
- France und Steve in "Mein Stück vom Kuchen" - Kinowelt
Lange Zeit stiefmütterliche behandelt, ist Frankreichs Norden in den vergangenen Jahren häufiger in den Fokus der Filmemacher gerückt. Doch während Land und Leute Dany Boon („Willkommen bei den Sch’tis) und Francois Ozon („Das Schmuckstück“) als Stoff für eine Komödie dienten, wenden sich die Regisseure im Herbst 2011 eher tragischen Stoffen zu. Am 8. September ist das Flüchtlingsdrama „Le Havre“ von Aki Kaurismäki in die deutschen Kinos gekommen, am 15. September folgt „Mein Stück vom Kuchen“ von Cédric Klapisch. Klapischs Tragikomödie rückt dabei den Gegensatz zwischen Arm und Reich in Frankreich in den Mittelpunkt, während Kaurismäki die Unterschiede zwischen Europa und Entwicklungsländern hervorhebt.
„Mein Stück vom Kuchen“: Böser Börsenhai trifft auf bodenständige Arbeiterin
„Mein Stück vom Kuchen“ beginnt mit einem Kindergeburtstag in Dünkirchen. Während die meisten Gäste fröhlich feiern und Kuchen essen, schluckt France im Zimmer nebenan Schlaftabletten. Die geschiedene Mutter von drei Kindern ist nicht damit fertig geworden, dass sie nach 20 Jahren ihre Arbeit in einer Fabrik verloren hat. Doch France (Karin Viard) überlebt – und warum sich eine solch patente Frau das Leben nehmen wollte, bleibt wohl das Geheimnis von Klapisch, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Von Dünkirchen geht France nach Paris, wo sie als Putzfrau beruflich neu anfängt – ehrliche Arbeit, die sonst in Frankreich nur noch Migranten verrichten, so die Botschaft. Frances erster Arbeitgeber wird Stéphane (Gilles Lellouche), der sich seit seiner Zeit in London nur noch Steve nennt. Steve verdient sein Geld an der Börse. In Paris soll er für seinen britischen Arbeitgeber eine Dependance eröffnen, die er vom Homeoffice seines Pariser Penthouses aus betreibt.
Überzeugende Hauptdarsteller prägen die französische Tragikomödie
Die offensichtlichen Gegensätze seiner beiden Hauptfiguren verstärkt Cédric Klapisch („L’auberge espagnole“) in „Mein Stück vom Kuchen“ noch visuell. Dem chaotischen, bunten Haus einer vierköpfigen Familie in Dünkirchen steht die große und ein wenig sterile Wohnung Steves in Paris gegenüber. Der Kulisse der riesigen Werften in Dünkirchen stehen die engen Büros der Broker gegenüber, in denen immer hektische Betriebsamkeit herrscht. Klapisch mindert den Kontrast jedoch durch sein gleichbleibendes Erzähltempo und die Werbefilm-Ästhetik, die er bei beiden Welten zugrunde legt. So wird die Symbolik der Bilder gemindert. Erhalten bleibt sie bei den Namen. Auf der einen Seite France, also Frankreich, auf der anderen Seite Steve, der sich durch die Internationalisierung seines Namen bereits von seiner Heimat abgewandt hat.
Die Differenzen zwischen den Figuren zu überbrücken und Nähe zu schaffen ist die große Aufgabe für die beiden Hauptdarsteller. Karin Viard, die mit Klapisch bereits „So ist Paris“ und „Kleine Fische, große Fische“ gedreht hat, und Gilles Lellouche – spielte ebenfalls in „So ist Paris“ – meistern die Herausforderung glaubhaft. Gerade im mittleren Teil ist der Film dank des Spiels der beiden charmant und witzig. Glaubwürdig bleiben sie, da bei aller Annäherung eine letzte Distanz zwischen der gefühlsbetonten, bodenständigen France und dem kalten Steve bleibt, der kindlich egoistisch ist und am ehesten Selbstmitleid empfinden kann. Er will zwar nur sein Stück vom Kuchen, doch darf dieses ruhig ein wenig größer ausfallen als das Stückchen, mit dem France bereits zufrieden wäre.
Cédric Klapisch gibt in „Mein Stück vom Kuchen“ keine Antworten
Seine stärksten Szenen hat „Mein Stück vom Kuchen“ in kleinen Momenten. So etwa, wenn France recherchiert, wie hoch der übliche Lohn für einen Babysitter ist oder wenn Steve seiner Putzfrau erklärt, wie sein Beruf funktioniert. Doch am Ende kippt „Mein Stück vom Kuchen“ dann ins Tragische, so als wolle Klapisch seine Kapitalismuskritik noch einmal mit der Keule in die Zuschauer hineinprügeln. Der Bruch zwischen France und Steve ist noch glaubhaft, weniger jedoch die Ereignisse, die sich zum Finale in Dünkirchen abspielen. Eine Lösung bietet der Regisseur seinen Zuschauern nicht an – zu unentschlossen ist er selbst, wie düster er seinen überwiegend komischen Film enden lassen soll.
Mein Stück vom Kuchen (Ma part du gâteau) von Cédric Klapisch. Mit Karin Viard und Gilles Lellouche. Frankreich 2011, 109 Minuten.
