"Mein Kleist" - Buch zu einem Gespräch auf Schloss Neuhardenberg

Buchausgabe - Theater der Zeit
Buchausgabe - Theater der Zeit
Ein kleines Buch über eine Veranstaltung vom 9. April 2011, an der Justus Fetscher, Armin Petras, Oliver Bukowski, Wilhelm Genazino und andere teilnahmen.

Heinrich von Kleists Todestag jährt sich am 21. November zum 200. Mal. Grund genug für Justus Fetscher, zu einer Gesprächsrunde einzuladen, die sich mit Person und Werk kritisch auseinandergesetzt hat. Zu diesem Expertentreffen gibt es im Verlag Theater der Zeit mittlerweile eine Publikation, die im September erschien und gerade einmal 80 Seiten umfasst. Gemäß seiner Natur sperrig und eigenwillig, hat Kleist immer den Erfolg gesucht, aber immer den Misserfolg gefunden, nicht zuletzt wegen seiner Unfähigkeit, sich den Gepflogenheiten und Ansprüchen seiner Zeit wenigstens einigermaßen anzupassen. Und dennoch: seine hohe Anziehungskraft, seine ungebrochene Aktualität sind nicht nur auf jüngere Leser zurückzuführen, die sich an Kohlhaas’ Rachefeldzug entzünden oder die verliebte Bestie Penthesilea vom Parkett aus verfolgen. Die geladenen Autoren und Autorinnen sprachen über die Besonderheiten Kleists und über die Impulse, die für das eigenen künstlerische Schaffen von ihm ausgingen.

Anleitung für Terroristen

Christoph Hein nähert sich Kleist wie ein hoher Justizbeamter, der sich dem Rechtsstaat verpflichtet fühlt und deshalb Kohlhaas Verwüstungsorgien nicht dulden kann. Ist nicht die RAF von diesem Werk sozialisiert worden und hätte sie nicht wegen dieser Lektüre mit mildernden Umständen rechnen können? Nein, zumal Kohlhaas nicht in einem Unrechtstaat, sondern in einem Rechtsstaat wütete, der dem Ungeduldigen früher oder spät zu seinem Recht verholfen hätte. Hein ist zum Pädagogen erwacht, zum Moralapostel: er liest Kohlhaas im Alter nicht aus literarischen Gründen, er denkt an die verführungsanfällige Jugend und ihre rebellischen Affekte. Eine unverständliche Argumentation, müssten doch demzufolge etliche Filme und Bücher auf dem Index landen. Iris Hanika hingegen outet sich als eine Kommafetischistin, die ihre Liebe zu Kleist über die verschwenderisch gesetzten Kommas gefunden hat. Dieser Formalismus war ihr wichtiger als die Inhalte, an die sie sich kaum noch zu erinnern vermag.

Militärisches Gefühlsleben

Einen ernsthafteren Blick auf Kleist leistet sich Wilhelm Genazino, der einige Seiten besonders hervorhebt: fortwährendes Festlaufen, fiebriges Temperament und „militärisches Gefühlsleben“. Familiär gedemütigt bis in die frühe Jugend, entwich Kleist im Militärstaat Preußen dem Militär, weil er es dort psychisch nicht länger aushielt. Für den Büchner-Preisträger ist der Austritt aus Schwäche dennoch eine Großtat, mit der Kleists Liebesleben nicht Schritt halten konnte: seine Liebesbriefe waren „Drohbriefe“, die Liebe äußerte sich als lieblose Schärfe. Jens Bisky wendet sich ebenfalls der Biografie zu, vor allem Kleists zugespitztem Patriotismus, der in leidenschaftlichem Hass auf Napoleon kulminierte. Sein germanisches Kampfgebrüll mutet aus heutiger Sicht reaktionär an, die politische Freiheit schien ihm nicht sonderlich wichtig gewesen zu sein. Selbst im Preußischen Theater herrschte während der Befreiungskriege eine kraftvolle nationale Gesinnung, an jener Stätte also, wo Iffland dominierte und Kleist nicht aufgeführt wurde, bis ihm auch die Theaterkritik untersagt wurde. Was wäre passiert, so fragt Bisky, wenn Kleist weitergelebt hätte? Ein hart an der Erträglichkeitsgrenze geführtes Leben, das ständig von Desastern bedroht ist.

Erhoffte Teilnahme an der Gemeinschaft

Für den Intendanten des Gorki-Theater, Armin Petras ist Kleist ein an der Selbstentfaltung gehinderter Mensch, der sich deshalb selbst Strafen auferlegt. Das Individuum hat seine Gefühle abgespalten von einer Außenwelt, in die es sich bestmöglich hineinfinden muss. Das Resultat: ein mit seinen Gefühlen alleingelassener Mensch, der sich dem fühllosen Produktionsprozess „eingepasst“ hat. Ob im Erdbeben von Chili oder im Homburg: die Figuren wollen nicht nur eine Frau, sondern eine ganze Gemeinschaft lieben. Die privat angesammelten Emotionen, so Petras, drängt es dazu, sich in die Gesellschaft zu ergießen, um sich einzureihen, an ihr zu partizipieren. Also Kleist lesen, um sich in Form zu bringen für ein Zugehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft – ein interessanter Aspekt, aber wohl nur wenige Leser werden aufgrund solcher Motive zum Homburg greifen. Diese Gedanken, die Petras nicht in die Lektüre hineingetragen, sondern aus ihr herausgelesen hat, sind insofern exklusiv, als sie in der Rezeptionsgeschichte nicht gerade eine Zentralstellung einnehmen. Oliver Bukowski wirft einigen Regisseuren vor, dass sie mit Kleistscher Deutungsvielfalt allerlei Experimente starten, um vor allem die eigenen Schöpfungen ins rechte Licht zu setzen. Für Bukowski war Kleist ein unentwegt Suchender, der nie ankam und von einer seltsamen Ich-Sucht befallen war. Das Ich war auch das Einzige, was er noch hatte, und er schrieb vermutlich in manischen Phasen, wo er sich nicht ums Gefallen der Leser scherte. Letztlich ist sich Bukowski sicher: weitaus stärkere Menschen wären bei dieser Biografie untergegangen.

Verzückung und Untergangsszenarien

Im Podiumsgespräch rückt Fetscher die Aktualität des dichtenden Außenseiters in den Vordergrund, zumal viele Figuren Kleists Außenseiter und Getriebene sind, die in einer gleichsam rauschhaften Atmosphäre handeln. Enthemmung, Verzückung, Glorifizierung von Gewalt und das Durchleiden von Untergangsszenarien – das hat sicherlich mehr Reiz als die Alterskrise eines triebschwachen Helden von Martin Walser. Und im Gegensatz zu Walsers großbürgerlicher Bodensee-Idylle hatte Kleist einen umtriebigen nomadenhaften Lebensstil, der für junge, interessierte Leser durchaus anziehend sein mag. Hinzu kommt Kleists grandiose Sprache, wie Jens Bisky richtig anmerkt. Eine Sprache allerdings, die Petras bei Theaterproben ungemein Probleme bereitet, da jeder Satz verschieden auszulegen sei und deshalb auf verschiedene Weise gespielt werden könne. Extrem war er aber nicht nur in der Sprache, sondern hauptsächlich als Mensch, dem gegenüber sich, wie Hein betont, Goethe als ein gemütlicher Vertreter des Maßhaltens ausnimmt. Trotz aller Gespreiztheiten, Kleist wollte gemocht und gespielt werden, das ist auch Bukowski nicht entgangen – aber warum hat er es nicht geschafft? Er hätte nur ein Stück abliefern müssen, das dem Geschmack des Theatermeisters Iffland einigermaßen entsprach – wenn da nicht seine Halsstarrigkeit gewesen wäre, die ihn sogar zur Dauerfehde mit Iffland verleitete. Iris Hanika hingegen vermutet einen Anflug von Hybris: Kleist wollte bizarr und schräg sein und mit diesem Stil, der eigentlich ein Un-Stil ist, akzeptiert werden. Geredet wurde noch allerhand, und so wird es sie weiterhin geben, die Kleist-Diskussionen, Symposien, Festtage und Gedenkreden.

Mein Kleist (Hrsg. von Bernd Kaufmann). Stiftung Schloss Neuhardenberg. Berlin: Theater der Zeit 2011.

Gesprächsteilnehmer: Justus Fetscher (Moderation), Jens Bisky, Florian Bölike, Wolfgang de Bruyn, Oliver Bukowski, Wilhelm Genazino, Iris Hanika, Christoph Hein, Armin Petras.

Bildnachweis: © Theater der Zeit

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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