
- Die Pflegesoftware - Ruth Weitz
„Ich habe ein Erfinder-Gen“ sagt Eckhard Ball aus dem unterfränkischen Obernburg und lächelt zurückhaltend, denn er ist bescheiden. Der Diplomingenieur hat schon in frühester Jugend seine Synapsen getrimmt, um kniffelige Aufgaben zu lösen. Sein mathematisches Talent und sein Bestreben, Erleichterungen bei Arbeitsabläufen oder im täglichen Leben zu erreichen, haben schon ein paar Erfindungen hervorgebracht. Nun hat der studierte Informatiker ein System entwickelt, das Pflegekräften und Ärzten, ja eigentlich allen im Gesundheitswesen tätigen Personen, eine Bahn brechende Entlastung bringen und nebenbei auch noch Leben retten kann. „I see“ und „Medocu“ hat er seine Pflegesoftware genannt, eine Kombination von mobilem Echtzeit-Dokumentationssystem und Echtzeit-Hilfe für Pflegeheime, ambulante Pflegedienste und Kliniken.
Pflegekräfte sind ausgebrannt - aufwändige Pflegedokumentation belastet zusätzlich
Vor mehr als vier Jahren hat sich Eckhard Ball intensiv Gedanken darüber gemacht, wie die ständig zunehmenden administrativen Aufgaben in der Kranken- und Altenpflege besser in den Griff zu bekommen sind. „Die Krankenschwestern und Pflegefachkräfte haben immer weniger Zeit, sich ihren eigentlichen Aufgaben, nämlich der Pflege und Zuwendung zu widmen“, stellt er fest. Er hat dies hautnah erfahren, als seine Eltern im Krankenhaus gepflegt wurden. „Eine Menge Papierkram, Qualitätsmanagement, Risikomanagement und alles, was es in der Pflege zu dokumentieren gilt, frisst eine Menge Zeit“, fasst Eckhard Ball zusammen. Er dachte sich damals, dass eine ausgeklügelte Pflegesoftware zur Entlastung bei der Pflegedokumentation führen kann.
35 Prozent der Zeit für die Pflegedokumentation kann eingespart werden
Er beklagt, dass das medizinische Personal und die Pflegekräfte enorm belastet sind. Der Spagat zwischen dem Wunsch, den Patienten optimal zu versorgen und dem Druck, dies unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt in möglichst kurzer Zeit zu vollbringen, das kann auf Dauer nicht gut gehen, wie Ball meint.„Sehr viele Mitarbeiter in der Alten- und Krankenpflege sind ausgebrannt, weil sie diesen Druck nicht mehr aushalten“, sagt der Ingenieur. Er hat zwei Jahre intensiv daran gearbeitet, ein Dokumentationssystem zu entwickeln, das 35 Prozent der bisherigen Arbeitszeit einspart und ganz simpel anzuwenden ist. Es kann an bestehende Software-Systeme angedockt werden, ohne dass sich die Mitarbeiter auf ein völlig neues Verfahren einstellen müssen.
Elektronisches Tableau mit intelligentem Innenleben entlastet die Pflegefachkraft
Der Bedarf an Hardware ist minimal. Es genügt eine Art Minisurfer, auf dem die Daten hinterlegt sind und auch ständig gesichert werden. Die Pflegekräfte erhalten ein Tableau, das ein äußerst intelligentes Innenleben hat. Es enthält ein elektronisches Kraftpaket, das jegliche Papiererzeugung überflüssig macht. Die Pflegedokumentation muss nicht mehr mühsam in Formulare eingetragen werden. Der Befund kann sowohl mündlich als auch handschriftlich eingegeben werden. Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass die Daten haargenau dem jeweiligen Patienten oder Pflegeheimbewohner zugeordnet werden. „Datensicherheit genießt hier höchste Priorität“, sagt Eckhard Ball. In seiner Medocu werden Administrationsrechte vergeben, wo nur berechtige Personen Zugriff auf bestimmte Daten haben. Durch die Entlastung der Pflegekräfte bei der Dokumentation bleibt mehr Zeit, alten und kranken Menschen eine würdige Pflege zu ermöglichen.
Diagnose über Video ohne Telefonkabel und Internetanschluss
Die Pflegesoftware funktioniert ohne Telefonkabel und Internet und kann bei Bedarf ganz schlicht mit einem Personalcomputer oder Laptop vernetzt werden, so dass eine schnelle Kommunikation ohne mühseliges Versenden von E-Mails nötig ist. Das nennt Eckhard Ball „I see“, vom Englischen abgeleitet: Ich sehe. Selbst wenn ein Arzt viele Kilometer entfernt ist, kann er einen Dekubitus (Druckgeschwür) mittels direkter Videoübertragung ansehen, den Filmausschnitt sogar vergrößern, um ins Detail zu gehen und direkt mit dem Mitarbeiter oder dem Patienten sprechen. Dies ist insbesondere bei der ambulanten Pflege von entscheidender Bedeutung. Ganz genauso funktioniert es mit Röntgenbildern, Ultraschall-, Schichtaufnahmen und anderen medizinischen Befunden.
Eckhard Ball hat seine Pflegesoftware schon bei einigen Einrichtungen und Institutionen vorgestellt. „Ein Manager wollte, dass ich das System gleich installiere“, berichtet der Ingenieur. Doch er ist kein Mann, der vorschnell handelt. „Alles braucht eine gewisse Zeit“, sagt er und betont, dass es ihm nicht um den schnellen Euro geht, sondern darum, Menschen zu helfen. Da will er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mit der Arbeitserleichterung durch seine Erfindung und mit einem Teil seiner Einnahmen als Spende für krebserkrankte Kinder
Zugriff auf die Patientendaten mobil und kabellos
Medocu ist eine Plattform für Pflegeheime, Kliniken und ambulante Dienste für die Erfassung aller Dokumentationsdaten vom Befund bis hin zur Leistungsabrechnung. Mittels Medocu ist ein permanenter Zugriff auf alle Daten jederzeit mobil und kabellos gewährleistet. Es kann an das bestehende Desktop-System oder auch an so genannte proprietäre, nicht dem Standard entsprechende Systeme angeschlossen werden. Medocu ist mobil und wird direkt am Kranken- oder Pflegebett eingesetzt. Es ist komplett multimedial aufgebaut und unterstützt die Pflegekräfte durch neue tastaturlose Leistungsmerkmale wie beispielsweise Sprach- und Handschrift-Integration.
Pflegekräfte werden bei den schriftlichen Arbeiten entlastet
Das Ausfüllen, Abheften und Archivieren von Formularen und Krankenakten wird durch direkte Eingabe in das System überflüssig. Isee kommt insbesondere bei Problemen im Tagesgeschäft zum Einsatz. Durch direkte Echtzeit-Datenübertragung wie Videoaufnahmen, Audiodaten, Fotos, Dokumentationen sowie Sprachkommunikation ist eine Direkthilfe möglich, ohne dass ein Arzt sofort aufbrechen muss, um den Patienten in Augenschein zu nehmen. Er kann sich, selbst viele Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt, ein Bild von der Situation machen und dann entscheiden, was zu tun ist. Sind akut bestimmte Medikamente erforderlich, kann der Arzt auch direkt mit einer Apotheke kommunizieren und ein Rezept auf den virtuellen Weg bringen, so dass der Patient auf schnellstem Weg therapiert werden kann.
Eckhard Ball ist Inhaber der Ingenieurgesellschaft Abakus im unterfränkischen Obernburg am Main, die sich unter anderem mit der Entwicklung intelligenter Software-Systeme beschäftigt.
