
- Schweigender Engel - Alejandro Heredia auf stock.xchng
Alle spirituellen und religiösen Traditionen messen der Stille und dem Schweigen eine besondere Bedeutung bei. Sei es im Christentum, Islam, Hinduismus oder in den buddhistischen Traditionen – das freiwillig auferlegte Nicht-Sprechen ist ein integraler Bestandteil dieser Wege. Schweigen kann dabei auf vielerlei Arten praktiziert werden: zum Beispiel in Form von Schweige-Retreats, stillem Gebet oder Schweige-Gelübden.
Natürlich muss man unterscheiden zwischen freiwillig, bewusst eingehaltenem Schweigen als spiritueller Disziplin und dem Nicht-Reden aufgrund von Gleichgültigkeit, Schüchternheit oder schlechter Laune. Letzteres hat weder spirituellen Nutzen, noch ist es ein Schweigen im eigentlichen Sinn des Wortes.
Formen des Schweigens
Im Sprachgebrauch des Yoga wird das spirituell motivierte Schweigen mit dem Sanskritbegriff „Mauna“ benannt. Dieser Ausdruck kann auf verschiedenen Ebenen verwendet werden. Zunächst kann Mauna einfach nur das äußerliche Schweigen – den Verzicht auf die Benutzung der Sprechorgane – meinen. Dann wird es auch „Vak Mauna“ genannt. Daneben gibt es das radikalere „Kastha Mauna“, bei dem auf jegliche Form der Kommunikation, einschließlich geschriebener Nachrichten, Gesten wie Nicken oder Kopfschütteln, Handzeichen und Mimik verzichtet wird.
Gott in der Stille begegnen
Das allen Formen von Mauna gemeinsame Ziel ist, den Geist ruhig und still werden zu lassen, bis schließlich „Maha-Mauna“, das „große Schweigen“ erreicht ist. Mauna ist eng verknüpft mit Patanjalis klassischer Definition des Yoga: „Yogas citta vritti nirodah“ – „Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes.“ (Yoga Sutras, Kapitel 1, Vers 2). Wenn der Geist vollkommen rein und klar geworden ist, kann das Absolute (Brahman, der göttliche Urgrund) erkannt werden – so wie der Himmel sich auf der Wasseroberfläche eines Sees spiegelt, wenn dieser völlig ruhig geworden ist.
Die Früchte von Mauna
Achtsames Schweigen kann viele positive Früchte tragen. Zunächst einmal werden dadurch mögliche Probleme vermieden, die durch (zu viel) reden entstehen könnten: zum Beispiel Angeberei, Tratsch und Klatsch, Lästerei, Beschimpfungen und Streitereien. Schweigen bewahrt zudem Energie, die normalerweise zum Sprechen aufgewandt wird. Diese überschüssige Energie kann in spirituelle Energie umgewandelt werden und zu größerer Zufriedenheit, geistiger Klarheit und innerem Frieden führen. Regelmäßiges Schweigen verbessert außerdem die Konzentrationsfähigkeit. Auch fällt es im Schweigen geübten Menschen leichter, sich nach innen zu wenden und zu meditieren oder sich ins stille Gebet der Kontemplation zu versenken sowie bewusster und achtsamer zu handeln.
In die Stille gehen – Tipps zur Praxis des Schweigens
Regelmäßige Zeiten des Schweigens sollten idealerweise in den Tagesablauf eingebunden werden. Zum Beispiel können jeden Morgen ein bis zwei Stunden in der Stille verbracht werden – am besten in Verbindung mit Yoga, stillem Gebet oder Meditation. Auf jeden Fall sollte aber die eigene Schweige-Praxis mit den Mitbewohnern oder Familienmitgliedern abgesprochen werden, so dass keine unnötigen Störungen und Konflikte daraus entstehen. Die persönlichen Pflichten sollten unter dem Schweigen natürlich nicht leiden.
Schweige-Retreats oder Schweige-Exerzitien
Am einfachsten und tiefreichendsten lässt sich das Schweigen natürlich in Abgeschiedenheit, innerhalb eines Schweige-Retreats oder in Schweige-Exerzitien üben, wie sie von verschiedenen christlichen und spirituellen Organisationen angeboten werden. In der Regel werden diese von einer/m erfahrenen spirituellen Lehrer/in oder Seelsorger/in geleitet, wobei begleitende Gespräche möglich sind. Wie auch immer es praktiziert wird: Das bewusst gepflegte Schweigen kann den Menschen zu innerer Stille und einer tiefen spirituellen Erfahrung führen.
Weiterführender Link: Kommentar zu Patanjalis Yoga Sutras von Sukadev Bretz.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.
