
- Marianne von Preußen - Ev. Kirchengemeinde Eltville-Erbach
Marianne von Preußen, geborene Prinzessin der Niederlande, war die einzige und heiß geliebte Tochter des holländischen Königs. 1830, im Alter von 20 Jahren, heiratete sie ihren gleichaltrigen Cousin Prinz Albrecht von Preußen. 1844 trennte sie sich von ihrem Ehemann, weil sie nicht bereit war, seine außereheliche Liebesaffäre hinzunehmen. Sie ging viel auf Reisen, vor allem nach Italien. Johannes van Rossum, ihr Leibkutscher und Sekretär, wurde zu ihrem engsten Vertrauten und bald zu ihrem Geliebten. Die Trennung von ihrem Mann und das Liebesverhältnis mit einem Bediensteten wurden der Prinzessin in den adeligen Kreisen nicht verziehen. Nach der Scheidung von Prinz Albrecht im Jahr 1849 wurde sie offiziell vom preußischen Königshof verbannt. Sie litt unter der Trennung von ihren drei Kindern, die sie nur noch außerhalb Preußens treffen durfte. Marianne hatte Besitzungen in den Niederlanden, in Polen und in Italien, wo sie ihre Kinder empfing und ein herzliches Verhältnis zu ihnen pflegte.
Geradlinigkeit und Ehrlichkeit waren Marianne von Preußen wichtiger als der schöne Schein
Am 30. Oktober 1849 brachte Prinzessin Marianne auf Sizilien ihren nichtehelichen Sohn Johann Wilhelm zur Welt. Während sie in den ersten beiden Lebensjahren ihres Kindes durch Europa und ins Heilige Land reiste und sich der Einrichtung einer Villa in Rom widmete, blieb ihr Sohn in der Obhut Bediensteter, bis sie ihn endgültig zu sich nach Rom holte. Dass sie sich offen zu ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen Sohn bekannte, war in den Adelskreisen ein noch größerer Skandal als die Scheidung, doch die eigenwillige Frau und tiefgläubige Protestantin hat in ihrem Leben immer wieder bewiesen, dass ihr echte Gefühle und Ehrlichkeit wichtiger waren als der schöne Schein, und sie hat den Preis dafür konsequent bezahlt. Mit Geradlinigkeit und Mut beantwortete sie die Ablehnung, die sie durch den preußischen Königshof erfahren hatte und – nach dem Tod ihrer geliebten Eltern – auch durch ihren Bruder und den holländischen Königshof erfuhr.
Marianne von Preußen fand eine neue Heimat auf Schloss Reinhartshausen im Rheingau
In Italien entwickelte Prinzessin Marianne eine Sehnsucht, wieder näher an der preußischen Heimat ihrer Kinder zu leben. Sie fand den Ort ihrer Träume im Stammland ihrer Vorfahren: Schloss Reinhartshausen in Erbach, heute ein Stadtteil von Eltville, im Herzogtum Nassau. Sie übernahm das Gebäude und die Ländereien, erweiterte das Schloss um ein Museum. Mit ihrem Lebensgefährten verwandelte sie Reinhartshausen in eine große Kunstgalerie, wo die auf Reisen und während der Jahre in Italien gesammelten Kunstschätze Platz fanden. Reinhartshausen entwickelte sich zu einem lebendigen Forum für Künstler und Kunstliebhaber und zugleich legte Marianne den Grundstein für ein Weingut von Weltruhm. Sie nutzte ihren materiellen Reichtum nicht nur für sich, sondern bewies ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, christlicher Nächstenliebe und sozialer Verantwortung für die Menschen ihrer Umgebung, denen es weniger gut ging.
Ein unendlicher Schmerz für Marianne von Preußen war der Tod ihres zwölfjährigen Sohnes
In dem Schloss in Erbach waren ihr sechs glückliche Jahre vergönnt. Unendlich war der Schmerz, als am ersten Weihnachtstag 1861 ihr Sohn in ihren Armen plötzlich an Scharlach und Fieber starb. Prinzessin Marianne hatte in ihrer Ehe mit Prinz Albrecht verkraften müssen, dass sie ein Kind tot zur Welt brachte und ein anderes nach der Geburt verstarb. Ein noch größerer Schmerz war der Tod ihrer ältesten Tochter Charlotte im Alter von nur 23 Jahren. Mariannes ganze Liebe und Aufmerksamkeit galten ihrem jüngsten Kind, Johann Wilhelm, das sie als „Blume meines Lebens” bezeichnete.
„Die Welt ist für mich ein großer Gottesacker, denn überall stehen die Gräber meiner Lieben, aber das Grab am Rhein ist das Grab meines Lebens, denn Johannes Willem war mein Leben“, schrieb Marianne von Preußen nach dem Tod ihres jüngsten Kindes. Sie folgte dem einmal geäußerten Wunsch ihres Sohnes und stiftete noch am Abend seines Todestags 60.000 Gulden für den Bau einer evangelischen Kirche mit Pfarrhaus in Erbach und zur Dotation einer Pfarrstelle im oberen Rheingau. Damit hatte der vordere Rheingau erstmals eine evangelische Kirche. Prinzessin Marianne besserte ständig das Gehalt des Pfarrers aus eigener Tasche auf, spendete an allen kirchlichen Feiertagen Geld für die Armen der Gemeinde, auch für die katholischen Armen. Darüber hinaus unterstützte sie die Schule in Erbach und zahlreiche soziale Einrichtungen im Rheingau und in der Region, außerdem auch in der Umgebung ihrer Besitzungen in Holland und Schlesien.
Kirchengemeinde und Hotel Schloss Reinhartshausen ehren das Andenken der Prinzessin
Als Prinzessin Marianne 1883 starb, wurde sie neben ihrem zehn Jahre zuvor verstorbenen Lebensgefährten auf dem Erbacher Friedhof beerdigt. Ihren Sohn wusste sie in der Gruft der Johanneskirche in Gottes Hand. 1902 brachten die Erbacher ihre Dankbarkeit und Verehrung für die Prinzessin zum Ausdruck, indem sie die zum Schloss gehörende „Westfälische Aue” in „Mariannenaue” umbenannten. Die vier Kilometer lange Aue ist die größte Rheininsel und seit 1974 europäisches Naturschutzreservat.
Schloss Reinhartshausen wurde 1959 von den Nachkommen der Prinzessin verkauft und ist seitdem ein Hotel, inzwischen Hotel Schloss Reinhartshausen Kempinski. Hotel und Kirchengemeinde ehren das Andenken Mariannes bis heute. Am 9. Mai 2010 feierten sie gemeinsam den 200. Geburtstag der Prinzessin mit einem großen Fest. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher auf den Spuren Mariannes von Preußen aus ganz Deutschland, aus Holland und Polen besuchen bis heute Schloss Reinhartshausen und die Johanneskirche in Erbach. Die Kirche, die unter der Leitung von Eduard Zeiss erbaut wurde, gilt als eine der schönsten in Hessen.
Quellen:
- Diverse Führungen und Vorträge zu Marianne von Preußen von Petra Müller-Klepper, den Eltviller Gästeführern u.a.
- Marianne Dopatka, „Marianne von Preußen – Prinzessin der Niederlande“, erschienen 2003 im Verlag Waldemar Kramer, 110 Seiten.
