
- Mark Lawrence: Prinz der Dunkelheit - Heyne
Rachegeschichten haben einen festen Platz in der Literatur. Große Rächer sind Robin Hood, der Graf von Monte Christo oder Karl Moor in Friedrich Schillers „Die Räuber“. Auch in der Fantasy erzählte zuletzt Joe Abercrombie in „Racheklingen“ die Geschichte einer langen und blutigen Rache. Mark Lawrence möchte sich mit „Prinz der Dunkelheit“ in diese Tradition einreihen. Doch Rachegeschichten haben das Problem, dass er Weg der Handlung vorgeschrieben scheint: Der Gekränkte rächt sich an seinen Peinigern und muss aufpassen, dabei nicht selbst zum Schurken zu werden.
Der „Prinz der Dunkelheit“ ist ein gebranntes Kind
Lawrence versucht, dieses Problem dadurch zu umgehen, dass er seine Leser durch Ungewöhnliches schockiert – sein „Prinz der Dunkelheit“ ist noch ein Teenager. Als Kind musste Jorg mit ansehen und anhören, wie sein kleiner Bruder und seine Mutter starben. Er selbst wurde aus der Kutsche geworfen und fiel in einen Dornenbusch, der ihn vor den Mördern verbarg. Im Original heißt das Buch „Prince of Thorns“ (Dornenprinz). Dem Heyne-Verlag war das wohl nicht düster genug, weshalb daraus der „Prinz der Dunkelheit“ wurde. Dieser Prinz will sich um jeden Preis an seinen Peinigern rächen und flieht vom Hofe seines Vaters. Er schließt sich einer Räuberbande an und wird ob seiner Skrupellosigkeit schnell ihr Anführer. Doch auch mit seinen Söldnern bekommt er die Rache nicht so schnell wie gewünscht, und Jorg muss erkennen, dass er nur eine Figur auf dem Schachbrett und nicht einer der Spieler ist.
Mark Lawrence wählt im Fantasy-Roman „Prinz der Dunkelheit“ einen Ich-Erzähler
Der britische Fantasy-Autor Mark Lawrence erzählt die Handlung aus Sicht von Jorg. Der Ich-Erzähler beschreibt nicht nur die Geschehnisse, sondern wendet sich von Zeit zu Zeit auch direkt an die Leser. Kurz, knapp und schnörkellos ist der „Prinz der Dunkelheit“ gelassen. Ausführliche Beschreibungen und lange Diskurse spart sich Lawrence und hebt ihn von epischen Erzählern wie Peter V. Brett („Das Lied der Dunkelheit“) oder Brandon Sanderson („Der Weg der Könige“) ab.
Die Welt, in der Jorg und seine Räuber unterwegs sind, weißt große Parallelen zur Realität auf. So gibt es eine christliche Kirche, Aristoteles ist bekannt und die Teutonen sind großgewachsene Blondschöpfe mit blauen Augen (das britische Nazi-Bild lässt grüßen). Doch zugleich ist die Epoche, in der die Handlung spielt, nicht erkennbar. Der technologische Stand entspricht dem des Mittelalters, doch es gibt Überreste einer Hochtechnologie der sogenannten Erbauer. Diese haben jedoch mit schrecklichen Waffen die Welt vor 1000 Jahren fast ausgelöscht – seitdem streiten verschiedene Königreiche um die Vorherrschaft. Auch Jorgs Vater strebt nach der Kaiserkrone.
Der „Prinz der Dunkelheit“ weckt kaum Sympathien
Während dieser Ansatz durchaus seinen Reiz hat und Lawrence ganz gefällig schreibt, bleibt ein großes Problem: Der „Prinz der Dunkelheit“ ist ziemlich unglaubwürdig. Zu abgezockt, zu zynisch für sein Alter ist der amoralische Charakter geraten. Die Eigenschaften führen dazu, dass man sich als Leser kaum mit dem Protagonisten identifizieren kann. Auch das Mitleid mit Jorg hält sich in Grenzen. Das mag auch daran liegen, dass die Handlung nicht chronologisch erzählt wird, sondern voller Rückblenden steckt. Leser erleben so nicht den Verlust mit, den Jorg erleidet; sie lernen ihn als eiskalten Mörder kennen, der über Leichen geht.
Die Rache-Odyssee von Jorg ist am Schluss von „Prinz der Dunkelheit“ noch nicht beendet. Er muss noch zeigen, ob aus seiner Rache etwas Gutes entstehen kann, wie es Robin Hood oder Batman geschafft haben. Der Fantasy-Roman von Mark Lawrence ist nur der Auftakt zu einer ganzen Trilogie über den Kampf um die Kaiserkrone des auseinander gefallenen Reiches. Mehr zum Autor und seinem Werk steht auf der englischsprachigen Homepage.
Mark Lawrence: Prinz der Dunkelheit. Heyne 2011. Broschiertes Taschenbuch, 384 Seiten. Euro 13 (Österreich 13,40).
