Maxim Gorki Theater Berlin: Sebastian Hartmann - Der Trinker

aufgeblasener Kunstvorhang - Thomas Aurin
aufgeblasener Kunstvorhang - Thomas Aurin
Hans Falladas 1944 geschriebener Roman wurde erst 1950 veröffentlicht. Sebastian Hartmann geht in seiner Version recht frei mit dem Text um.

Der Regisseur Sebastian Hartmann hat es dem Publikum nicht leicht gemacht: anstatt die Geschichte von „Der Trinker“ einigermaßen romangerecht nachzuspielen, spaltet er den alkoholkranken Geschäftsmann Erwin Sommer in zwei Figuren auf, die sich mehr mit der Sucht als mit der Handlung beschäftigen. Die Kneipe, in der Sommer seine Alkoholabstürze auskostet und durchleidet, muss sich der Zuschauer imaginieren, genauso wie die Gattin und den Arzt. Am Ende landet der verwahrloste Protagonist in einer Heilanstalt, aber bis dahin werden neben den erzählten Alkoholdelirien noch etliche Kunstexzesse durchgeführt, die das Theaterprojekt sinnlich erfahrbar machen sollen. Steve Binetti steuert auf der Gitarre etwas bizarre Klänge bei, zu denen sich mitunter ein trunkener Chorgesang mischt.

Kaum Einfühlung möglich

Ein eleganter Trinker ist das. Samuel Finzi und Andreas Leupold teilen sich diese Rolle und tragen einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd. Dass ein relativ schräger Abend anvisiert ist, wird spätestens dann klar, als Steve Binetti zum wiederholten Male seine Gitarre erklingen lässt und das Gespielte mit seinem eigenwilligen Gesang begleitet. Manch einer mag da Wohllaute heraushören, ein anderer vielleicht Kakophonie – jedenfalls hätten eingängigere Melodien Teile des Publikum vermutlich etwas milder gestimmt. Bei dieser Inszenierung wird nicht lange gefackelt: schon frühzeitig wird klar, dass ein einfühlendes Verständnis für das Schicksal des Trinkers kaum möglich ist. Bei diesen Paroxysmen des Geistes fällt es schwer, Mitgefühl mit dem Abstürzenden zu empfinden. Immerhin, im Anfangsstadium reißt sich Finzi noch etwas zusammen, als sei die bürgerliche Fassade durch einen Ausrutscher nicht weiter gefährdet. Aber die fragwürdigen Eskapaden, die sich die Hauptfigur in ihrer Verzweiflung gestattet, schlagen sich bald in der Sprache und im Verhalten nieder.

Berauschende Kunstbilder

Irgendwann bekommt die Verfallsgeschichte visuelle Unterstützung. Zu Beginn sitzen die Schauspieler auf einer langen Bank vor einem weiß-grauen Vorhang, der von einer hellen Lichtkugel bestrahlt wird. Nach einer Weile hält endlich die Kunst Einzug: auf dem Vorhang entstehen diverse Farbbilder, die ein rauschhaft verzückende, magisch aufglühende Atmosphäre erzeugen. Eine totenkopfähnliche Gestalt wie aus einem Alptraum taucht auf und verschwindet wieder, anschließend erscheinen zu Kampffliegen mutierte Insekten, die als bedrohlicher Schwarm über den Figuren herumschwirren. Hinter dem Vorhang befindet sich ein Riesenventilator, der den Stoff künstlich aufbläht, als treibe ein mit Augen versehenes Gespenst sein Unwesen. Für die Wahnvorstellungen eines im Delirium gefangenen Trinkers hätte man kaum bessere Bilder finden können. Die Schauspieler werden fast erdrückt von dem nach vorne quellenden Vorhang, der sich bald in bunten Farbmischungen zeigt, bald mit schwarzen Tintenklecksen übersät ist. Laute psychedelische Sequenzen ertönen, die das Innere angenehm vibrieren lassen. Diese eine Vielzahl von Assoziationen hervorrufende Musik ist ein kleiner Höhepunkt, aber einige empfindliche Zuschauer sind angesichts der Phonstärke nicht gerade begeistert.

Tobsuchtsanfälle und eine Kotzorgie

Andreas Leupold spielt die moderatere Version der gespaltenen Figur. Was bei ihm noch halbwegs gebändigt ist und sich wie eine zurückgehaltene Aggressionsgeste ausnimmt, gelangt bei Samuel Finzi zu vollem Ausbruch. Immer unverblümter wird sein Abrutschen ins Irresein. Sein Hemd herunterreißend, springt Finzi in die Höhe und trampelt auf der Bühne wie ein enervierter Kobold, der sich in einem Tobsuchtsanfall abreagiert. Wenn Finzi seine Augen aus den Höhlen hervorquellen lässt, werden Erinnerungen an Dimiter Gotscheffs Inszenierung von „Der Selbstmörder“ wach, obwohl Finzi seine Figur hier ins Dramatische, ja Ausweglose wendet. Als es mit dem gestrauchelten Geschäftsmann endgültig den Bach heruntergeht, bildet ausgerechnet ein goldenfarbener Vorhang die Hintergrundkulisse, der den Anschein bürgerlicher Normalität aufrechterhält. Nun erreicht der Verwirrtheitszustand ein solches Ausmaß, dass die Schauspieler sich ihre Gesichter verschmieren und mit fleckigem Gesicht herumlaufen. In einem Intermezzo haben sie sich als inzwischen bucklige Gestalten eine graue Bauernkleidung übergestreift, mit der sie wie unsichere Waldschrate herumtappen. Der Absturz ist perfekt und die Scheidung eingereicht – Grund genug, eine ausgiebige Kotzorgie in Szene zu setzen. Mit Hilfe eines Schlauchs ergießen die Schauspieler ihren Magenbrei über die Anzüge, und zwar dermaßen farbenfroh, dass es kaum noch bunter werden kann. Ingesamt hat Sebastian Hartmann, der sich beim Applaus einige Buhrufe anhören musste, eine äußerst subjektive Fassung vorgelegt, bei der die eigentliche Romanhandlung zur Nebensache wird. Immerhin ist es ein mit schönen Kunstbildern beladener, ästhetischer Abend, der mit einigen Schwächen versöhnt.

Der Trinker

nach dem Roman von Hans Fallada

Bearbeitung von Sebastian Hartmann

Koproduktion mit dem Centraltheater Leipzig

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Malerei und Mitarbeit Bühne: Tilo Baumgärtel, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Steve Binetti, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Jens Groß.

Mit: Andreas Leupold, Samuel Finzi, Steve Binetti

Maxim Gorki Theater Berlin

Premiere vom 4. Februar 2012

Dauer: ca. 2 Stunden, 30 Minuten, keine Pause.

Bildnachweis: © Thomas Aurin

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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