
- Die Geschichte vom Lastkran der eine Schiffssirene - Residenzverlag, Österreich
Die Firma Würth mit Sitz in Künzelsau engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Kultur und Literatur. So gibt es neben Museen und Kunsthallen auch die Stiftung der Poetik-Dozentur in Tübingen. Dort sollen Studenten, Dozenten, Universitätsangehörige und eine breite Öffentlichkeit Autorenpersönlichkeiten aus dem In- und Ausland kennen lernen. Es finden sich Namen wie Günter Grass, Herta Müller, Alissa Walser oder auch der am 06. Juni 2008 verstorbene Peter Rühmkorf auf der Seite der Poetik-Dozentur. Eng verknüpft mit diesen Autoren ist auch der seit 1996 ausgeschriebene Würth-Literaturpreis, denn bei der letzten Vorlesung des jeweiligen Dozenten legt dieser das Thema für den Preis fest. Peter Rühmkorf wählte 2002 "Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffssirene sein wollte“.
Meer, Möwen, Schiffe werden lebendig
Und mit dem Thema berührte er Mathias Jeschke. Glücklicherweise, muss man sagen, denn sonst wäre dieses ungewöhnliche und Seeluft verbreitende Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren nicht entstanden. "Als ich diese Zeile gelesen habe, wusste ich, dass ist was für mich und die Geschichte ist mir dann recht schnell eingefallen“, sagt Mathias Jeschke, der selbst zur See gefahren ist, bevor er Theologe und Lektor wurde. Und die Liebe zum Meer und der Seefahrerthematik merkt man dem Buch an, das langsam und ruhig beginnt.
Ein Vater und sein Sohn und ein Eimer Krabben
"Manchmal saß Hans Heinz Martens abends noch mit seinem Sohn Jan Michel auf der Hafenmole. Sie unterhielten sich beim Angeln oder Krabbenpulen“. Ein Anfang, der einen wie das Bild der Illustratorin Katja Gehrmann sofort hineinzieht in eine andere Welt. Ein Junge und ein Mann am Hafendeck, der Krabbeneimer daneben, Möwen drum herum, die wie die im Wind wehenden Schals der Beiden Bewegung und Lebendigkeit vermitteln. Die Namen, die Atmosphäre und die Dichtheit der Beschreibung lösen schnell eine bildhafte Vorstellung aus und die Skizzierung des Dialoges mit den beschriebenen und damit "hörbaren“ Pausen zwischen den kurzsilbigen Sätzen tun das übrige. Diese Zwei möchte man näher kennen lernen, mehr wissen über die Innigkeit zwischen Vater und Sohn, die auch ohne viel Worte spürbar ist.
Der Sohn hat einen großen Wunsch: zusammen mit Vater auf dem Lastkran sein
Und kaum ist man eingestimmt auf diese Beziehung, wird man auch schon in das aufregende Leben eines Kranführers am Hafen gezogen. Denn dort arbeitet Hans Heinz Martens und entlädt mit seinem Kran jeden Tag viele Schätze, wie Bananen aus Ecuador, Tee aus Ceylon, Kaffee aus Kolumbien oder auch mal eine lebendige Giraffe aus Afrika. Klar dass das Sohn Jan Michel sehr interessant findet und er einen sehnlichsten Geburtstagswunsch hat: Einmal mit dem Vater auf den Kran zu sein und das alles zu beobachten.
Am Wochenende wird im eigenen Boot übers Meer geschippert
Doch auch sonst haben die beiden viele gemeinsame Aktivitäten. Eine richtige Männerbeziehung, auch auf dem Boot, mit dem sie am Wochenende übers Meer schippern. Und weil Vater Martens schon einen großen Sohn hat, vertraut er Jan Michel auch mal das Steuerrad an, wenn eine Maschine "spottert“ und der bastelfreudige Hans Heinz Martens diese unter Deck repariert. Und tatsächlich ist der pfiffige Junge auch einer großen Gefahr, wie dem roten Monstrum, einem Ozeandampfer, gewachsen und kurbelt das Steuerrad wild, bis das kleine Boot nach Steuerbord beidreht und eine drohende Karambolage verhindert werden kann. Da ist jede dritte Welle, die danach ins Boot schwappt und Vater und Sohn durchnässt, das kleinere Übel.
Die Mutter erwartet den tapferen Sohn
Besonders wenn daheim ein dampfend heißes Bad und Rote Grütze wartet. Mama Martens empfängt ihre zwei Männer mit viel Liebe und Stolz auf den Sohn. Und natürlich auch ein bisschen Nostalgie, die bei Quetschkommode und Seemannschnulzen ausgelebt werden. Und auch wenn Mama Martens in dem Buch einer "Männerfreundschaft“ keine so große Rolle hat, so ist sie doch die warmherzige Beschützerin, die neben wärmenden selbstgestrickten Schals auch wärmende Gefühle verschenkt. Und das hat Jan Michel dann auch dringend nötig. Erfüllt sich zwar sein Geburtstagswunsch – mit auf den Kran des Vaters zu kommen – doch das gestaltet sich ganz anders als gedacht. Der Kran quietscht nämlich ganz entsetzlich.
Lastkranführer Hans Heinz Martens baut eine Sirene
Für Papa Martens ein ganz schreckliches Geräusch. Liebt er doch seinen Kran sonst über alles! Wegschmeißen kommt für ihn jedenfalls nicht in Frage, auch nicht die alten Teile, die er austauscht, um den Kran wieder zu reparieren. Und so verschanzt er sich tagelang hinter dem "Bitte nicht stören“-Schild in der Werkstatt und beschäftigt sich gar nicht mehr mit Jan Michel. Doch dann kommt der Tag, an dem klar wird, an was Hans Heinz Martens so lange geschraubt hat und die Familie genießt eine Probefahrt mit der neuen Sirene an Bord, die in Zukunft rechtzeitig vor großen "Pötten“ warnt.
Mathias Jeschke und Katha Gehrmann schaffen lebendige Bilder und üppige Farben
Schon die Sprache Mathias Jeschkes ist lebhaft und voller sinnlicher Klänge und Geräusche, die allein schon innere Bilder beim Leser erzeugen. "Und dann schrammte und rüttelte es und der Kran heulte und schrie und kreischte.“ Katja Gehrmann, die diese Sprache ins optische umsetzte, unterstützt noch deren Wirkung. Lebhafte Bilder, mit viel Farbe und trockenen Pinselstrichen gerade im Detail, die viel zeigen und doch noch Platz für die Fantasie lassen, verleihen dem ganzen Buch einen besonderen Reiz. Das Meer ist so schwungvoll und farbig gemalt, dass man die Wellen förmlich an die Bordwand klatschen hört.
Preisträger des 12. Würth-Literaturpreises: Mathias Jeschke
Mathias Jeschke gewann mit seiner Umsetzung des Themas „Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffssirene sein wollte“ den Würth-Literaturpreis, um einen Verlag hat er sich selbst bemüht. Auch die Zusammenarbeit mit der Illustratorin Katja Gehrmann kam durch Mathias Jeschke zustande. „Ich kannte ein Buch von ihr und schätze ihre Arbeit“. Eine hervorragende Wahl! Weitere Preisträger des 12. Würth-Literaturpreises waren übrigens Stefanie Golisch aus Monza, Italien und Harald Winter aus Wien.
Mathias Jeschke: Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffssirene sein wollte. NP-Buchverlag 2005. Gebunden, 36 Seiten. Euro 14,90.
