Martin Walser live im Münchner Literaturhaus

Walser im literarischen Gespräch mit Dieter Borchmeyer

Vor ausverkauftem Haus sprach Walser über seine Schriftstellerjahre von 1974-1978 und die Geburtsstunde des ewigen Zanks mit Marcel Reich-Ranicki.

Die Gäste des Literaturhauses München erlebten bei der Lesung zu Walsers drittem Tagebuchband Martin Walser: Lesen und Schreiben. Tagebücher 1974 – 1978 eine gelungene Literaturveranstaltung. Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer und der Autor bewegten sich durch diesen Lebensabschnitt Walsers und bauten Brücken zu Ereignissen, die wohl erst im nächsten oder übernächsten Tagebuchband an der Reihe sein werden. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand Walsers Verhältnis zur Literaturkritik. Der Focus richtete sich schnell auf Marcel Reich-Ranicki.

Walser und Reich-Ranicki – da wird keine Freundschaft mehr draus

Nach den beiden ersten Tagebuchbänden, die sich mit den Jahren 1951 – 1962 und 1963 – 1973 beschäftigen, nahm Walser im dritten Band lediglich vier Jahre in den Blick. Walser durchstreifte bei seiner Lesekostprobe in großen Sprüngen die gesamten vier Jahre. Er rezitierte kleinere und größere Passagen, erzählte Amüsantes und stritt mit Borchmeyer darüber was Aphorismen seien und was nicht. Aber schnell wurde ein Hauptthema des Tagebuchbandes zum Hauptthema des Abends. In dem besprochenen Zeitabschnitt wird die Zündschnur, durch die die Bombe des Walser-Reich-Ranicki-Konflikts, die mit der Veröffentlichung von Tod eines Kritikers im Jahr 2002 hochgeht, bereits in Brand gesetzt. Das Streichholz hielt 1976 der damalige FAZ-Starkritiker in der Hand. Reich-Ranicki verriss Walsers Roman Jenseits der Liebe und sprach dem Autor bei dieser Gelegenheit jede literarische Fähigkeit ab. Walser erklärte seinem Publikum er habe sich damals gefühlt als sei er aus dem Paradies vertrieben worden. Dem Paradies des Schreibens. Dem Paradies der Literatur und der dazugehörigen Szene. Weiter nutzte Reich-Ranicki seinen berühmten Verriss, um Walser politisch zu kritisieren, er versuchte ihn als Kommunisten zu outen. Dieter Borchmeyer machte dem interessiert lauschenden Publikum mit schüttelndem Kopf und rudernden Armen deutlich, dass es dieser Roman in keiner erdenklichen Lesart ermögliche, darin die politische Intention des Autors zu deuten. Dann zappte er von Jenseits der Liebe zu Ein fliehendes Pferd. Die Novelle erschien 1976 und wurde vom Literaturbetrieb – allen voran Marcel Reich-Ranicki – euphorisch gefeiert. Bis heute halten es viele für Walsers bestes Stück Literatur. Doch das Lob Reich-Ranickis befeuert die Spannungen zwischen dem Autor und seinem Kritiker zusätzlich. Der Rezensent verkündete, der Autor wäre ohne seinen Verriss zwei Jahre zuvor gar nicht in der Lage gewesen jetzt ein Werk solcher Qualität nachzulegen.

Ein Autor spricht über sein Lebenstrauma

Borchmeyer griff einem weiteren, noch nicht existenten Tagebuch Walsers vor und geht auf die Geschehnisse um Tod eines Kritikers ein. Auch 2002 verteidigte der Literaturwissenschaftler den in Beschuss geratenen Autor. Mit dem Aufsatzband Der Ernstfall springt Borchmeyer Walser freundschaftlich zur Seite, ohne auf sachlicher Ebene tricksen zu müssen. Der Vorwurf, bei diesem Werk handle es sich um literarischen Antisemitismus, konnte nicht nur mit dieser Aufsatzsammlung entkräftet werden. Auch in diesem Werk und der anschließenden Literatudebatte ist Reich-Ranicki eine Hauptfigur.

Als ein Zuhörer äußerte, der Autor erhöhe den Kritiker zu einer Art Gott, wenn er meint dieser Kritiker habe ihn mit seinem Verriss von 1976 aus dem literarischen Paradies vertrieben, entgegnete Walser souverän: „Es gibt auch ein Paradies ohne Gott.“ Einige Male wurde Walser laut beim reden über Reich-Ranicki. An anderen Stellen blieb er ruhig aber bestimmt, winkte souverän ab. „Geschenkt. Das ist Geschenk,“ hörte man Walser an diesem Abend mehrfach sagen, als es um gegen ihn gerichtete Seitenhiebe aus der Vergangenheit ging. Reich-Ranicki ist und bleibt der Zankapfel in Walsers Begegnungen mit Kritikern. Reich-Ranickis Spielplatz von einst, die FAZ, soll Walser zu einer Festung werden, die er nicht erobern kann. Als „Elendshacken FAZ“ bezeichnete er die Wochenzeitung, in der sein Schaffen durch Frank Schirrmacher mehrfach des literarischen Antisemitismus bezichtigt wurde. Es scheint, als finde sich Walser nun damit ab, dieses Blatt nicht von sich und seinem Werk überzeugen zu können. Gleichzeitig gibt er zu, dass das sein „Lebenstrauma“ sei.

Walser, der am 24. März 2010 83 Jahre alt wird, wird wohl niemals leise. Er provoziert gerne. Er inszeniert sich, setzt sich und sein Leiden, sein Fühlen, sein Schreiben gekonnt in Szene. Aber er beruhigt sich auch wieder. Reflektiert. Erklärt sich. Eine Leistung des Vorlesers und Redners Walser ist, dass er an einem Abend all diese Facetten vor seinen Lesern auslebt und sich vor diesen entblößt in allem was er sagt und tut und schreibt.