
- Buchcover: Der Lebenslauf der Liebe - Suhrkamp
Entgegen den Vermutungen, die sich dem Leser vielleicht durch den Titel aufdrängen, ist dieser dreiteilige Roman eigentlich kein Liebesroman, sondern die Geschichte eines an der Liebe gescheiterten Frauenlebens.
Eine künstlich am Leben erhaltene Ehe
Der erste Teil spielt im Herbst 1987. Susi Gern, Jahrgang 1931, ist die Frau des äußerst erfolgreichen und vermögenden Düsseldorfer Anwalts Edmund Gern. Obwohl die beiden sich längst auseinander gelebt haben und von den Affären des anderen wissen, leben sie weiter mit der 28-jährigen behinderten Tochter Conny zusammen in ihrer 390 Quadratmeter großen Penthouse-Wohnung. Susi verbringt ihre Tage aus eigener Sicht in dem Rhythmus „fressen, kotzen, fernsehen“, außerdem mit der Pflege ihrer Tochter, einkaufen, Ordnung halten. Der Löwenanteil des ersten Abschnitts besteht jedoch daraus, dass sie verflossenen Liebhabern nachtrauert. Gegen Ende des ersten Teils beginnt Edmund mit Börsenspekulationen in großem Stil.
Ende des Wohlstandes
Diese Spekulationen bringen ihn der Pleite im 1995/96 spielenden zweiten Teil immer näher. Immer vehementer fordern die Gläubiger ihr Geld und immer knapper wird die Barschaft zur Deckung des Lebensbedarfs, worunter Susi sehr leidet. Edmund vertröstet sie immer wieder auf „den kurz bevorstehenden Tag X“, an dem er sagenhafte Gewinne realisieren will. Sie glaubt ihm jedoch immer weniger und schließlich gar nicht mehr –zu Recht: Nach dem Jahreswechsel wird als letzter Immobilienbesitz ihre Wohnung zwangsversteigert - weit unter Wert. Begleitet wird diese Entwicklung von Edmunds immer weiter fortschreitendem Siechtum auf Grund von früh einsetzender Altersschwäche und Parkinson. Er wird immer hinfälliger und Inkontinenz zwingt ihn zum Tragen von Windeln, worunter Susi am meisten leidet. Trotzdem unterhält er weiter seine Affären und gibt mit diesen Frauen Geld aus, das er eigentlich nicht hat. Als die Zwangsräumung der Wohnung naht, spitzt sich Edmunds Gesundheitszustand zu und schließlich stirbt er am Stichtag. Susi zieht mit Conny in eine 60 Quadratmeterwohnung in dem Mietshaus Lindemannstraße, das einst Edmund und ihr gehört hatte. Zu diesem Zeitpunkt sind aus einst 7,5 Millionen DM Vermögen 2,5 Millionen DM Schulden geworden.
Abstieg und zweiter Frühling
Der dritte Teil beginnt 1998. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Vor Susi tun sich immer neue finanzielle Löcher auf, die sie oft stopft, indem sie noch vorhandene Wertgegenstände verkauft. Schließlich bringt die jetzt 40-jährige Conny den 29-jährigen Marokkaner Khalil mit, der sie heiraten will. Nun passiert das Unglaubliche: Susi verliebt sich in ihn, sie landen im Bett und die 67-Jährige heiratet tatsächlich den 38 Jahre jüngeren Araber. Für sie ist es zunächst die perfekte Beziehung: Ein Mann, der ganz ihr gehört, den sie mit keiner anderen Frau teilen muss. Bald erfährt sie allerdings auch die Schattenseiten: Sie schämt sich neben ihm für ihr hohes Alter, den Sex kann sie nicht richtig genießen, weil sie immer Angst hat, dass er von ihrem alten Fleisch abgestoßen wird. Und so ganz für sich hat sie ihn auch nicht. Es gibt zwar keine andere Frau, aber Freunde, mit denen er zu viel Zeit verbringt. Sie leidet sehr unter dem ständigen Warten auf ihn und führt dann Selbstgespräche mit dem toten Edmund.
Einsam machender Reichtum
Walser bringt in diesem Roman, der eigentlich fast eine Trilogie ist, eine Fülle unterschiedlicher Themen unter, ohne dass das Hauptthema eindeutig bestimmbar wäre. Von den drei Großthemen ist es aber wohl doch die Einsamkeit, und die Erkenntnis, dass Reichtum genauso einsam machen kann wie Armut. Zunächst kann Susi sich alle materiellen Wünsche erfüllen. Sie hat zwar Putzfrauen mit denen sie sich gut versteht und eine Tochter als Verbündete, aber keine richtige Freundin auf Augenhöhe. Die Putzfrauen sind am Ende doch nur Untergebene und die Tochter ist geistig behindert, weshalb ihr das Verständnis für die Probleme der Mutter fehlt. Ihr Mann, der mit ihr lebt, ist ihr entfremdet. So findet Susi Trost in zwei Dingen: Einkaufen und – zumindest noch bis zwei Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Handlung – häufig wechselnde, auf Sex ausgerichtete Beziehungen. Um für Männer weiter attraktiv zu bleiben, steckt Susi sich regelmäßig den Finger in den Hals. Bei diesen Männerbeziehungen fällt auf, dass sie sich meist Männer sucht, die ihr gesellschaftlich unterlegen sind, Ausländer oder einfache Arbeiter, die sie finanziell aushält. Auch bei Khalil, den sie schließlich heiratet, wird dieses Muster deutlich.
Die Gier nach mehr
Ein weiteres großes Thema ist die Gier der Reichen und die unkontrollierte Börsenspekulation in den 90ern, beginnend schon mit dem Börsencrash im Oktober 1987. Edmund verspekuliert sich als blauäugiger Newcomer gründlich, sitzt windigen Scheingeschäften auf und weil er keine Ahnung hat, wird er ausgenommen und geht pleite.
Das Altwerden als Geschlechterproblem
Das dritte Großthema ist das Altwerden, hier streng nach Geschlechtern getrennt. Bei Edmund geht es mit existenziellen Problemen einher: Seine berufliche Leistungsfähigkeit lässt nach, ebenso seine Körperkontrolle und Potenz. Schließlich wird er ein Pflegefall und stirbt rasch. Bei Susi hingegen ist das Altwerden in erster Linie ein kosmetisches Problem, das chirurgisch zu beheben sie leider nicht mehr das Geld hat, so dass sie sehr unter ihrer abnehmenden Attraktivität leidet.
In die drei Großthemen eingewoben sind weitere schon erwähnte drei Themen: Bulimie, Umgang mit Behinderten und eheliche Treue.
Fazit
Sehr anschauliche und fesselnde Milieustudie: Zunächst der sehr wohlhabenden Gesellschaftsschicht, schließlich einer von dort abgestiegenen Sozialhilfeempfängerin. Unbedingt lesen!
Martin Walser: Der Lebenslauf der Liebe, Suhrkamp, 10 Euro
