
- Östliche Praktiken entspannen. - Rainer Sturm
Weniger Ängste, dafür Vertrauen und Gelassenheit sowie Konzentration aufs Wesentliche, Entspannung und inneres Glück, die nicht nur den Geist, sondern auch den Körper heilen - so werden von vielen die Effekte der Meditation beschrieben. Doch halten spirituelle Entspannungstechniken auch das, was sie versprechen, wenn sie auf den Prüfstand der Wissenschaft kommen? Was passiert wirklich im Körper während der Meditation? Schon seit den 1970er Jahren erforschen Wissenschaftler spirituelle Bewusstseinszustände, und noch immer bleiben viele Fragen ungelöst. Dabei gab es beim Messen von Hirnströmen im Elektroenzephalogramm (EEG) erstaunliche Ergebnisse.
Die Frequenz der inneren Ruhe
Einer der weltweit führenden Neurologen, die sich der Meditationsforschung verschrieben haben, ist Prof. Wolf Singer, der Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung Frankfurt/Main. In Zusammenarbeit mit dem Dalai Lama untersucht Singer seit den 1090er Jahren die Funktionsweise des Gehirns während der Meditation. In seinem Forschungsteam sind eine Reihe weiterer renommierter Meditationsforscher sowie der buddhistische Mönch Mathieu Richard.
Die im EEG messbaren Gehirnaktivitäten sind im Wesentlichen Alpha-, Beta-, Delta- und Gammafrequenzen. Sie entsprechen verschiedenen Aktivitäts-Stadien des Menschen: Das Gehirn zeigt Alphawellen im ruhigen Wachzustand, Betawellen bei geistiger Aktivität, Deltawellen im Tiefschlaf und Gammawellen während transzendenter Erfahrungen wie der Meditation. Die Forscher interessieren sich für die schnellen Gammafrequenzen zwischen 30 und 80 Hertz. Prof. Singer und sein Team haben herausgefunden, dass die Gammawellen während der Meditation besonders aktiv sind. Weiter stellten sie fest, dass sich verschiedene Gehirnareale synchronisieren, also in ihren Aktivitäten aufeinander abstimmen. Damit, so Prof. Singer, verändere Meditation grundlegend die Funktion des Gehirns.
Kann Glück trainiert werden?
Weil sich gerade diejenigen Gehirnareale in ihren Aktivitäten harmonisieren, die für Gefühle zuständig sind, untersuchte die Schweizerin Claudia Bergomi von der Universität Bern in ihrer 2007 erschienenen Arbeit "Achtsamkeit, buddhistische Meditation und psychische Gesundheit" die Wirkung von Meditation auf Depression. Ihr Ergebnis: "Meditationserfahrung korreliert signifikant positiv mit dem globalen Index der psychischen Gesundheit." Damit wäre Glück trainierbar.
Hilfe bei Stress und Schmerz
Hirnstrom-Messungen haben ebenfalls ergeben, dass das menschliche Gehirn durch längere Meditationspraxis anders auf Schmerz reagiert: So ist beispielsweise Hatha-Yoga für viele nicht nur ein Sport, sondern eine Lebensform. Mit zunehmender Meditationserfahrung veränderten sich die Aktivitätsmuster von Gefühls- und Schmerzarealen im Gehirn, und Probanden wurden unempfindlicher gegenüber Schmerz. Zwar verschwinde der Schmerz nicht einfach so, konstatierren die Wissenschaftler - aber er werde anders vom Gehirn verarbeitet. Diese positive Wirkung nutzen seit vielen Jahren der Neurowissenschaftler Richard Davidson und Jon Kabat-Zinn, Biologe und Mediziner an der University of Massachusetts: Sie setzen die sogenannte Achtsamkeits-Meditation erfolgreich in Schmerrzkliniken und zur Therapie von Stresspatiennten ein.
Langzeitwirkung
Aufgrund der bisherigen Ergebnisse weist vieles darauf hin, dass die positiven Veränderungen im Gehirn mit längerer Meditationserfahrung nanchhaltig und auch im Nicht-meditativen Zustand messbar sind. Hinweise dafür lieferten unter anderem Studien des Mind & Life Instituts in Colorado: Danach kann Meditation nicht nur vorübergehende Entspannung verschaffen. Auf lange Sicht könnte sie das beste Mittel sein für mehr Achtsamkeit im Alltag und gegen destruktive Gefühle, aus denen heraus wiederum Krankheit entstehen kann.
