lassen sie dann die „Sau“ raus. So richtig lustig werden sie aber nicht.
suite101: Samba Batucada - also die reine Percussion - ist in Deutschland zu so etwas wie einer Allzweckwaffe geworden – eingesetzt im Karneval wie auch auf jeder Demo.
Maria de Bahia: Ja stimmt. Zwar wird auch in Brasilien auf einer Demonstration getrommelt, aber hier ist das immer so bitter ernst. Die Musiker sind so schrecklich verkniffen. In der Musik genauso wie im Tanz ist das Wichtigste in Brasilien mit einem bekannten Repertoire zu spielen. Man beherrscht es und spielt mit den anderen, macht Show und nimmt sich dabei überhaupt nicht ernst.
suite101: Ihre tänzerischen Interessen haben sich vom Samba de Pé zum Forró verlagert. Warum?
Maria de Bahia: Für mich ist Paartanz immer interessanter geworden. Zu zweit tanzen, sich auf den anderen einlassen, geführt zu werden, aber auch selber bestimmen – das finde ich spannend. Forró ist im Gegensatz zum Samba auch viel europäischer. Sowohl die Musik als auch die Tanzbewegungen. Zudem hat sich Forró von dem folkloristischen Flair gelöst. Es ist in Brasilien nicht mehr ein regionaler Volkstanz. Inzwischen wird Forró in allen größeren Städten Brasiliens angeboten. Sowohl die Tanzmöglichkeit als auch Unterricht. In den vergangen Jahren sind die Akademien in Rio, Sao Paulo, Belo Horizonte wie die Pilze aus dem Boden geschossen. So etwas, eine solche Tanzbegeisterung, die möchte ich gerne auch hier in Deutschland entfachen.
suite101: Und klappt das?
Maria de Bahia: Ja. Natürlich gibt es spezielle Schwierigkeiten. Viele Männer sind hier echte Tanzmuffel. Von daher gibt es im Unterricht immer mehr Frauen als Männer. Das hängt wahrscheinlich mit der deutschen Vorstellung von Tanzschule zusammen.
suite101: Das hat auch Konsequenzen für die Unterrichtsmethode nicht?
Maria de Bahia: Natürlich. In Brasilien schaust du und machst nach. Hier in Deutschland wollen die Schüler, dass der Unterricht strukturiert ist. Das eine Bewegung auf der anderen aufbaut. Dass du ihnen erklärst, was sie zu tun haben. In Deutschland lernt man zu allererst mit dem Kopf. Dann erst mit dem Körper. Ideal wäre beides zugleich.
suite101: Wie würden Sie es formulieren: Meine Heimat ist ...
Maria de Bahia: … da wo ich tanze.
suite101: Danke für das Gespräch.
