Max Frisch und sein Roman "Stiller"

Frisch, Stiller, Interpretation, Zusammenfassung - Gerd Altmann
Frisch, Stiller, Interpretation, Zusammenfassung - Gerd Altmann
Mit seinem Roman „Stiller" (1954) will Max Frisch auf die Erkenntnis hinaus, dass es einem Menschen nicht erlaubt sein kann, sich selber zu entfliehen.

Es gibt einen Autor, bei dem das Problem der Identität Grundmotiv seines Werkes bildet: Max Frisch. In seinem kenntnisreichen Essay über Max Frisch gibt Klaus Haberkamm einer allgemein anerkannten Einsicht Ausdruck: „Sein (sc. Max Frisch) vorliegendes Werk behandelt in immer neuen Ansätzen das Problem der Identitätsfindung.“ Am bedeutendsten ist dabei wohl der Roman „Stiller“ (1954). Die Frage des Menschen nach sich selbst wird hier vom Negativ her gestellt: Ein Mensch will nicht er selbst sein, kämpft gegen die objektive Identität: Ich bin nicht Stiller!

„Stiller“ – Flucht vor sich selbst

Im Roman „Stiller“ macht der Titelheld den Versuch auszubrechen, sich von seiner Vergangenheit zu trennen, indem er – nach einem Selbstmordversuch – bewusst-unbewusst den Entschluss fasst, seine Identität zu leugnen und ganz neu anzufangen.

Max Frisch und sein Roman „Stiller“- eine Zusammenfassung

„Stiller“ ist nach Max Frischs eigenen Worten „das Tagebuch eines Gefangenen, der sich selbst entfliehen will“. Beim Grenzübertritt in die Schweiz wird ein Amerikaner namens White festgenommen. Dieser wird verdächtigt, gar nicht White zu heißen, auch nicht Amerikaner zu sein, sondern mit einem seit sieben Jahren verschollenen Bildhauer Anatol Stiller identisch zu sein. Er leugnet diese Identität, der erste Satz des Romans enthält die entscheidende These: „Ich bin nicht Stiller!“ Das geschieht im Sinne des Dichters nicht aus oberflächlich kriminalistischen Motiven, sondern hier ist ein Mensch auf der Flucht vor sich selbst. So verrückt und lächerlich das auch erscheinen mag, es wird wie in einem Spiegel die Flucht des Lesers oder Hörers vor seiner eigenen Verantwortung und Schuld offenbar.

Aus den Aufzeichnungen Stillers während der Haft wird mosaikartig sein Charakter deutlich: Kind der unteren Gesellschaftsschicht, unerzogen und ungestüm, ichbezogen, ein unbedeutender Künstler; einer, der mehr scheinen will, als er tatsächlich ist. Seine Ehe mit der Balletteuse Julika misslingt. Darum flieht er nach Amerika; aber als Mister White bleibt er doch der gleiche Versager. Darum will er noch einmal neu anfangen, er will ein anderer werden; die gerichtlichen Beweise jedoch zwingen ihn, seine verleugnete Stiller-Identität anzunehmen. Danach beginnt er wieder mit Julika anzubändeln; aber es gelingt ihm nicht, weil er es nicht fertig bringt, sich und Julika, so wie sie sind, anzunehmen. Die Flucht vor sich selbst, der Mangel an ehrlicher Selbsterkenntnis und das fehlende Schuldbewusstsein verhindern die Heilung. Die Folgen dieses Identifizierungsprozesses werden im letzten Satz über Stiller benannt: „Stiller blieb in Glion und lebte allein.“

Max Frisch und sein Roman „Stiller“- eine Interpretation

Anatol Stiller hat sich selbst verloren: dies ist der Grund seiner tiefen existenziellen Unsicherheit, der Anlass seines Scheiterns in Beruf und Ehe. Stillers Lebensbeichte bricht ohne eindeutige Lösung ab. Die Frage bleibt, ob dem ehemaligen Bildhauer nicht letztlich doch eine wirkliche Selbstannahme gelingt. Ist er in der Einsamkeit schließlich zu der authentischen Lebendigkeit fähig, nach der er so verzweifelt zu fahnden sich gezwungen sieht? Wie dem auch sei, Frisch will mit diesem Roman auf die Erkenntnis hinaus, dass es einem Menschen nicht erlaubt sein kann, sich selber zu entfliehen, dass ein Leben vielmehr nur dort gelingt, wo einer sich selbst zunächst einmal annimmt! Dem modernen Menschen mit all seinen Verklemmungen und Fluchtgedanken wird der Fluchtweg abgeschnitten.

Die stilistische Kunst Frischs

Über den literarischen Rang des Romans sind sich so gut wie alle Kritiker einig. Dazu nur ein Beispiel aus der Fülle des Lobgesangs. „Wo man von den Errungenschaften der modernen Erzählkunst spricht, wird man außer Proust und Joyce, außer Mann und Musil (…) auch den ‚Stiller‘ nennen müssen“ (R. Goldschmit).

Es ist der stilistischen Kunst Frischs hoch anzurechnen, dass das Buch trotz der ethischen Abzweckung, trotz seiner Nähe zum philosophischen Traktat, so gut lesbar, ja so amüsant und überraschungsreich geworden ist. Ein Teil dieses Amüsements hängt freilich mit einer gewissen antibürgerlichen, antischweizerischen, salonbolschewistischen Attitüde des ehemaligen Spanienkämpfers Stillers zusammen, wobei es bei der vielfachen Verschlüsselung dahingestellt bleibt, ob die bissigen Bemerkungen nur zum Krankheitsbild Stillers gehören oder ob da der Autor selbst hervorlugt. Wenn ja - was man annehmen möchte -, hat er es jedenfalls keinem leicht gemacht, ihn an diesem Äußerungen aufzuspießen: „Ich bin nicht Stiller!“.

Die literarische Teilhabe an „Stiller“ kann Leser und Hörer befähigen, sich selbst ehrlicher zu durchschauen, den Veränderungswillen zu stärken und das echte Selbst wachsen zu lassen.

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Bildnachweis: © by Gerd Altmann/pixelio.de

Quellen:

Baltz-Otto, Ursula: Poesie wie Brot. Religion und Literatur: Gegenseitige Herausforderung, München 1989, Seite 156-172.

Bienek, Horst: Werkstattgespräch mit Schriftstellern, München 1962 [Zitat: „das Tagebuch eines Gefangenen, der sich selbst entfliehen will“: Seite 24].

Frisch, Max: Stiller. Ungekürzte Ausgabe, Frankfurt am Main (Suhrkamp) [„Stiller blieb in Glion und lebte allein“: Seite 515; "Ich bin nicht Stiller!": Seite 9)].

Goldschmit, R.: Die verlorene Identität, in: Stuttgarter Zeitung, 18.12.1954; zitiert nach Horst Bienek: Bienek, Horst: Werkstattgespräch mit Schriftstellern, München 1962 [Zitat: Seite 25].

Haberkamm, Klaus, in: Deutsche Literatur seit 1945 in Einzeldarstellungen, herausgegeben von Dietrich Weber, Stuttgart 1968 [Zitat. Seite 336].

Ingo Noczynski, Ingo Noczynski

Ingo Noczynski - Ingo Noczynski, in Wiesbaden geboren. Buchhändler und Magister (ev. Theologie, Geschichte, Physik) in Mainz. Derzeit für den ...

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