"Mauertänzer" von Andrea Busfield, ein Afghanistan-Roman

Cover Mauertänzer - Aufbau Verlag
Cover Mauertänzer - Aufbau Verlag
Durch den Blick des elfjährigen Fawad zeichnet die Journalistin Andrea Busfield ein ganz eigenes Bild von Afghanistan im Kampf um seine Eigenständigkeit.

Der Tod und der Verlust nahestehender Personen ist etwas Allgegenwärtiges im Leben des elfjährigen Fawad, der, am Anfang seiner Erzählung über das Leben in Kabul, mit seiner Mutter unter einfachsten Verhältnissen bei seiner Tante lebt. Vater, Bruder und Schwester sind von den Taliban verschleppt oder ermordet worden. Alles was Mutter und Sohn bleibt sind „eine Wolldecke, ein paar Kleidungsstücke und ein Koran“, die sie zusammenpacken, als Fawads Mutter Mariya eine Stelle als Haushälterin in einer WG westlicher Journalisten und Aufbauhelfer annimmt.

Fawads festgefügtes Weltbild, geprägt von den Werten des Koran, so wie er sie versteht, und einem Leben an der untersten Grenze der Gesellschaft, gerät ins Wanken, als er die gotteslästerliche Lebensweise der drei westlichen WG-Bewohner kennen lernt und doch auch erfährt, dass diese trotz allem Freunde werden können. Bis dahin waren Menschen mit weißer Haut für ihn einfach naturgegeben reiche Opfer, die man guten Gewissens um einige Dollars erleichtern konnte. Jamilla, Fawads Freundin, die ihn bei den Touren in der Chicken Street begleitet, wo sie Westlern mit verschiedenen Tricks das Geld aus der Tasche ziehen, erklärt das so: „(...)sie sind zu habgierig, um armen Leuten wie uns zu helfen, so wie es im Koran steht, also müssen wir ihnen helfen gut zu sein. Man kann sagen, sie bezahlen uns für unsere Hilfe. Sie wissen es nur nicht.“

Fawad, der Mauertänzer, lernt westliche Lebenseinstellung, Freiheit und Schwächen kennen

Zum Mauertänzer wird Fawad, weil er sich als Beschützer seiner Mutter sieht, die er, von der westlichen Lebensart der WG-Bewohner bedroht, beschützen und bewachen muss. So erklettert er immer wieder als Spion seinen Beobachtungsposten auf der Mauer am Haus der gefährlichen Ausländer.

So gefährlich sind sie dann allerdings doch nicht. In die attraktive und immer offene Aufbauhelferin Georgie verliebt sich Fawad in kürzester Zeit. Der Journalist James benimmt sich zwar seltsam und hat ein Alkoholproblem, wird aber trotz allem Fawads verlässlicher Freund. Und Mae hat Liebeskummer. Wegen einer Frau, wie Fawad zu seinem Entsetzen erfährt! Trotzdem findet auch sie einen Platz im Herzen des afghanischen Jungen und seiner Mutter.

Gäbe es da nicht das komplizierte Leben im afghanischen Alltag und einen reichen Paschtunen, den Georgie liebt, dann könnte Fawads Leben von da an in ruhigeren Bahnen verlaufen.

Westliche und afghanische Lebensart – zwei Welten prallen aufeinander

Busfield erzählt streng aus der Perspektive ihres elfjährigen Ich-Erzählers Fawad, dem sie allerdings einen sehr reifen Blick auf die widersprüchlichen Zustände in Afghanistan zubilligt. Auch erscheinen manche der Situationen in denen dann Lebensberichte, ja fast Lebensbeichten, einzelner Protagonisten eingeblendet werden manchmal etwas konstruiert oder gar zu pädagogisch motiviert.

Auf der anderen Seite lässt Busfield ihren Protagonisten wunderbare Bilder für afghanische Phänomene finden. So zum Beispiel über die in Paschtu verfassten Gedichte: „Doch das ist die Magie unserer Sprache: Man könnte Gedichte über einen verfaulenden Katzenarsch schreiben, und es würde klingen wie warmer Honig.“

Insgesamt zeichnet Busfield durch die gewählte Perspektive und die intime Kenntnis des Landes, die sie als Journalistin dort erworben hat, ein buntes und vor allem differenziertes Bild der afghanischen Gesellschaft. Bei all den Zwängen, die diese islamische Gesellschaft, insbesondere das Frauenbild dieser Gesellschaft prägen, legt sie großen Wert auf eine differenzierte Personenzeichnung, mit der es ihr auch gelingt, mögliche Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten deutlich zu machen. Großen Wert legt sie auf die Darstellung der individuellen Freiheit, die sich einzelne Personen erarbeiten, den engen moralischen und anderen Grenzen zum Trotz. Auch für die trotz allen Leids im Grund positive Lebenseinstellung der Menschen und die überwältigende Schönheit dieses Landes lässt Busfield ihren Fawad immer wieder überzeugende und schöne Bilder finden.

Mauertänzer ist ein warmherziges Buch, das die Liebe der Autorin zu diesem von andauernden Kriegen zerrissenen Land und seinen Menschen nur allzu deutlich macht. Es reicht in seiner tragischen Konsequenz und seiner literarischen Kraft nicht an den „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini heran. Aber wie dieses öffnet es dem westlichen Menschen einen ganz neuen Blick auf Afghanistan und vor allem auf die Menschen dort.

Andrea Busfield: Mauertänzer. Aufbau Verlag, 2009. Taschenbuch, 329 Seiten, Euro 9,95

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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