
- Wald ist mehr als nur Bäume - Volker Wollny
„Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ ist eine alte Redensart, die unbeabsichtigt ausdrückt, wie es vielen Menschen geht, die sich noch nie damit befasst haben, was ein Wald eigentlich ist. Wald ist die natürliche Vegationsform, die sich bei uns überall da ganz von selbst bildet, wo es niemand verhindert.
Wie Wald entsteht
Das sieht man daran, was auf Flächen passiert, um die sich der Mensch nicht kümmert, etwa Brachgrundstücke, Heiden, auf die man keine Schafe mehr treibt oder Wiesen, die niemand mehr mäht: Zunächst wachsen dort alle möglichen ein- und mehrjährige Wildkräuter, dazwischen aber entwickelt sich schon bald so mancher Strauch und so manches Bäumchen.
Die so genannten Pioniergehölze sind als erstes da. Die Schlehe, die Hasel, Rot- und Weißdorn, Heckenrose, Holunder und andere Sträucher, aber auch Bäume wie die Birke, der Feldahorn und schon mal eine Eiche oder Esche, an feuchteren Standorten auch eine Erle und natürlich immer wieder auch Weiden. Mit der Zeit werden die Bäume mehr, dabei handelt es sich zunächst um so genannte Lichtbaumarten; das sind Baumarten, denen es nichts ausmacht, in der prallen Sonne aufzuwachsen und die sie sogar brauchen um zu gedeihen.
Nach fünfzehn oder zwanzig Jahren, sieht das ganze durchaus schon aus wie ein Wald, in dessen Schatten sich jetzt auch die Schattbaumarten, vor allem die Buche, aber auch andere Arten ansiedeln. Die Buche übernimmt dann irgendwann das ganze als dominierende Art, denn in ihrem Schatten können die Lichtbaumarten nicht mehr wachsen, sondern nur noch ihre eigenen Nachkommen und andere Schattbaumarten. Jetzt, nach vielleicht zwei- oder dreihundert Jahren ist das Endstadium unserer Vegetation eingetreten, das stabile Ökosystem Buchenmischwald. Je nach Standort stehen dann zwischen den Buchen auch andere Baumarten wie Erle, Eiche, Fichte, Ahorn und so weiter.
Die Stockwerke eines Waldes
Ein auf dieses Weise gewachsener natürlicher Wald weist mehrere Schichten, mehrere Stockwerke auf. Das oberste sind die Kronen der großen, alten Bäume. Darunter stehen kleinere Exemplare dieser Baumarten gewissermaßen in Wartestellung. Fällt einer der alten Riesen, sei es, weil er eines natürlichen Todes stirbt, sei es, dass er vom Menschen gefällt wird, setzt unter der zweiten Garde der Bäume in Wettrennen um den neu entstandenen Platz an der Sonne ein und auch alte Bäume können dann noch einmal eine erstaunliche Vitalität an den Tag legen.
Es stehen hier aber auch Bäume, die gar nicht so hoch hinaus wollen wie etwa die Rotbuche mit ihren manchmal 30 Metern Höhe: Hainbuchen und andere Arten werden gar nicht so hoch und sind zufrieden damit, ihr ganzes langes Baumleben im Schatten der großen Nachbarn zu verbringen. Unter dieser Etage stehen noch jüngere Bäume, Halbbäume und Sträucher, die oft bis fast zum Boden hinunter belaubt sind.
Doch auch am Boden tut sich einiges: Hier bilden Moose, Kräuter und Farne eine eigene Schicht. Was irgendwo in so einem Wald abstirbt, fällt nach unten, wird überwachsen und von wahren Heerscharen kleiner und kleinster Lebewesen zersetzt. Das ist die Humusschicht, die nach unten in den mineralischen Untergrund übergeht, auf dem der Wald stockt. Hier wird die vom Wald erzeugte Biomasse wieder mineralisiert und steht dann den Wurzeln der vielen Pflanzen erneut als Nährstoffe zur Verfügung.
Im oberen Bereich der Humusschicht, dort wo sie noch aus organischer Materie besteht, liegen die Geflechte der Pilze, die Myzeele. Pilze können nicht, wie grüne Pflanzen, von Sonnenlicht, Luft, Stickstoff und Mineralien leben, sie brauchen organische Materie als Nährboden. Was man – vor allem im Herbst – von ihnen sieht, sind lediglich die Fruchtkörper. Das eigentliche Lebewesen Pilz besteht aus dem unscheinbaren, weißlichen Geflecht im Waldboden.
Manche Pilze sind auf die Anwesenheit bestimmter Bäume angewiesen, sind teilweise sogar mit ihren Wurzeln verbunden und leben mit ihnen in Symbiose. Daher findet man manche Pilze immer in der Nähe ganz bestimmter Bäume, wie etwa den Fliegenpilz unter Fichten und den Grünen Knollenblätterpilz unter Eichen.
Die Funktionen des Waldes
Natürlich wächst der unvergleichliche, wertvolle Energieträger und Werkstoff Holz im Wald. Natürlich ist der Wald Ruhepol, Erholungsraum und sogar Sanatorium für Leib und Seele. Natürlich ist der Wald schön anzusehen und tut den Augen gut, wenn man vom Schreibtisch oder Bildschirm auf- und durchs Fenster einen Wald ansehen kann. Aber er ist weit mehr als nur Holzproduktionsstätte, Naherholungsgebiet und Landschaftselement.
Der Wald produziert zunächst einmal unglaubliche Mengen an Sauerstoff. Er macht seine Biomasse vor allem aus Kohlenstoff und Wasser. Den Kohlenstoff entnimmt er dem CO2 der Luft und dabei bleibt der Sauerstoff übrig. Außerdem bindet der Wald gewaltige Mengen an Wasser. Wenn es nach langer Trockenheit stark regnet, saugt der Wald zunächst das Wasser auf wie ein Schwamm und verhindert so, dass es als Hochwasser Schaden anrichtet. Soweit er es nicht wieder verdunstet und damit für gleichmäßige Luftfeuchtigkeit sorgt, gibt er es langsam wieder über Quellen ab.
Nicht nur, dass der Wald das Wasser reguliert, er reinigt es auch. Und er reinigt die Luft von Staub und Schmutz. Da der Wald eine Menge Wasser enthält, kann er auch die Wärme des Tages speichern und nachts wieder abgeben. Deswegen ist es im Wald am Tage kühler und nachts wärmer als im freien Feld. Auch durch die Verdunstung über seine Blätter kühlt der Wald an heißen Tagen und das ist es auch, was den Schatten des Waldes von dem von Sonnenschirmen und dergleichen unterscheidet: Er wirkt als kostenlose Klimaanlage für den, der sich ihn ihn vor der Hitze flüchtet.
Natürlich ist dort, wo soviel Biomasse produziert wird, auch jede Menge Lebensraum für Tiere. Vom winzigen Insekt über Maus und Hase bis zum gewaltigen Wildschwein leben sie alle im Endeffekt von der Biomasse, welche die Pflanzen des Waldes produzieren. Zum Glück hat der Mensch eingesehen, wie gut der Wald von selbst funktioniert und lässt mehr und mehr auch seinen Wirtschaftswald in Form des naturnahen Waldbaues möglichst so funktionieren, wie das bei einem natürlichen Wald der Fall ist.
