Mein vereintes Deutschland - Wilde Jahre nach der Wende

Katrin Sass: Für mich war die Wende ein Gewinn - NDR/Marc Lorat
Katrin Sass: Für mich war die Wende ein Gewinn - NDR/Marc Lorat
Mit "Mein vereintes Deutschland - Wilde Jahre nach der Wende" ist Tom Ockers eine beeindruckende Verknüpfung höchst unterschiedlicher Biografien gelungen.

Zu Wort kommen vor allen Dingen Personen zu Wort, die keine Zeitgeschichte geschrieben haben, für die die Wende aber eine besondere Bedeutung in ihrem Leben bekommen hat. Zum Beispiel Janet Oldinski. Im Juni 1989 fällt die junge Studentin, die Pionierleiterin werden möchte, durch einen schweren Autounfall mit ihrem Trabant ins Koma. Als sie aufwacht, gibt es die DDR nicht mehr. "Ich habe die Wiedervereinigung verpasst. Ich musste mir die Wende erst im Nachhinein erarbeiten", sagt sie. Sehr langsam und Stück für Stück muss sie mit der neuen Situation zurechtkommen, zieht nach Köln, studiert noch einmal und wird Psychologin.

Eine vielschichtige wie lebendige Dokumentation

Dem gegenüber steht Schauspielerin Katrin Sass, die aus der DDR kommt und in dem Film "Good Bye Lenin" eine DDR-Bürgerin spielte, die ebenfalls zu Zeit der Wende im Koma lag. "Wie kann ein Mensch, dem praktisch von heut auf morgen alles entzogen wurde, woran er geglaubt hat, überhaupt noch weiterleben?", fragt sie sich. Auch Baulöwe und späterer Pleitier Jürgen Schneider, Fußball-Profi Jimmy Hartwig sowie Wolfgang Schäuble und Günther Krause, die "Architekten" des Einigungsvertrags, kommen zu Wort.

Die Menschen stehen im Vordergrund

"Es ging uns darum, die Geschichte von unten zu erzählen", erklärt Tom Ockers, der Autor dieser Dokumentation. "Wir verzichten vollständig auf einen erklärenden Historiker. Jeder der zu Wort kommenden Personen steht für einen bestimmten Aspekt unserer Geschichte.Die Menschen sollen bei uns im Vordergrund stehen." Ocker räumt dabei ein, dass die Geschichte schwerer und langwieriger zu erzählen war, als man anfangs gedacht hatte. Herausgekommen sind dabei lustige, bewegende, verstörende aber auch berührende Lebensgeschichten. So wie die von Carola Jacob. Als sie aus der DDR ausreisen will, wird sie verhafetet, der Sohn weggenommen und zwangsadoptiert. Ihr Bruder Sivio versucht zu fliehen und wird an der Mauer erschossen. Carola Jacob gehört nach der Wende zu den Nebenklägern gegen Erich Honecker.

Sind wir Gewinner oder Verlierer der Wende?

Nicht alle haben durch die Wende Profit gemacht. Für viele bedeutete es Jobverlust oder sogar den Ruin des eigenen Geschäfts. So wie für Rita Fritz, die ihre Druckerei aufgeben musste. Doch war die Wende deshalb schlecht? Nein - dahingehend sind sich die Protagonisten des Films nahezu alle einig. "Ich schlafe lieber unter der Brücke mit ein paar Pennern zusammen, aber ich bin ein freier Mann. Das nimmt mir niemand", sagt der Fischer Axel Tanneberger aus Rathmannsdorf bei Dresden dazu.

Der 90-minütige dokumentarisch-biografische Film "Mein vereintes Deutschland - Wilde Jahre nach der Wende" wird passenderweise am 3. Oktober 2011, um 23:05 Uhr im NDR ausgestrahlt.

Benita Brunnert, Benita Brunnert

Benita Brunnert - auch bei Twitter https://twitter.com/#!/BenitaBrunnertseit 2011 Moderatorin, Reporterin Nowo1 TV2009 Freie Redakteurin und Moderatorin ...

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