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Martin Luther und die Juden

Die Grenzen christlicher Toleranz zur Reformationszeit

War der Reformator Martin Luther (1483- 1546) Judenfreund oder Antisemit? Bei genauerer Betrachtung erweisen sich beide Einstufungen als anachronistisch.

Als der Nazi- Propagandist Julius Streicher in den Nürnberger Prozessen mit den Folgen seiner antisemitischen Hasskampagnen konfrontiert wurde, berief er sich auf einen historischen Kronzeugen. Wenn man ihm seinen Antisemitismus vorhalte, so müsse man auch eine deutsche Geistesgröße wie Martin Luther auf die Anklagebank setzen.

Die Stellung Luthers zum Judentum ist seit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus und verstärkt nach 1945 immer wieder kontrovers diskutiert worden. Eine Extremposition hat sich in der Tat auf Streichers Verteidigungsstrategie eingelassen und die Kontinuitätslinie eines vermeintlich spezifisch deutschen Antisemitismus von Luther bis Hitler gezogen. Eine andere Extremposition entschuldigt die „Judenschriften“ des späten Luther als bedauerliche Verirrung und preist die tolerante Haltung des jungen Luther. Beide Thesen halten weder den Quellen, noch der neueren historischen Forschung stand.

Der junge Luther

Dass sich im Judenbild Luthers ein Wandel vollzogen hat, erscheint auf den ersten Blick plausibel. In seiner Wittenberger Römerbriefvorlesung (1515/16) hatte Luther die bleibende Erwähltheit der Juden als Gottesvolk hervorgehoben, die allerdings unter dem Vorbehalt ihrer gegenwärtigen oder endzeitlichen Bekehrung zu Jesus Christus stehe. Diese könne man nicht durch obrigkeitliche Gewaltmaßnahmen erzwingen.

Ähnlich äußerte sich der Reformator in seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523). Anlass für diese Schrift war der Vorwurf seiner Gegner, er habe das Dogma der unbefleckten Empfängnis geleugnet und sich in dieser Frage auf die Seite der Juden geschlagen. Luther bestritt den Vorwurf und wies darauf hin, dass Jesus – trotz der unbefleckten Empfängnis Mariens – ein geborener Jude gewesen sei. Indem sie Jesus als Messias ablehnten, seinen die Juden selbst vom Glauben ihrer Väter abgefallen. Dies gelte jedoch gleichermaßen für die Christen, die den päpstlichen Irrlehren gefolgt seien. Warum hätten sich die Juden zu einer Kirche bekehren sollen, die sie verfolgt und einer schriftwidrigen Theologie huldigt? Die Christen müssten zum wahren Evangelium zurückkehren und mit Milde auf die Konversion der Juden drängen.

Der alte Luther

Von Milde ist in Luthers späten Judenschriften nichts mehr zu finden. Die Gemeinschaft von Juden und Christen in der Sünde wird hier durch eine klare Feindmarkierung abgelöst. Die Juden verweigerten sich nicht nur hartnäckig der Konversion, sondern übten mit ihren falschen Lehren einen gefährlichen Einfluss auf die Christen aus, wie Luther an der vermeintlichen jüdischen Proselytenwerbung in Böhmen und Mähren zu demonstrieren versuchte. („Wider die Sabbather“, 1538) In dem Traktat „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) zählte Luther die Juden neben Papisten und Türken zu den antichristlichen Mächten, die zum Endkampf zwischen wahrer und falscher Kirche angetreten seinen.

Wohl beeinflusst durch den jüdischen Konvertiten Antonius Margaritha führte Luther nun auch die mittelalterlichen Mythen von Wucher, Ritualmord, Hostienschändung und Brunnenvergiftung ins Feld. Mit ihnen wollte er aufzeigen, dass die Juden nicht nur eine Gefährdung des Seelenheils der Christen darstellten, sondern auch deren Gut und Leben bedrohten. Daher könne man gegenüber ihnen nur eine „scharfe Barmherzigkeit“ üben. Der Obrigkeit schlug Luther konkrete Verfolgungsmaßnahmen vor (Vernichtung der jüdischen Religionsschriften, Lehrverbot für Rabbiner, Verbrennung von Synagogen, Zwangsarbeit, Vertreibung), die er in seinen frühen Werken noch scharf kritisiert hatte.

Wandel oder Kontinuität?

Die Forschung ist sich mittlerweile einig, dass sich in Luthers Judenbild kein Wandel vollzogen hat. Auch dem jungen Luther ging es nie um die Tolerierung von Juden als Juden. Dies ist erst seit der Aufklärung zu einer denkbaren Option geworden, weil sie die Konversions- durch die Assimilationsforderung ersetzte. Luther ging es jedoch um die Bekehrung der Juden und um den Schutz des wahren Evangeliums vor jüdischen „Irrlehren“. Einem Wandel unterlagen lediglich die Mittel, über die Luther die beiden Ziele anstrebte. Reinhold Lewin macht das Schwinden der Konversionshoffnung für die Abkehr von der anfänglich toleranten Haltung verantwortlich. Peter von der Osten-Sacken hat diese These mit dem Verweis auf die Quellen von Luthers späten Judenschriften untermauert. Der Reformator sei stark von den polemischen Schriften jüdischer Konvertiten beeinflusst worden, die vor der Verstocktheit und Schädlichkeit des Judentums warnten.

Wilhelm Maurer und Johannes Brosseder haben dagegen bezweifelt, dass Luther die Massenbekehrung von Juden je für eine realistische Möglichkeit hielt. Vielmehr sei es ihm um den Schutz evangelischer Rechtgläubigkeit gegangen. Achim Detmers hat am Topos der „Judaisierung“ aufgezeigt, dass in der reformatorischen Polemik die „Judenfrage“ häufig nur Mittel zum Zweck war. Luther habe keinen Diskurs mit den Juden führen wollen, sondern über den Judaisierungsvorwurf (- der auch gegen ihn selbst vorgebracht wurde -) Altgläubige und Schwärmer angegriffen.

Heiko A. Oberman begründet die Wende zur Intoleranz dagegen mit der gesteigerten Endzeiterwartung in der Spätphase der Reformation. Das Bevorstehen des Jüngsten Gerichts lasse keine Zeit, die Bekehrung der Juden ins Werk zu setzen. Gemeinsam mit Papisten und Türken stünden sie im Lager des Antichristen, vor dessen Angriffen und Versuchungen die wahre Kirche geschützt werden müsse.

Antijudaismus oder Antisemitismus?

Nur wenn man Antisemitismus als Oberbegriff für alle Formen von Judenfeindlichkeit versteht, kann man – wie es Julius Streicher getan hat – Luther als Antisemit bezeichnen. Sinnvoller ist es jedoch, von Antijudaismus zu sprechen, denn bei Luther erscheinen die Juden als Feinde des Christentums und nicht als Feinde von Nation und Rasse wie im modernen Antisemitismus. Allerdings hat Luther in seinen späten Schriften den Angriff auf das Judentum mit dem Angriff auf die Juden als Volk verbunden, dem er nicht nur eine geistliche, sondern auch eine weltlich-materielle Schädlichkeit unterstellte. Doch selbst darin stand er der mittelalterlichen Judenpolemik näher als dem modernen Antisemitismus.

Literatur

Brosseder, Johannes, Luthers Stellung zu den Juden im Spiegel seiner Interpreten, München 1972.

Detmers, Achim, Reformation und Judentum. Israel- Lehren und Einstellungen zum Judentum von Luther bis zum frühen Calvin, Stuttgart 2001.

Kaufmann, Thomas, Luthers „Judenschriften“ in ihren historischen Kontexten, Göttingen 2005.

Kremers, Heinz (Hg.), Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden, Neukirchen 1985.

Lewin, Reinhold, Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Reformationszeitalters, Aalen 1973. (1.Aufl. 1911)

Maurer, Wilhelm, Die Zeit der Reformation, in: Karl Heinrich Rengstorff/ Siegfried von Kortzfleisch (Hg.), Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden, Bd.1, Stuttgart 1968, S. 375-429.

Osten- Sacken, Peter von der, Martin Luther und die Juden. Neu untersucht anhand von Anton Margarithas „Der gantz Jüdisch glaub“ (1530/31), Stuttgart 2002.

Sucher, Bernd, Luthers Stellung zu den Juden. Eine Interpretation aus germanistischer Sicht, Nieuwkoop 1977.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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