Meister Eckharts Denken: Beati pauperes spiritu

Auszug aus Eckharts Stellungnahme zur Anklage. Handschrift Soest, Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Codex Nr. 33, Blatt 57verso, a–b - mittelalterlicher Schreiber
Auszug aus Eckharts Stellungnahme zur Anklage. Handschrift Soest, Stadtarchiv und Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Codex Nr. 33, Blatt 57verso, a–b - mittelalterlicher Schreiber
Der Dominikaner Meister Eckhart ist ein viel zitierter Mann. Die Predigt Beati pauperes spiritu nimmt eine Schlüsselposition in seinem Denken ein.

Eckharts Leben

Eckhart wurde um 1260 in Hochheim geboren, trat noch als Junge ins Dominikanerkloster bei Erfurt ein und studierte später in Köln. 1293 wurde er nach Paris geschickt, um seine Studien zu vertiefen. 1302 lehrte er dort als Magister der Theologie, kehrte aber 1303 in seine Heimat zurück, um die Leitung der neugeschaffenen sächsischen Ordensprovinz zu übernehmen. Vier Jahre später kam das Amt des Generalvikars der böhmischen Provinz hinzu und 1311-13 schickte ihn das Generalkapitel ein weiteres Mal nach Paris, was eine hohe Auszeichnung darstellte. Ab 1314 hielt Eckhart sich dann in Straßburg auf. Ungefähr von 1323 an lehrte er schließlich in Köln – und wurde im Jahr 1326 der Häresie angeklagt. Er konnte sich zwar noch vor der päpstliche Kommission verteidigen, starb jedoch wenig später, vermutlich 1328, in Avignon. Im Jahr darauf verurteilte Papst Johannes XXII. einen Teil seiner Sätze als häretisch oder häresieverdächtig.

Warum gerade Meister Eckhart?

Doch warum geriet ein Mann, der bei seinem Orden in so hohem Ansehen stand, in die Fänge der Inquisition? Den Grund hierfür muss man in einer der vielen schwierigen Aufgaben Meister Eckharts suchen: Der Betreuung der Beginenklöster. Hier lebten ursprünglich frei umherwandernde, in absoluter Armut lebende Frauen, die sich an den alten Idealen der Fürsorge, Nächstenliebe und eigenen Besitzlosigkeit orientierten und den oft im Überfluss lebenden Mitgliedern des Klerus ein beständiger Dorn im Auge waren. Und auch die Dominikaner, die als Bettelorden den Beginen inhaltlich sehr nah standen, sträubten sich zunächst gegen eine Aufnahme der Frauen in ihren Orden, da sie eine Überbelastung befürchteten. Papst Clemens entschied aber im Jahr 1267 für die Beginen, und so musste der Orden die cura monialium, die Seelsorge dieser Nonnen, übernehmen. Nicht selten reichte die ausufernde Frömmigkeit der Beginen jedoch bis an die Grenzen der Häresie. Es waren also gute Männer gefragt, die es verstanden, die Beginen gleichzeitig in ihren Schranken zu halten und sie trotzdem nicht von ihren Idealen und ihrem Protest gegen die neuen ökonomischen Verhältnisse abzubringen. Mit dieser Aufgabe wurde vermutlich Meister Eckhart betreut, als er 1314 nach Straßburg, einer der Hauptzentren der Beginenbewegung, beordert wurde. Seine Predigten lesen sich also vielfach vor diesem Hintergrund und sind als Versuch zu verstehen, die intensive Frömmigkeit der Frauen in einem vertretbaren Rahmen zu halten, ohne jedoch die Bewegung als solche zu unterdrücken. Dass er dabei das ein oder andere Mal selber an die engen Grenzen des zu sagen Erlaubten stieß, ist nur allzu verständlich.

Die Predigt Beati pauperes spiritu

Die Predigt Beati pauperes spiritu wird allgemein in das Jahr 1327 datiert, also in eine Zeit, als der Häresieprozess gegen Eckhart schon in vollem Gange war. Er hatte bereits einige seiner Sätze widerrufen müssen und stand nun natürlich unter besonderer Aufsicht: Jedes Wort, das er sprach oder schrieb, wurde genau auf erneute 'Irrtümer' untersucht. Aus diesem Grunde liegt es nahe, die Predigt als Grundsatzschrift zu verstehen, als klärende Zusammenfassung seines Denkens.

Inhalte und Aussagen der Predigt

Der Titel Beati pauperes spiritu bedeutet übersetzt „Selig sind die Armen im Geiste“. Das ist nicht als spöttische Beleidigung gemeint, sondern wörtlich. Die, die tatsächlich innerlich arm sind, sind Gott am nächsten. Die innere Armut hat aber nur derjenige, der nichts will, nichts weiß und nichts hat (mhd. „niht enwil und niht enweiz und niht enhât“).

Nichts wollen

Das komplette Fehlen des Willens gibt es jedoch laut Eckhart nur im vorgeschöpflichen Zustand, vor dem Eintritt einer jeden Kreatur in die geschaffene Welt. Da es jedoch für ein einmal geschaffenes Wesen nicht möglich ist, in diesen Urzustand zurückzukehren, muss die völlige Willenslosigkeit durch bloße Gelassenheit erreicht werden, bzw. durch Gott-Lassen. Der Gläubige muss Gottes ledig werden, möchte er in den Genuss des Urzustandes kommen, in dem alle Kreaturen gleich sind. Darum darf er nicht nach der Ewigkeit verlangen und soll noch nicht einmal den Willen Gottes erfüllen wollen, da er dadurch die Existenz des eigenen Willens beweist, mit dem er Gott dienen möchte.

Nichts wissen

Des Weiteren ist ein armer Mensch jemand, der nichts weiß. Auch hier soll wieder der Urzustand erreicht werden, in dem nur der Mensch selber war und kein Wissen besaß. Denn Nichtwissen von Gott und seinen Werken führt den Mensch zu sich selber, da er nicht weiß, dass Gott in ihm wirkt. Denn auch Gott ist frei von allen Dingen und kann nur durch diesen Umstand alle Dinge sein. Deshalb soll auch der Mensch frei von allem Erkennen sein, um nichts vom Wirken Gottes zu wissen und dadurch dessen Wirken in viel besserer Weise unterstützen zu können.

Nichts haben

Außerdem ist ein armer Mensch jemand, der nichts hat. Die allgemeine Definition dieses Dogmas, nämlich, dass der Mensch aller Dinge ledig sein soll, sodass er eine Stätte sei, in der Gott wirken könne, wird von Eckhart weiter verschärft. Ein wahrhaft armer Mensch im Geist kann demnach keine Stätte sein, in der Gott wirkt, da er mit dieser Stätte immer noch etwas besitzt: Die Unterschiedlichkeit von Gott. Denn nur ein absolut lediger Mensch kann das ewige Sein bzw. den Urzustand wiedererlangen.

Eckhart zieht in dieser Predigt sämtliche Register der Rhetorik und übt teilweise recht deutliche Kritik an allgemein gültigen Ansichten der Zeit. Er listet auf, wie er sich die vollkommene geistige Armut vorstellt, gibt Beispiele und Beweise und entkräftet etwaige Gegenargumente. Die einzelnen Teile weisen eine geschickte Gliederung auf, denn die allgemeine, bis dato für richtig gehaltene Meinung steht stets am Anfang, gefolgt von Sätzen wie „Nun sagen wir es anders“ oder „Aber wir drücken es noch besser aus“ (mhd. „Nû sagen wir anders“ und „Aber wir sprechen noch baz“). Auch der generelle Aufbau passt in dieses Bild: Die Schwierigkeit und auch die Wichtigkeit der einzelnen Teilaspekte nehmen im Laufe der Predigt zu, sodass der letzte Aspekt des nichts Habens am deutlichsten in Erinnerung bleibt - passend zur Diskussion der Zeit, der schwierigen Aufgabe Eckharts und dem Grund, weshalb er ins Kreuzfeuer der Kritik geriet.

Verena Metzler, Verena Metzler

Verena Metzler - Freie Autorin und Übersetzerin. Schwerpunkte: Reisen (vor allem Afrika), Berlin, Fußball, Kabarett Studium der ...

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