
- Sommerspiele Melk 2010, Twist & Shout - Lackinger, Melk
Die 50. Saison der Melker Sommerspiele begann wie immer. Gefasst und mit intellektuellem Habitus – man hat ja mittlerweile akzeptiert, dass in Melk die „schwereren Themen“ abgehandelt werden - begab man sich zur ersten Premiere am 22. Juni: Schillers Wilhelm Tell. Man war gebührend beeindruckt, vor allem vom Apfelschuss. Die „Zitat-elle“, wie Intendant Alexander Hauer das Stück launig zu nennen pflegt, wurde wohlwollend aufgenommen. Das Premierenpublikum war zufrieden, die Kritiker überwiegend wohlwollend, Wilhelm Tell wurde als sehenswert weiterempfohlen. Alles in bester Ordnung. Doch dann passierte das Unglaubliche: Das „Beiwerk“, mehr sollte die 60er Jahre Revue nicht sein, eroberte das Publikum im Sturm.
Es begann am 30. Juni
Das Premierenpublikum, das sich zum zweiten Mal in der Donauarena traf, war überwiegend skeptisch. Das konnte man an kleinen Gesten und winzigen Bemerkungen erkennen. Doch hielt man sich brav an den ungeschriebenen Ehrenkodex aller Sommertheater-Premierengäste, zeigte freudige Erwartung und wurde belohnt. Dass die Hochzeitsgesellschaft, die im Café Rütli feierte, Peter Alexanders „Verliebt, verlobt, verheiratet“ anstimmte, war schon ein guter Anfang. Dass der Bräutigam, während er seine „Ganz in Weiß“-Braut anschmachtete, schon einer anderen schöne Augen machte, rief das erste Schmunzeln hervor. Tini Kainrath, die als alleine gebliebene Kellnerin „Ich will keine Schokolade“ röhrte, verführte die ersten zum Mitsingen. Und als sich Hochwürden schließlich mit einer Zigarette zwischen denFingern der aufräumenden Wirtin näherte und wie weiland Serge Gainsbourg „Je t’aime“ seufzte, war der Bann gebrochen. Die weitere Spielhandlung führte die handelnden Personen und die Anwesenden durch die Irrungen und Wirrungen der Liebe, durch Beziehungsstress und FlowerPower direkt in ihre eigenen Erinnerungen.
Standing Ovations und vier Zusatzvorstellungen
Und so war der Jubel am Ende groß: Die ehrwürdigen Damen und Herren vergaßen ihr Premiereverhalten, waren wieder sechzehn oder zweiundzwanzig und johlten und trampelten wie seinerzeit, als sie die Stars „in echt“ erlebt hatten. Mehr als eine halbe Stunde lang forderten sie Zugabe um Zugabe, milde lächelnd von denen entschuldigt, die sich mitten in der Stadt über das Ausmaß des Beifalls wunderten. Und dann begann der Run auf die Karten. Mitte Juli waren die regulären Vorstellungen ausverkauft. Ende Juli gab es auch für die Zusatzvorstellungen keine Karten mehr.
Zufriedenheit bei allen Beteiligten
Die Schauspieler - viele waren in beiden Stücken besetzt - sind glücklich: Endlich durften sie ihr vielfältiges Können beweisen. Das Publikum ist glücklich – bis auf die, die doch keine Karten mehr ergatterten. Tini Kainrath, die einzige professionelle Sängerin von „Twist & Shout“, ist glücklich: „Ich habe noch nie bei einem Stück mitgewirkt, das zu 110 Prozent ausgelastet ist. Wir könnten das noch einen Monat spielen, und es wäre jeden Tag ausverkauft!“
Intendant Hauer zieht Bilanz
„30 Vorstellungen, 20 ergänzende Veranstaltungen und etwa 12.000 Besucher: Das war nicht nur ein wunderbarer Geburtstag, das war finanziell gesehen die beste Saison seit zwanzig Jahren. Das gibt uns im Konzert der Niederösterreichischen Sommertheater einen ganz neuen Stand. Wir sind nicht mehr nur die hochgeschätzten Intellektuellen mit dem ehrgeizigen, aber nicht sehr ‚publikumswirksamen’ Spielplan, wir haben uns Unterhaltungswert erspielt – und so unsere Zuschauerzahlen um ein gutes Drittel gesteigert. Es war gut, dass die Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde im letzten Jahr beendet wurde. Das hat uns nicht nur die Sympathien der Melker Bürger eingetragen, die nicht wollten, dass es keine Sommerspiele mehr gäbe. Die neue Organisationsform hat erst möglich gemacht, zwei ganz unterschiedliche Stücke anzubieten. Diese Strategie werden wir beibehalten. Der arbeitsreichste Teil des Sommers liegt nun hinter mir, jetzt mach ich ein wenig Urklaub, und dann geht es mit dem Herbstprogram in der Tischlerei weiter, ich hoffe, wir sehen uns dort!"
