Max Frisch und sein Roman "Homo Faber"

Max Frisch und sein Roman
Max Frisch und sein Roman "Homo Faber", Techniker - berwis
Mit dem Roman „Homo faber" prangert der Autor Max Frisch die naturwissenschaftlich verkürzte Sicht des Menschen und seiner Welt an.

Die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts haben in der Rückschau die gleiche oder eine größere Bedeutung als die legendär gewordenen zwanziger (mit Autoren wie z.B. Joyce und Hemingway); die gleiche Bedeutung, weil sich ihnen eine ebenso eruptive, revolutionäre Entwicklung vollzog (man denke an Beckett!) wie diejenige, die man mit Recht für die zwanziger Jahre annehmen kann; eine größere deshalb, „weil in den fünfziger Jahren alles das, was im Anfang der Jahrhunderte schon angelegt und angedeutet war, zu seiner Ausformung gelangt, geradezu als Prozess der vollkommenen Bewusstwerdung verstanden werden muss“. Ein namhafter Vertreter der fünfziger Jahre ist der Schweizer Max Frisch, der mit seinen Prosaarbeiten „Stiller“ und „Homo faber“ die literarische Diskussion bestimmte. Da der Roman „Homo faber“ zu den populärsten, bekanntesten deutschen Romanen der fünfziger Jahre gehört, soll er hier besprochen werden.

Aufbau des Romans „Homo faber“

Es handelt sich bei dem Roman „Homo faber“ um einen „Bericht“, der aus zwei Teilen besteht und in über 50 Assoziationsteile zerfällt. Dieser soll Einblick bieten in das prozesshafte Enthüllen eines „Ich“. Dabei treten einheitliche Tendenzen der Welt von Ost und West in Erscheinung. Es wird der instrumentalisierte und funktionalisierte Mensch der Gegenwart in seiner fragwürdigen Eigenständigkeit und Bedürftigkeit gezeigt. „Das Wort ‚Bericht‘ entbehrt nicht der Ironie, denn Berichte sollen das Erlebte wahrheitsgemäß wiedergeben, wogegen sich Faber aber im ersten Berichtsteil vehement wehrt.“

Max Frisch und sein Roman „Homo faber“

Die Haltung Fabers als Techniker wir von Max Frisch mit der Darstellung seines Lebensschicksals hinterfragt. Diese hat im „Homo faber“ keinen Selbstzweck, sondern will dazu beitragen, den Leser zu einer Entscheidung zu befähigen. Was Frisch anprangert, das ist eine naturwissenschaftlich verkürzte Sicht des Menschen und seiner Welt. Denn: Die Welt, in der Walter Faber lebt, ist flächig, ohne Tiefe und ohne irrationale Überraschungen. So behauptet er von sich selbst: „Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? (…) Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genüg[t] mir.“

"Homo faber" ist ein Zeitroman

„Homo Faber“ ist unabweisbar ein Zeitroman, dessen Erfolg darauf beruhte, dass er den Deutschen, die von der Welt abgeschnitten waren, erst einmal die diese zeigte. Flugplätze. Mexiko, Lateinamerika, Europa – also eine Bildungsreise. Er ist ein Zeitroman, weil er die Deutschen mit ihrer Vergangenheit konfrontierte, und zwar aus dem schlechten Gewissen eines Schweizers Ingenieurs, der damals eine jüdische Frau liebte und eigentlich zu bequem war und zu feige, sie wirklich zu lieben, und der dafür eine Rechnung bezahlen muss. Es ist ein Zeitroman, weil er dem damaligen Technikoptimismus entgegengeschrieben ist und einen Menschen zeigt zwischen wuchernder Natur und berechnendem Konstrukt. Der Zufall ist gleichzeitig die Nemesis, der Zufall ist das, was zuschlägt und die Sünden bestraft. Walter Faber zieht den Zufall, den unglücksträchtigen, an wie ein Ableiter den Blitz.

Bildnachweis: © by berwis/pixelio.de

Quellen:

Frisch, Max: Homo faber. Lizenzausgabe für den Deutschen Bücherbund GmbH & Co, Stuttgart/Hamburg/München. Mit Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Frankfurt am Main [Zitat: Seite 27: mit Druckfehler!]

Hoffmann, Christian: Max Frischs Roman „Homo faber“ - betrachtet unter theologischem Aspekt (Theologie der Wirklichkeit; Band 9), Frankfurt am Main 1978 [Zitat: Seite: 40]

Kuschel, Karl Josef: Im Spiegel der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Düsseldorf 1997, Seite 105-123.

Sierig, Hartmut: Narren und Totentänzer. Eine theologische Interpretation moderner Dramatik, Hamburg 1968 [Zitat: Seite 13].

Ingo Noczynski, Ingo Noczynski

Ingo Noczynski - Ingo Noczynski, in Wiesbaden geboren. Buchhändler und Magister (ev. Theologie, Geschichte, Physik) in Mainz. Derzeit für den ...

rss