"Martyrs": Horror, der unter die Haut geht

Pascal Laugiers anspruchsvoller Splatterfilm abseits von "Saw"

Aus Frankreich stammt der beste Horrorfilm seit langem. "Martyrs" ist härter und realistischer als "Hostel" und bietet einen intelligenten Plot mit religiösen Untertönen.

Mit brutalen Schockern à la „Saw“ hatte sich der moderne Horrorfilm anscheinend in die Sackgasse begeben. Denn das Ausmaß der Gemetzel und Blutorgien hatte auch die letzten Tabus aufgebrochen. Wie, so fragten sich Produzenten und Fans gleichermaßen besorgt, könnte man diese Grenzüberschreitungen noch toppen?

Die Antwort liefert nicht Hollywood, sondern Frankreich mit Pascal Laugiers umstrittenen „Martyrs“.

Im Schlachthof endloser Qualen

Nur durch Zufall kann die junge Lucie (Mylène Jampanoï) jenem Folterkeller entkommen, in welchem sie von Unbekannten festgehalten und tagtäglich aufs Grausamste gequält wurde. Das psychisch gebrochene Mädchen wird deshalb in einem Kinderheim untergebracht, wo sie sich mit Anna (Morjana Alaoui) anfreundet.

Jahrzehnte später glaubt Lucie, ihre ehemaligen Peiniger ausgeforscht zu haben, begibt sich zu deren Haus und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug. Anna, die immer noch ihre einzige Freundin ist, steht ihr nach dem fürchterlichen Blutbad bei, wobei ihr Zweifel kommen, ob die Ermordeten tatsächlich die Folterknechte aus Lucies Kindheit waren. Schließlich wähnt sich Lucie von einer von einer bösartigen Kreatur verfolgt, die sie seit Jahren zu töten beabsichtigt.

Das ganze Ausmaß der Wahrheit ist aber unmenschlicher, als es sich die rational denkende Anna überhaupt vorzustellen wagen könnte …

„Hostel“ zum harmlosen Gruselfilm degradiert

Labile Zuschauer seien vorgewarnt: „Martyrs“ ist der wohl härteste und kompromissloseste Horrorfilm der jüngeren Gegenwart. Auch wenn in diversen Splatterfilmen weitaus mehr Menschen wie Schlachtvieh zerstückelt oder von Monstren zerfleischt werden, kommen diese nie auch nur in die Nähe der Intensität, wie sie „Martyrs“ bietet.

Hierbei – und das ist der eigentliche Clou der verstörend intelligenten Geschichte – stellt die ausufernde Gewalt kein voyeuristisches Mittel dar, um über den dünnen Plot hinwegzutäuschen oder den visuellen Blutdurst zu stillen. Das Ausmaß der Folter ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte und ergibt im Kontext der Handlung tatsächlich „Sinn“.

Beste Schlusspointe seit „The Sixth Sense“

Der Plot gipfelt in einer schlichtweg genialen „Pointe“, die für offene Münder sorgen dürfte. So denn der Zuschauer die quälenden Szenen schier endloser Folter ertragen und verarbeitet hat. Bedrückend werden diese Szenen sowohl durch den Realismus, als auch die beinahe mechanische Beiläufigkeit mit der sie geschieht.

Die zumindest in hiesigen Breiten unbekannten Schauspieler verleihen dem im wahrstem Sinne des Wortes unter die Haut gehenden Streifen atmosphärische Dichte, die mit bekannten Darstellern kaum erreicht werden könnte. Bisweilen vermeint man, die ungerührten Prügelorgien am eigenen Leib zu erleben. Ein Verdienst, der nicht nur der flüssigen Regie, sondern auch eben jenen Schauspielern zu verdanken ist.

Hollywood von Frankreich vorgeführt

Mit „Martyrs“ gelang ein Meisterwerk des Genres, das noch lange nach den knapp anderthalb Stunden Laufzeit für Nachdenklichkeit sorgen wird. Trotz der harten Thematik begeistert der Streifen nach all jenen ärgerlich unoriginellen, ständig nach demselben Erfolgsrezept gestrickten US-Produktionen der letzten Jahre. Ausnahmen wie „Drag Me To Hell“ bestätigen dabei nur die Regel.

Vielleicht nimmt die düstere Seite der Traumfabrik diesen Film zum Anlass, endlich auf frische Stoffe zurückzugreifen und dem Zuschauer keine oberflächlichen und billigen Ekeleffekte, sondern ausgereifte Handlungen mit Anspruch zu präsentieren. Zu vergönnen wäre es den Fans des Genres, die viel zu lange auf einen Film wie „Martyrs“ warten mussten.

Originaltitel: „Martyrs“

Regie: Pascal Laugiers

Produktionsland und -jahr: Frankreich 2008

Filmlänge: ca. 95 Minuten

Verleih: Senator

Deutscher Kinostart: -

Deutsche Veröffentlichung auf DVD: 1. April 2009

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