Meister der Gitarre: Historische Aufnahmen von Narciso Yepes

Narciso Yepes - Klassik Center Kassel
Narciso Yepes - Klassik Center Kassel
"The Beginning of a Legend" ist eine CD überschrieben, in der einer der berühmtesten spanischen Gitarristen das berühmteste spanische Konzertstück spielt.

16. Dezember 1947: Ein zwanzigjähriger Gitarrist namens Narciso Yepes aus Lorca im Südosten Spaniens, der in seinem Heimatland noch kein allzu großes Aufsehen erregt hat, spielt zum ersten Mal in Madrid. Auf dem Programm steht ein sieben Jahre zuvor uraufgeführtes Werk von Joaquin Rodrigo (1901-1999): das "Concierto de Aranjuez"; der Dirigent ist Ataúlfo Argenta.

Der Abend war ein überwältigender Erfolg – sowohl für den jungen Solisten, der fortan Tourneen durch die ganze Welt unternahm, sowie für das Konzertstück, das der junge Musiker bis zum Ende seiner Karriere (Yepes starb 1997) stets im Gepäck hatte.

Der Meister und sein Schüler

Der italienische Komponist und Musikwissenschaftler Angelo Gilardino notierte über den Solisten und den Maestro: "Der bescheidene und intelligente Yepes ließ sich von dem großen spanischen Dirigenten Argenta Note für Note in das Konzert einführen und tat genau das, worum Argenta ihn gebeten hatte. Nach dieser historischen Aufnahme wurde 'Aranjuez' ein weltberühmtes Stück, und Yepes ein sogar noch berühmterer Gitarrist."

"The Beginning of a Legend" heißt die soeben veröffentlichte CD, auf der dieses Ereignis – fast unter Originalbedingungen – nachzuerleben ist. Solist, Dirigent und Orchester sind dieselben, die sich zehn Jahre nach dieser denkwürdigen Premiere noch einmal in einem Studio getroffen und das Konzert für die Schallplatte aufgenommen haben. Bestechend der filigrane Klang, mit dem Yepes sich durch seinen Solopart zupft; hervorragend das Einfühlungsvermögen des Dirigenten, der das Madrider Kammerorchester so zurückhaltend führt, dass es an keiner Stelle den Gitarrenklang übertönt.

Maßstäbe für die Nachfolger gesetzt

Natürlich hat der Komponist Rodrigo, wohl wissend um die nach oben begrenzte Dynamik der Gitarre, den Part des Soloinstruments so geschrieben, dass im Zusammenspiel nur eine begrenzte Anzahl von Orchesterinstrumenten den Solisten begleitet; bei den Fortissimo-Stellen hat der Gitarrist Pause. Und so ist dieses Konzert – das berühmteste, das die spanische Musik im vergangenen Jahrhundert hervorgebracht hat – von der ersten bis zur letzten Note wie aus einem Guss – eher ein Musikstück mit obligater Gitarre als ein Konzert für Gitarre.

Neben dem "Concierto de Aranjuez", dessen zweiten Satz zahlreiche Musiker aus dem Jazz (Miles Davis, Chick Corea) und Pop (Demis Roussos, Richard Anthony, The Shadows) aufgegriffen und dem Werk auf diese Weise zusätzliche Popularität verschafft haben, sind auf dieser CD jene Klassiker aus Yepes' Repertoire versammelt, die in späteren Jahren auf keiner Kompilation fehlten durften. Mit seinen Bearbeitungen für Gitarre von Kompositionen Rameaus, Scarlattis und Bachs hat er Maßstäbe für nachfolgende Gitarristen gesetzt. Und erst recht bei der Interpretation der Werke seiner Landsleute Fernando Sor und Gaspar Sanz findet er einen eigenen, verinnerlichten Stil, der ihn bis heute einzigartig macht.

Evergreen von einem Unbekannten

Und noch ein Ohrwurm gibt es in dieser historischen Schatzkiste: das Werk eines anonymen Komponisten, das Narciso Yepes für einen Film von René Clement bearbeitet hat, der 1952 uraufgeführt wurde. Er hieß "Jeux interdits" (Verbotene Spiele), und unter demselben Titel ist die die Kompositionen zu einem Evergreen geworden, der den Gitarristen – ebenso wie das "Concierto de Aranjuez" – sein ganzes Musikerleben lang begleitet hat.

The Beginning of a Legend: Narciso Yepes – Jeux interdits; Concierto de Aranjuez. Studio Recordings 1953/1957. IDIS 6620 (über Klassik Center Kassel).