
- Porträt Martin Walser - BILD
Noch vor den beiden Romanen über den Immobilienmakler Dr. Gottlieb Zürn (Das Schwanenhaus, Jagd) hat Martin Walser diesen Roman über Zürns Vetter Xaver Zürn geschrieben. Er spielt wieder am Bodensee, diesmal in der Gegend von Friedrichshafen.
Hoher Druck durch Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Xaver Zürn ist Fahrer bei dem Industriellen Dr. Gleitze. Xaver belastet zum einen die Erwartungshaltung der Gleitzes, die ihn fälschlicherweise für einen Nichtraucher, Antialkoholiker und zu allem Überfluss auch noch für einen Deutschen Meister im Kleinkaliber halten. Besonders zusammenreißen muss sich Xaver, um die Fassade des Antialkoholismus durchzuhalten. Dazu kommt, dass er glaubt, die Leute meinten, er habe den besten Job, den man sich denken könne, obwohl er selbst ganz anderer Ansicht ist. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit führt zu gesundheitlichen Problemen des Verdauungstraktes, wegen der Xaver von seinem Chef zum Spezialisten ins Krankenhaus geschickt wird. Dort wird aber nichts festgestellt. Direkt im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt flippt Xaver in einem Radiogeschäft grundlos aus und wird einem Angestellten gegenüber handgreiflich, woraus überdeutlich ersichtlich ist, unter welch hohem Druck er steht. Ein Arzt hatte zuvor nahegelegt, dass seine gesundheitlichen Probleme psychosomatischer Natur seien.
Scheitern am Aufrechterhalten der Fassade
Zu dem Druck bei der Arbeit gesellen sich häusliche Probleme: Seine beiden Töchter sind grundverschieden. Während Magdalena kreuzbrav ist und fleißig für die Schule lernt, hängt Julia mit zwielichtigen Typen und Kiffern herum und verfehlt schließlich die Versetzung. Am Tag als dies mit der Zeugnisvergabe bekannt wird, erhält Xaver auch seine Entlassung als Chauffeur. Ihm wird wieder ein Arbeitsplatz in der Produktion zugewiesen, weil er am Abend zuvor im Dienst, als er auf seinen Chef wartete, einige Biere getrunken hatte. Trotz aller Probleme empfindet Xaver diese Degradierung als Scheitern.
Seelenarbeit
Die Seelenarbeit, auf die der Titel anspricht, ist die, die Xaver verrichten muss, um den Erwartungen in Job und Privatleben gerecht zu werden. Dass er in beiden Bereichen schließlich scheitert, zeigen seine Degradierung und Julias Sitzenbleiben. Zuvor hatte sich Xaver sogar schon mit Mordabsichten an seinem Chef befasst, so groß war der berufliche Druck, der auf ihm lastete. Offensichtlich hat er nichts von der etwas ironischen Resignation, mit der sein Vetter Gottlieb sein privates und berufliches Scheitern trägt. Bei Xaver hat dieses gleich eine existentielle Dimension.
Ehebruch
Ebenso wie bei Böll ist der Ehebruch auch bei Walser ein ständig wiederkehrendes Thema. Es ist bei ihm die normalste Sache der Welt, die meist ganz beiläufig geschieht. Xaver schläft während einer gemeinsamen Ausfahrt mit Aloisia, dem Dienstmädchen der Gleitzes, auf einer Wiese bei Mondschein. Dabei ist auf Xavers Seite nicht einmal großes Verlangen im Spiel – die gleiche Konstellation sehen wir später bei seinem Vetter. Xaver ist Aloisia nicht einmal sympathisch. Er will lediglich vor ihr sein Gesicht wahren, nachdem sie angedeutet hatte, er sei kein vollwertiger Mann.
Martin Walser: Seelenarbeit, Suhrkamp, 11 Euro.
