
- McKinley Black - Kerstin Völling
Gestandene Frauen jenseits der 40. Es ist ihnen schnurz, welche Süßigkeit die Familie an den Tisch lockt. Sie verbringen ihre Zeit lieber in einem klapprigen VW-Bus. Oder in einem gemieteten Citroen. Nicht im Eigenheim. Es gibt sie wirklich. Es gibt diese "Roaming Girls". Sie streunen durch die Staaten. Um den Erdball. In die Metropolen. Übers Land. Wo sie morgen sind, wissen sie nicht. Hauptsache, auf einer Bühne. Hauptsache, sie können dort ihre Lieder spielen. Hauptsache, morgen wartet ein anderer Ort mit neuen Zuhörern. Sie nennen sich selbst „Singer/Songwriter“. Oder einfach nur „Musikerinnen“.
Die "Roaming Girls" machen sich einen Namen
Einige dieser "Roaming Girls" haben sich sogar schon einen Namen gemacht. Dazu gehört die Australierin Ronnie Taheny. Seit 15 Jahren pendelt sie von Ort zu Ort. Mal spielt sie mit Größen wie Billy Bragg. Mal spielt sie allein. Manchmal auch auf ganz kleinen Bühnen wie jene im Schaustall Langenfeld.
Da ist aber auch Mckinley Black. Serien-Gucker haben ihre Songs schon in der SAT.1-Reihe „Danni Lowinski“ gehört. Über 70 Gigs hat sie in diesem Jahr gespielt. Dabei sucht sich die 46-Jährige ihre Auftrittsorte selbst aus. Metropole oder Kuhdorf - das ist ihr egal. Das Ambiente muss stimmen. Zumindest dem Eindruck nach. „Viel geht über Mundpropaganda“, sagt Mckinley Black. „Auch Facebook ist wichtig für mich. Ich schaue rein, noch bevor ich meine Mails checke.“ Die Amerikanerin hat heute Dollern gewählt. Dollern - das Örtchen nah an der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwanz bellen. Hinter Buxtehude. Aber noch vor Stade. Gleich neben den Bahngleisen leuchten die Lichter der Provinzperle: „KulturDIELE“ heißt der Schuppen für die Live-Gigs hier. „Den haben einige empfohlen“, sagt die Sängerin, „aber ich wusste nicht, was mich erwartet.“ Der totale Blindflug. „Bin auch nur mit Navi angekommen.“ Und? Wie isses hier? „Sehr fein“, versichert sie, „es herrscht Pub-Stimmung. Die mag ich ja.“
Songs, die ein Leben erzählen
Gäste lümmeln sich in Sofas und Sessel. Mckinley Black erzählt aus ihrem Leben. Nur mit Gitarre und Mikrofon. Mehr braucht sie nicht. Ihre Erfahrungen hat die Wahl-Berlinerin stets in ihre Musik gepackt. Nunmehr zu hören auf ihrer neuen CD „Beggars, Fools and Thieves“. Sie stimmt das bewegte „High Noon“ an. Darin duelliert sie sich mit sich selbst. Der innere Schweinehund kämpft gegen den Rest. „Man trägt ja konträre Seiten in sich, die miteinander hadern“, erklärt Black. Das textlich interessanteste Lied aber heißt „Bailinho da Maria“ ("Tanz der Maria"). Es erinnert an Blacks portugiesische Großmutter. Und nun zeigen die Höhen, welch sattes Volumen Mckinley Blacks Stimme aufweist.
„Sie hatte schon sechs Kinder, als sie ihren Ehemann in Portugal samt Familie zurückließ, um in einer Fabrik in New York zu arbeiten. Sie schickte so lange Geld nach Haus, bis alle in die USA kommen konnten. Dann bekam sie noch einmal fünf Kinder.“ 94 Jahre alt sei ihre Großmutter geworden. „Niemals habe ich meine Oma klagen oder murren hören“, so Mckinley Black. Eingepackt ist die Erzählung in Anklängen portugiesischer Traditionsmusik. Das fehlende Banjo ersetzt der „Dollern-Chor“: Die Gäste stimmen enthusiastisch mit ein. Auf der CD hingegen singt Katharina Franck (Rainbirds) im Hintergrund. „Katharina ist in Portugal aufgewachsen“, weiß Black. Ja, ja. Die Berliner Mucker-Familie und ihre Wurzeln. Und wer solche Vorfahren hat wie McKinley Black, der braucht sich über den eigenen Lebensweg nicht mehr zu wundern: Geboren und aufgewachsen auf Cape Cod. Also dort, wo Familien wie die Kennedys ihre Ferienhäuser unterhalten. Nach der Schule Studium der Musik. Abbruch schon im ersten Semester. Job als Chefsekretärin eines Oberarztes. Nach dem Tod der Mutter empfiehlt eine Freundin, sich als Musikerin in Basel (Schweiz) zu versuchen. „Das war schön...langweilig“, sagt die Auswanderin heute. Nach Basel - Berlin. „Dort konnte ich am Prenzlauer Berg kostenlos wohnen.“ Mal ein Job am Maxim Gorki Theater, mal ein halbes Jahr durch die USA getourt. Ein Hippie-Leben. Bis heute. Da ändert auch die Wohnung in Berlin nix dran. Hat man das nicht irgendwann mal satt? "Things in life just happen, I wanna know which way to go", singt sie. In "My Best" heißt es "I tried my best, but it didn't work out" und "Someday" handelt gar von jemandem, der ständig aufschiebt, sein wahres Glück zu finden.
"Ich liebe das Sozialdemokratische an Deutschland"
"Ich habe schon öfter überlegt, wieder zurück in die USA zu gehen", räumt Mckinley Black ein. "Aber dann hat mir Deutschland immer wieder eine neue Chance gegeben." Dazu zählt sie auch ihre Zusammenarbeit mit Stockfisch Records. "Ich glaube nicht, dass ich in den USA als unabhängige Acoustic-Künstlerin die Möglichkeit gehabt hätte, zwei Jahre lang an einem technisch so hochwertigen Album zu arbeiten wie bei diesem Label." In Amerika sei das Leben härter. Weil die Menschen dort viel konzentrierter ständig Geld machen wollten. "Ich liebe das Sozialdemokratische an Deutschland", sagt Mckinley Black. "Meinen Stil hätte ich in Amerika nicht so entwickeln können wie hier." Und mehr Freiheit gäbe es hier auch. "Fährt jemand in Deutschland besoffen Auto, so kommt es vor, dass ihn die Polizei nach Haus fährt. In den USA landest du sofort im Knast. Und du weißt nicht, wann du wieder raus kommst." Letzteres erlebte die Interpretin bei einer Freundin mit. Die Freundin war Alkoholikerin, wurde betrunken am Steuer erwischt und landete im Gefängnis. Der Song "Cheyenne" ist ihr gewidmet. "Cheyenne" ist der Name des Trucks, den die Freundin fuhr.
"Don't mess with Texas"
Mckinley Blacks Stil ist ein Mix aus Country, Folk und Rock. So zumindest würde ihn ein Deutscher jenseits der 40 beschreiben. Mckinley Black behagt das gar nicht. Country ist für sie die Musik der Südstaaten, der dazu gehörigen Cowboys mit der strammen Rechtsausrichtung. "Don't mess with Texas" warnt die Frau aus Massachusetts. Und Folk verbindet sie mit Pete Seeger, während unsereins an Ani DiFranco und Bob Dylan denkt. Unbestreitbar sind aber ihre Vorbilder: Joni Mitchell, James Taylor, Billy Joel, Paul Simon und Harry Chapin. Mckinley Black: "Die habe ich gehört, als ich ein Kind war. Die haben mich auch geprägt."
