
- Journal der Sachkunde? Suite101-Seite, 18.04.2008 - Wayback Machine Internet Archive
Verlage sind nicht dazu geeignet, dauerhaft im Internet zu bestehen. Oder auch: Web-Inhalte der massenmedial Publizierenden können sich nicht in einem Konkurrenzumfeld durchsetzen, für das sie nicht geschaffen wurden. Die Informationsnutzung im Internet, womit hier alle zurzeit verfügbaren medialen Anwendungen im Web zusammengefasst werden sollen, funktioniert bekanntermaßen etwas anders als zu analogen Zeiten. Das betrifft natürlich auch die verlagsseitige Finanzierung. Offline verkaufte man Werbung und Papier, bevor die wertvollen journalistischen Inhalte überhaupt massenhaft auf den Markt und zur Kenntnis gebracht wurden.
Heute muss man erst schlagwortfertig und klickstreckenreich liefern und bekommt dann mit Glück und Google eine handvoll Werbeklicks ausgezahlt, oder auch nicht. Das Geschäft ist unsicherer, der Konkurrenzdruck und die Notwendigkeit der Werbung um Aufmerksamkeit höher sowie die Redaktionsbudgets beschränkt wie ein Tweet. Deshalb versuchen Medienkonzerne, ihre konfektionierte Analogware mit aller Macht und modernen App-für-Mitteln zu vermarkten, anstatt wirklich konkurrenzfähige, da im Internet verwurzelte Marken zu schaffen.
Das journalistische Geschäftsmodell der Vermarktung von Inhalten
In Journalisten-Jobbörsen sinkt seit Jahren die Zahl der angebotenen redaktionellen Stellen, während immer häufiger Social Media-Sachverständige oder gar -Redakteure gesucht werden. Die aber werden meist nicht engagiert, weil über die neuste Facebook-Partyeinladungs-Panne direkt – also als "Freund oder Follower" – berichtet werden soll, sondern man doch irgendwie die schwer zu fassenden Massen der online-affinen Nutzer dazu bringen könnte, sich für den übrigens auch produzierten Journalismus zu interessieren. Verträge mit Nachrichtenagenturen hat man schließlich schon seit Jahrzehnten, wie alle anderen Mitbewerber auch – und die füllen dann die Seiten, wie bei allen anderen auch.
Dass Printverkäufe zurückgehen angesichts der Masse und spezifischen Klasse der im Web kostenlosen Informationen, mag eigentlich kaum verwundern. Doch warum die sonst so geschäftstüchtigen und vielseitigen Verlage nicht auf die Idee kommen, die medialen Bedingungen im Netz einmal als Chance und nicht als von Google inszeniertes Teufelswerk anzunehmen, wird wohl nur diskret in elitärer Managementrunde verworfen. Es wird sich nichts daran ändern, dass Internetnutzer nicht nur News erwarten, die man auf jeder beliebigen Startseite nachlesen kann, sondern auch Scoops, die früher gefühlt nur der Spiegel lieferte. Daneben aber auch Spezialinformationen im besten Sinne, die zu faltbaren Zeiten noch im wenig glanzvollen Regional-, Spezial- oder Ratgeberteil abgedruckt waren. Doch dafür brauchte man schon immer Ortskundige, Sachkundige, Fachkundige (Volontäre), die sich und ihren Lesern die Grundlagen des Journalismus erarbeiten. Allerdings sind heute oft Irgendwas-mit-Medien-Azubis vornehmlich damit beschäftigt, Printbeiträge und News-Schnipsel für die Website aufzubereiten – der Kostendruck eben.
Wer erfüllt den journalistischen Auftrag, wer die Leserbedürfnisse?
Bemerkenswerterweise sind es eben nicht Medienkonzerne, die den heutigen Journalismus prägen, sondern einerseits technische Dienste der Informationsvermittlung wie Google, Twitter, YouTube, eigenartigerweise auch Facebook – und andererseits webbasierte Plattformen wie WikiLeaks, GuttenPlag und jene Blogs abgewanderter oder gesparter Journalisten, denen es offensichtlich leichter fällt, Marken im Web zu etablieren, sie zu füllen und damit Themen zu setzen. Denn sie bewegen sich dabei in ihrem angestammten Terrain und lassen sich auf die medialen Gegebenheiten und Chancen ein, ohne sich im großen Stil von intermediären Synergieeffekten oder ähnlichen Marketing-Konstrukten an- oder auch abtreiben zu lassen. Wer wie die Verlage versucht, mit schierer Marktmacht ihren Distributionssraum ins Digitale zu erweitern, um die drucktauglichen Inhalte noch einmal als Netzzeitung oder App zu verkaufen, versucht sich über die Mechanismen des Mediums zu stellen. Es gibt wohl gute Gründe, warum sich die frühen Fernsehmacher nicht darauf beschränkten, vor der Kamera Tageszeitungen vorlesen zu lassen – und dafür dann gesondert Gelder zu verlangen. Vielleicht täte es ganz gut, sich statt auf Marketing-Konzeptionen auf die eigenen medialen Stärken der gewachsenen Journalismus-Tradition zu besinnen. Doch wie das folgende Beispiel zeigt, ist auch die umgekehrte Richtung keine Einbahnstraße zu Reichweite und Reichtum.
Ein Beispiel für mediengerechte Information mit Vielfalt? Suite101.de – ein Versuch
Man könnte doch auch Informationen liefern, die zwar einer formalen Qualitätskontrolle, nicht aber redaktioneller Selektion unterworfen sind. Nicht nur, da das Web mehr Seiten als eine Printausgabe hat, sondern auch ebenso unzählige potenzielle Leser. Vielfältige Informationen, die von orts-, sach- und fachkundigen Autoren so spezialisiert geliefert werden, dass sie bestenfalls dem großen journalistischem Anspruch, die Welt zu erklären, im Kleinen nahekommen und dem Leser das bieten, was er tatsächlich gerade sucht. Oder kann man Menschen nur eine Welt erklären, über die sie noch nichts wissen – also die sie noch nicht in ein Suchmaschinenfenster formuliert haben?! Ob man sich diese Frage in Kanada stellte, als im Winter 2007 die deutsche Seite des Netzwerks der Autoren Suite101.de an den Start ging? Den Begriff des unter- bis unbezahlten Content Farmers gab es damals jedenfalls noch nicht, und so kamen schnell viele gute und schlechte Artikel von ebensolchen Autoren verschiedenster Qualifikation zusammen, wobei sich besonders die Vertreter etablierter Medienhäuser fragten, wer denn das alles nun lesen soll. Ein paar Millionen Leser fanden sich durchaus schon, die sich auch für die im Januar 2010 eingeführten, explizit regional ausgerichteten Suite-Artikel interessierten. Ein Bereich, der bereits seit der vernetzten Abwanderung der Kleinanzeigen aus den Lokalzeitungen verstärkt im Web gedeiht.
Expansionszwang in neue Geschäftsfelder – oder Besser machen, was man gut kann
Doch keine technische Neuerung oder Design-Anpassung veränderte die Ausrichtung des Autoren-Netzwerks so wie die Einführung der News-Funktion, also der Einspeisung von Artikeln in Googles Nachrichten-Suchmaschine. Damit entfernte sich Suite101.de vom Spezialistentum der Autoren langfristig tantiementrächtiger Sachartikel hin zu den kurzfristigen Klick-Erfolgen des Tagesaktuellen.
"Google hat – nachvollziehbarerweise – sehr strenge Regeln für die Aufnahme in Google News. Kurz gesagt, wie sollte es anders sein, nehmen die nur echte News. Eine Textgattung, die wir – ebenfalls nachvollziehbarerweise – nur recht selten auf Suite101 haben und haben wollen", so Chefredakteur Dirk Westphal am 7. März 2008 im internen Autorenforum. Ebenda wurde diese Aussage wenig später relativiert. Zwei Jahre später gehörten News-Artikel zu den Quotenbringern von Suite101.de, wodurch der Konkurrenzkampf zu allen anderen tagesaktuellen Medien aufgenommen wurde – und das ohne jegliche Ausrüstung: Kein Suite-Autor kann offiziell direkt auf Agenturmeldungen oder Korrespondentenberichte zurückgreifen. Für die anlassbezogene Recherche vor Ort sind meist auch keine Mittel verfügbar. Demnach wurde Reichweite über die etablierten Qualitätsstandards gestellt – ob mit Erfolg, wird wohl die nahe Zukunft zeigen. Gar nicht viel anders als bei den großen Verlagskonzernen, die ja ihrerseits nicht immer einverstanden mit der intermediären Expansion von massenmedialen Nachbarn ins eigene Gehege waren.
