Meditation und Samadhi

Patanjalis Yoga Sutras über den Weg zum Einssein mit dem Göttlichen

Meditationsstellung Lotussitz (Padmasana) - Oshin Beveridge auf stock.xchng
Meditationsstellung Lotussitz (Padmasana) - Oshin Beveridge auf stock.xchng
Meditation ist eine spirituelle Übung der Geisteskontrolle und Transzendenz, die letztendlich zur Einheitserfahrung des Samadhi führen soll.

Meditation war schon immer von zentraler Bedeutung im Yoga. Während der westliche Ansatz oft den Gesundheits- und Wellnessaspekt betont, gilt im traditionellen Yoga die Meditation vor allem als Weg der Geisteskontrolle, dessen letztendliches Ziel die Erleuchtungs- und Einheitserfahrung des Samadhi ist.

Patanjali und die acht Glieder des Yoga

Patanjali, der Autor der Yoga Sutras, beschreibt Dhyana (Meditation) als das siebte Glied des Yoga. Die insgesamt acht Glieder sind:

  1. Yama (Enthaltung, Selbstkontrolle)
  2. Niyama (Verhaltensregel)
  3. Asana (Stellung, Sitz)
  4. Pranayama (Atemregulierung)
  5. Pratyahara (Zurückziehen der Sinne)
  6. Dharana (Konzentration)
  7. Dhyana (Meditation)
  8. Samadhi (Versenkung, Überbewusstsein)

Yama und Niyama: Selbstkontrolle und Verhaltensregeln

Das erste Glied, Yama, besteht aus Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Satya (Wahrhaftigkeit), Asteya (Nicht-Stehlen), Brahmacharya (Enthaltsamkeit) und Aparigraha (Freisein von Gier). Das zweite Glied, Niyama, wird durch die fünf Eigenschaften Shauca (Hygiene), Samtosha (Zufriedenheit), Tapas (Hitze oder Askese), Svadhyaya (Selbsterforschung) und Ishvara Pranidhana (Hingabe an das Göttliche) definiert.

Asana und Pranayama

Das dritte Glied nennt Patanjali “Asana” (Sitz, Körperhaltung) und definiert es im Yoga Sutra 2,46 als stabile, angenehme Körperhaltung („sthira sukham asanam“). Das vierte Glied ist die Regulierung des Atems beziehungsweise der Lebenskraft (Pranayama). Pranayama kann sich sowohl auf spezielle Atemübungen als auch auf achtsames Atmen beziehen. Während der Meditation sollte der Atem sanft, leicht und mühelos fließen. Ein beruhigter Atem hat eine beruhigende und besänftigende Wirkung auf Gedanken und Emotionen.

Pratyahara: Zurückziehen der Sinne

Als nächstes Glied folgt Pratyahara, das Zurückziehen der nach außen gerichteten Sinne. Dieser Schritt ist eine wesentliche Vorbedingung für die Meditation, da Sinnesreize den Geist in der Regel nach außen ziehen und die Konzentration auf den inneren Prozess der Meditation erschweren. Pratyahara wird erleichtert, indem man einen ruhigen Ort und eine ungestörte Zeit für die Meditation wählt.

Dharana - Konzentration

Das sechste Glied des Yoga lautet Dharana, Konzentration. Dharana bedeutet wörtlich “halten” oder “festbinden” und bezeichnet das willentliche Sammeln des Geistes mithilfe eines Meditationsobjektes. Konzentration ist die Vorstufe zur Meditation und erfordert eine Willensanstrengung, während Letztere spontan und anstrengungslos ist. Allerdings sollte auch im Dharana der Geist nicht übermäßig angespannt und angestrengt werden – es geht eher um eine Art klarer, müheloser Konzentration.

Dhyana - Meditation

Wird mit der Zeit die Konzentration dauerhaft und mühelos, geschieht irgendwann der spontane Übergang von Konzentration (Dharana) zu Meditation (Dhyana). Dhyana bezeichnet einen Zustand erhöhter Bewusstheit und geistiger Klarheit.

Samadhi – Versenkung

Höhepunkt und Ziel des Yogaweges und Vollendung der Meditation ist nach Patanjali die Erlangung von Samadhi. Im Samadhi (wörtlich: “fest zusammengefügt“) geht der Geist völlig im Objekt der Meditation auf. Der Meditierende macht eine Einheitserfahrung, bei der Meditierender, Meditationsgegenstand und der Vorgang der Meditation eins werden und als reines Bewusstsein erfahren werden.

Stufen des Samadhi

In seinen Yoga Sutras beschreibt Patanjali verschiedene Formen von Samadhi, die gleichzeitig eine gewisse Stufenfolge ausdrücken. Er bezeichnet dabei Asamprajnata Samadhi (auch als Nirbija Samadhi bekannt) als die höchste Form des Samadhi. Dieser Samadhi wird als gleich bedeutend mit den vedantischen Begriffen Nirvikalpa Samadhi („ohne alle Sinnestätigkeit“), Nirvana („Verwehen“ oder „Verlöschen“) und Moksha („Befreiung“) betrachtet. Dies ist ein Bewusstseinszustand, in dem die eigene persönliche Identität transzendiert und die menschliche Seele sich als nicht getrennt von der spirituellen Wirklichkeit oder Gott (Ishvara) erfährt. Da Yoga oft als „Vereinigung“ übersetzt wird, kann das Erlangen von Samadhi als das letztendliche Ziel des Yoga bezeichnet werden.

Links

Erfahren Sie in zwei verwandten Artikeln mehr über die indischen Meditationsformen der Mantra-Meditation und die von Ramana Maharshi begründete Selbsterforschung (Atma Vichara).

Auf der Website von Yoga-Vidya finden sich außerdem vielfältige weitere Informationen über Meditation in der Yoga-Tradition.

Martin Bohn, Martin Bohn

Martin Bohn - Als ausgebildeter Yogalehrer schreibe ich nebenher Artikel für verschiedene Yogazeitschriften in Deutsch und Englisch. Hauptberuflich ...

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