Am 11.November 1918 unterzeichnete Matthias Erzberger, Abgesandter des Deutschen Reiches, in Compiègne sein eigenes Todesurteil. Noch gut vier Jahre zuvor hätte es sich der katholische Zentrumspolitiker vermutlich noch nicht einmal in seinen übelsten Alpträumen ausmalen können, dass er es sein würde, der die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg mit seiner Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen besiegeln würde, war Erzberger doch zu Beginn des Krieges, trotz früherer Kritik an der kaiserlichen Regierung, wie viele andere auch der allgemeinen Hysterie erlegen und tatkräftiger Vertreter eines Annexionsfriedens, also eines deutschen Sieges mit maximalen Gebietsgewinnen.

Vom Kriegsbefürworter zum pragmatischen Politiker der Verständigung

Davon konnte im November 1918 natürlich nicht mehr die Rede sein, das hatte Erzberger längst im Verlaufe des Krieges eingesehen, mit dem Versailler Vertrag standen nun vielmehr deutsche Gebietsverluste an, doch erkannte der Minister ohne Aufgabengebiet Erzberger auch, dass diese Demütigung hingenommen werden musste, um die noch größere, die einer Besetzung des Reiches, zu verhindern. Diese nüchterne Sicht der Dinge wurde allerdings nur von wenigen geteilt, an die Tatsache, dass man selbst im Jahr zuvor dem besiegten Russen in Brest-Litowsk einen arroganten Siegfrieden aufgezwungen hatte, mochte man sich augenscheinlich nicht mehr erinnern. Erzbergers Pragmatismus verschaffe ihm auf Seiten der Demokraten keine Freunde und bei der Rechten erbitterte Feinde.

Matthias Erzberger wird zum Feindbild der Rechtskonservativen

Fortan sah er sich ständigen Intrigen, Ränkespielen, aber auch öffentlichen parlamentarischen und journalistischen Kampagnen ausgesetzt. Zwar waren die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht aufrechtzuerhalten, doch erwiesen sich gewonnene Prozesse geradezu als Pyrrhussiege, stets wirkte der Ankläger wie der Angeklagte, letztlich trat Erzberger von seinen politischen Ämtern zurück. Von seinen Gegnern vergessen wurde er deshalb jedoch keineswegs – wie von manch anderem späteren Attentatsopfer existiert auch von Erzberger ein Bonmot über seine fatalistische Selbsteinschätzung: Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen.

Die Attentate auf Erzberger

Und erstmals trafen ihn diese Kugeln im Vorfeld eines Prozesses durch einen adeligen Weltkriegsoffizier. Erzberger überlebte mehr oder weniger durch Zufall, das schnell anberaumte Gerichtsverfahren gegen seinen Attentäter war mit seinem milden Urteil eine weitere Demütigung Erzbergers. Seinem Schicksal sollte er ohnehin nicht entkommen; die rechtsradikale „Organisation Consul“, eine gut vernetzte und disziplinierte Terrorgemeinschaft vorwiegend ehemaliger Freikorpskämpfer bereitete akribisch die Ermordung des verhassten „Erfüllungspolitikers“ vor. Zwei ihrer Mitglieder beobachteten Erzberger, der an seinem politischen Comeback arbeitete, bereits in mehreren Kurorten, bis sie in Bad Griesbach im Schwarzwald zuschlugen. Am 26. August lauerten sie Erzberger, der mit dem Abgeordneten Diez einen Spaziergang unternahm, auf und schossen ihn mit zahlreichen Schüssen nieder, auch Diez wurde verletzt, konnte aber später Hilfe rufen.

Der Tod Erzbergers und die lasche Verfolgung der Attentäter

Erzberger war sofort tot, die Täter entkamen vorerst mühelos. Doch die badische Polizei verstand ihr Geschäft und ermittelte die beiden Verdächtigen Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz, beide Mitte zwanzig – die Kollegen in Bayern dagegen, wohin die Mörder geflohen waren, sabotierten die Verfolgung, die beiden verschwanden in Ungarn. Das Lamentieren unter den Demokraten über den Tod des nicht gerade geliebten Erzbergers war plötzlich groß, während die Rechte unverhohlen ihre Freude erkennen ließ.

Die späten Prozesse gegen die Mörder

Tillessen, der eine Mörder, stellte sich nach Kriegsende – beide Attentäter waren 1933 nach Deutschland zurückgekehrt – wo ihm über zwanzig Jahre nach der Tat 1946 der Prozess gemacht wurde. Und dieser endete wohl auch für ihn überraschend mit Freispruch. Diese an die Weimarer Republik erinnernde Justizfarce erklärte die französische Besatzungsmacht für null und nichtig, 1947 wurde Tillessen in Konstanz zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch Mitattentäter Schulz bekam kurze Zeit später eine ähnlich hohe Strafe – beide mussten sie diese nicht vollends absitzen.

Literatur:

Wolfgang Plat: Attentate. Eine Sozialgeschichte des politischen Mordes. München: 1985.

Alexander Demandt: Das Attentat in der Geschichte. Suhrkamp: 1999.

Hans Mommsen: Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar. Berlin: 2000.

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