
- Keine Lösung: Pillen gegen Stress in der Schule - Andrea Fettweis
Stress ist nicht nur ein Problem für Gymnasiasten und Realschüler, er gehört leider schon für viele Erstklässler zum Alltag. Statt Freude am Lernen vermittelt zu bekommen, wird den Kindern oft immer noch der Spruch vom „Ernst des Lebens“ mit auf den Weg ins Klassenzimmer gegeben. Druck wird aber nicht nur von vielen Eltern ausgeübt: Nicht selten wird ein Kind von anderen gemobbt, fühlt sich von einem Lehrer falsch behandelt oder setzt sich selbst zu hohe Ziele. In der Pubertät kommen noch andere Schwierigkeiten wie der erste Liebeskummer oder Streit mit den Eltern hinzu. Auch der Schulweg ist Stress pur, wenn streitsüchtige Mitschülern meinen, andere ärgern oder sogar schlagen zu müssen oder wenn die Fahrt zur Schule und nach Hause in überfüllten Bussen stattfindet, wo wiederum Aggressionen und ein hoher Lärmpegel die Kinder belasten. Wie soll man das alles aushalten? Wäre es nicht schön, wenn es eine Pille gegen all diesen Stress gäbe?
Schmerzmittel und Antibiotika gegen Stress
Tatsächlich nimmt ein Drittel aller Schüler in Deutschland etwas zur Leistungssteigerung ein. Da Stress häufig Schmerzen vor allem im Kopf, Rücken oder Bauch verursacht, schlucken viele Jugendliche regelmäßig Schmerzmittel, um fit zu bleiben. Auch Medikamente gegen Erkältungen sind gefragt, da Schüler so wenig wie möglich in der Schule fehlen möchten, zumal der verpasste Stoff dann zusätzlich zu den aktuellen Hausaufgaben nachgeholt werden muss. Aber auch für Kleinkinder werden häufig Schmerzmittel in den Apotheken verlangt. Da die meisten Mütter arbeiten gehen und nur begrenzt fehlen dürfen, müssen die Kleinen, wenn irgendwie möglich, in den Kindergarten gehen können. Aufkeimende Infekte werden nicht in Ruhe auskuriert, sondern schnell mit Antibiotika bekämpft. Das Resultat: Gerade Antibiotika werden unwirksam, weil durch die häufige Einnahme resistente Keime gezüchtet werden. Bei ernsthaften Erkrankungen können diese Medikamente dann nicht mehr helfen.
Anfällig für Aufputschmittel und Drogen
Stress und ständige Überforderung haben noch mehr Beschwerden zur Folge: Schlafstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, aber auch Aggressionen, Nervosität oder Depressionen können Reaktionen auf unbewältigte Probleme sein. Kein Wunder, dass bereits Kinder unter zwölf Jahren Psychopharmaka verordnet bekommen, um leistungsfähig zu bleiben. Dass die meisten Schüler Medikamenten und Drogen gegenüber immer aufgeschlossener werden, um sich den Alltag vermeintlich zu erleichtern, berichtete die Frankfurter Rundschau im März dieses Jahres nach einer wissenschaftlichen Befragung. Jeder 10. Schüler hat schon Koffeintabletten ausprobiert, für jeden zweiten gehören koffeinhaltige Energydrinks zum Aufputschen dazu.
Amphetamine machen krank
Manche Schüler greifen jedoch zu härteren Mitteln: So wird zum Beispiel Ritalin auf dem Schulhof gedealt oder über das Internet leichtfertig besorgt. Der Wirkstoff dieses Medikaments ist eigentlich zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen bei betroffenen Kindern gedacht. Mit der Einnahme dieses Medikaments meinen die Schüler, leichter lernen und sich den Stoff besser merken zu können. Dies ist ein fataler Trugschluss! Das einzige, was sich verändert, ist die Selbsteinschätzung: Man glaubt, alles verstanden zu haben, dabei kann man sich an die Lerninhalte nicht wirklich gut erinnern. Die Fähigkeit zum logischen Denken und zur Selbstkritik wird durch Speed (Szeneausdruck für Amphetamine aller Art) herabgesetzt. Außerdem hat die Einnahme von Amphetaminen eine weitere und viel gefährlichere Nebenwirkung: US-Forscher fanden heraus, dass die Substanzen den Blutdruck deutlich steigen lassen und Verkrampfungen der Arterien auslösen. Damit erhöht sich auch die Gefahr, einen Herzinfarkt zu bekommen! Außerdem hemmen Amphetamine den Appetit, so dass ein Missbrauch oft auch zu erkennbarem Gewichtsverlust führt. Ein Dauerkonsum hat Wahnvorstellungen, Angst und Depressionen zur Folge. Fazit: Medikamente lösen keine Probleme und sind häufig sogar schädlich bis lebensgefährlich!
Gesunde Alternativen gegen Schulstress
Ist der Stress bei Kindern durch Probleme im Unterricht entstanden, sollten sich die Eltern unbedingt an den Klassen- oder Vertrauenslehrer wenden. Darüber hinaus kann die Familienberatungsstelle oder ein Psychologe weiterhelfen. Optimal ist es, wenn bereits im Unterricht Strategien zur Stressbewältigung eingebaut werden. Wo es diese Möglichkeiten nicht gibt, kann man sich um Entspannungskurse außerhalb der Schule kümmern, zum Beispiel Autogenes Training, Phantasiereisen oder Progressive Muskelentspannung. Sie werden in vielen Volkshochschulen, Familienbildungsstätten und auch von den Krankenkassen angeboten. Für die Techniker Krankenkasse hat der Psychologe Professor Dr. Arnold Lohaus zum Beispiel spezielle Antistress-Kurse wie „Bleib locker“ und „SNAKE – Stress nicht als Katastrophe erleben“ für Kinder und Jugendliche entwickelt. Ansonsten sollte die Freizeit der Kinder nicht zusätzlich mit Musik- oder Nachhilfeunterricht zugepflastert werden, wenn sie ohnehin schon ein volles Programm haben.
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