Martin Walsers Lebenswanderung mit Friedrich Nietzsche

Die Äußerungen Martin Walsers zu Nietzsche sind für den Leser ein buntes Sammelsurium, für den Verfasser hingegen eine lebenslängliche "Problem-Anthologie".

„Kein Mensch wird mich jemals einladen, über Nietzsche zu sprechen, ich bin kein Kenner, kein Fachmann“, lässt Martin Walser im Roman „Meßmers Reisen“ (2003) eine Figur sagen. Für den Schriftsteller vom Bodensee galt dieser Satz nur bis zum Herbst letzten Jahres: Denn „Nietzsche lebenslänglich – Eine Seminararbeit“ lautete der Titel eines Vortrags, den Martin Walser anlässlich der Eröffnung des Nietzsche-Dokumentationszentrums am 15. Oktober 2010 in Naumburg hielt. Es ist auch der Titel eines Büchleins, das kurz darauf erschien und seine seit vielen Jahrzehnten anhaltende Beschäftigung mit dem Philosophen dokumentiert.

"Der einzige große Schriftsteller unter den denkenden Deutschen"

Am Tag vor seinem Auftritt in Nietzsches Mutterstadt fasste Walser bei Deutschlandradio Kultur die Bedeutung des Philosophen für ihn wie folgt zusammen: „Ich würde ihn auch nennen, den freiesten deutschen Schriftsteller, den unabhängigsten deutschen Schriftsteller, den sich andauernd wieder erneuernden, nirgends stehen bleibenden Schriftsteller.“ In einem 2001 für die Zeitschrift „Bunte“ geführten Doppelinterview mit der als Nietzsche-Expertin nicht eben ausgewiesenen Maybritt Illner ging Martin Walser noch einen Schritt weiter und betonte: Nietzsche „ist der einzige große Schriftsteller unter den denkenden Deutschen“. Bedenkenswert ist gewiss auch Walsers Auskunft von 1985, demnach Nietzsche in Europa jetzt so viel zitiert werde, weil er in den zwanzig Jahren zuvor zu wenig zitiert worden sei.

Eine Seminararbeit, wie der Untertitel ironisch verkündet, ist das vorliegende Buch schon aus formalen Gründen nicht. Ein buntes Sammelsurium ist es sehr wohl. Das heißt veröffentlichte und unveröffentlichte Texte aus fünfzig Jahren sind hier zu finden, in denen das Stichwort mit den vielen Konsonanten fällt. „Ich hatte“, so Walser, „nie eine Meinung über Nietzsche. Es war immer ein begriffloser Umgang. Ich habe Nietzsche brauchen können.“ Seine gesammelten Äußerungen über den Philosophen nennt der Schriftsteller selbst „eine Art Problem-Anthologie“. Die Skizzen und Miniaturen, Romanauszüge und Tagebuchnotizen sind durchaus von schwankender Bedeutung und Aussagekraft. Eine Marginalie im Diarium wie die vom 8. April 1976 („Morgen fort. Nietzsche lesen in Graubünden. Nahe am Südkamm.“) ist für die Nietzsche-Rezeption Martin Walsers auch dann unergiebig, wenn er Nietzsche in dessen geliebter Hochgebirgslandschaft, den schweizerischen Alpen, liest.

Nietzsche war für Walser auch vor 1989 "kein Ausländer"

Nietzsche war für Walser aber ein Grund, die deutsche Teilung auch in jener Zeit nicht zu akzeptieren, in der man sich im Westen den Wandel durch Annäherung und die Anerkennung der DDR als souveränen Staat auf die diplomatischen Fahnen geschrieben hatte. In dem Text „Über den Leser – soviel man in einem Festzelt darüber sagen kann“ von 1977 bekannte Walser nachdrücklich: „Sachsen und Thüringen sind für mich weit zurück und tief hinunter hallende Namen, die ich nicht unter ,Verlust‘ buchen kann. Nietzsche ist kein Ausländer.“ Das Credo mündete in den Satz: „Ich weigere mich, an der Liquidierung von Geschichte teilzunehmen.“ Für ein solches Bekenntnis zur Einheit des geteilten Landes lief man in den siebziger Jahren durchaus Gefahr, Beifall von der politisch falschen Seiten zu erhalten.

1984 beantwortete der Autor in einer Notiz die Frage „Was ist ein Klassiker?“ mit dem Satz: „Die uns beleben, die können wir brauchen, das sind Klassiker.“ Wie belebend Nietzsche für Martin Walser ist, zeigt das schmale Buch über den Denker, der fraglos ein Klassiker ist.

Martin Walser: Nietzsche lebenslänglich. Eine Seminararbeit. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2010. 95 S., geb., 10,- €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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