
- Mariana Leky: Die Herrenausstatterin - Dumont Buchverlag
Katja leidet. Genauer gesagt hat sie einen "Wackelkontakt mit der Realität". Ihr ist ziemlich Übles widerfahren: Zuerst verschwindet ihr Mann Jakob mit einer anderen Frau, und während Katja noch versucht, mit dieser frischen Liebeswunde fertig zu werden, verunglückt er tödlich. Alina, die Überbringerin der Nachricht, ist Jakobs Geliebte. Katja geht durch die Hölle. Ein allzu ernstes, trauriges Buch voller Selbstbetrachtungen und depressiver Nabelschau einer betrogenen Ehefrau? Oh nein, keineswegs, ganz im Gegenteil.
Optimistischer Roman über Liebekummer
Mariana Leky, Jahrgang 1973, die erst einen Roman und eine Sammlung von Erzählungen publiziert hat, verfügt über die leider allzu seltene Gabe, eine Geschichte lakonisch, sparsam mit Worten, faktenorientiert und doch ungeheuer packend und ergreifend zu erzählen. Zu Recht landete ihr Roman "Die Herrenausstatterin" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Wenn man ein Buch nicht aus der Hand legen mag, bevor man die letzte Seite umgeblättert hat, muss das kein Qualitätsbeweis sein, es kann aber sozusagen literaturseismografisch auf einen talentierten Autor hinweisen, vor allem wenn die anderen Beurteilungskritierien ebenfalls erfreulich ausfallen – Stil, Wortwahl, Satzbau, Plot, überraschende Momente, die die Geschichte in eine andere Richtung treiben, Optimismus.
Spannend und ergreifend: "Die Herrenausstatterin" von Mariana Leky
All dies trifft auf Mariana Lekys wunderschönen Roman "Die Herrenausstatterin" zu, der nur ein großes Manko hat: Die 200 Seiten lesen sich im Handumdrehen, an einem langen Nachmittag oder Abend. Gerade, wenn es der Protagonistin anfängt, etwas besser zu gehen, und wenn die Wogen des seelischen Aufruhrs sich zu glätten beginnen, ist Schluss. Klar, eine problemlose, heile Welt mit glücklichen oder zufriedenen Helden ist langweilig. Es muss schon etwas passieren. Und in Katjas Leben gerat so ziemlich alles aus den Fugen, das macht den Reiz der rasanten Geschichte mit vielen Dialogen aus. Darin ähnelt der Roman dem ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Das war ich nicht" von Kristof Magnusson und der Geschichte "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" von Alina Bronsky.
Zwei Schutzengel und eine beste Freundin
Das Motto des Romans könnte lauten: Das Leben geht weiter. Oder: Die Zeit heilt alle Wunden. Oder: Auch andere Mütter haben hübsche Söhne. Oder: Wenn die Not am größten, ist Gott (Rettung) am nächsten. Mit solchen Platitüden jongliert eine Autorin automatisch am Rande des Kitsches. Tatsächlich begegnet die liebeskranke und an ihrer Identität gestrauchelte junge Frau, eine Anglistin, die sich ihr Leben als Fließband-Übersetzerin in einem Großraumbüro verdient, zwei männlichen Schutzengeln und verfügt außerdem über die hilfsbereite beste Freundin Evelyn, welche allerdings kurz entschlossen mit ihrem Psychologen eine Kreuzfahrt unternimmt und als Trösterin in der schwersten Zeit nicht zur Verfügung steht.
Ein Zahnarzt, ein Feuerwehrmann und ein toter Altphilologe
Ein zwar operables, aber doch eher symbolisch gemeintes, zumindest aber psychosomatisches Augenleiden hatte Katja bereits zu Lebzeiten ihres zartfühlenden und doch freiheitsliebenden Ehemannes befallen. Das Paar war sich gefühlsmäßig entglitten und in logischer Folge kann Katja Jakob immer schlechter sehen. Diese Jakob-Figur verdient, genau wie der plötzlich auftauchende Feuerwehrmann Armin, besondere Beachtung. Mariana Leky zeichnet hier eine aktuelle 30plus-Männer-Generation mit zeittypischen Ängsten und Verhaltensmustern.
Männerneurosen
Jakob hat Katja zwar geheiratet, will aber niemals in einer Wohnung mit ihr leben, selbst wenn ein Kind geboren werden sollte. Als Zahnarzt erfreut er sich wegen seiner einfühlsamen Behandlungsmethoden großer Beliebtheit, seiner Frau gegenüber allerdings verhält er sich nicht weniger feige und unsensibel als andere Ehemänner, die eine neue Beziehung eingehen und kommentarlos verschwinden. Der in Stressmomenten kleptomanisch veranlagte, brusttätowierte Armin wiederum, dessen Hauptinteresse Karatefilmen gilt, bekommt Panik, als sich herausstellt, dass die Zufallsaffäre mit Katja ihn zum Vater machen wird. Das freundliche Taggespenst Dr. Blank, ein verstorbener Altphilologe aus der Nachbarschaft, ist bzw. war ein weichherziger, auf andere Art feiger Ehemann, der genau über die Ehebrüche seiner Gattin Bescheid wusste, sie aber nie darauf angesprochen hatte, was er jetzt nachholen möchte, um seinen Grabesfrieden zu finden.
Lektüre für einsame Stunden
Mariana Lekys Story "Die Herrenausstatterin" ist genau die richtige Lektüre in Momenten der Einsamkeit, Trauer und des Verlassenseins. Die Autorin hat die Gabe, ihre Leser für eine Weile in einen Zustand freudiger Leichtigkeit des Sein zu versetzen. Und was will man mehr!
Mariana Leky: Die Herrenausstatterin. Roman. Dumont Buchverlag 2010. Gebunden. 206 Seiten. 18,95 Euro
