Im Jahr 1995 hatte der Linguist Richard Schrodt gefragt: "Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?". In seinem gleichnamigen Buch zeigte er, dass die "Argumente" für den "Verfall" der Sprache ideologische Konstrukte waren, die einer genaueren Analyse nicht standhielten. Auf ähnliches Terrain hat sich der Schriftsteller Gerhard Henschel begeben, nur dass er die Fragestellung ein wenig ausdehnte: Diesmal geht es um alles, das Abendland als Ganzes ist in Gefahr!

Und sie dreht sich doch

Herausgekommen ist ein Buch, bei dem man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ähnlich der "Sprachverfall"-These ist erstaunlich, wie resistent die Untergangspropheten gegenüber Fakten sind. Die Tatsache, dass die Welt bisher noch nicht untergegangen ist, sollte, möchte man meinen, die ein oder andere Behauptung, das Ende stehe "unmittelbar bevor, weil" entkräften - Pustekuchen! Moralapostel aller Coleur, seien es Männer der Kirche, Politiker oder Dichter, wärmen dieselben Argumente in jedem Jahrhundert neu auf und die Erde dreht sich trotzdem weiter. Am weltuntergangsförderndsten ist natürlich, man ahnt es, jedwede Form "unkeuscher" Lebensweise.

Schminke und Schmuck als Ausdruck des "Verfalls der Sitten"

"Putz und äußerer Prunk erweckt in anderen sinnliche Begierden und verletzt die innere Keuschheit." (S. 78). Was ist das? Ein Internet-Statement der Taliban? Eine Kritik an Ratzingers Amtstracht? Mitnichten. Es ist Bischof Cyprianus von Karthago, der sich im dritten Jahrhundert n.u.Z. darüber aufregt, dass Frauen sich die Haare färben oder Schmuck tragen. Die Begründung, warum solch ein Verhalten sündhaft sei, ist abenteuerlich: "Gott hat ja auch nicht scharlach- oder purpurfarbene Schafe geschaffen" (S. 78). Kurzum, alles was schön ist und bunt, könne nur des Teufels sein. Henschel kommentiert: "Leider ist von Cyprianus kein Kommentar zur göttlichen Schöpfung des Admiralfalters, des Goldscheitelsittichs, des Rotfeuerfischs und anderer farbenprächtiger Tiere überliefert worden" (S.79).

Berlin, das Babylon der Neuzeit

Cyprianus hätte sich glücklich schätzen sollen, immerhin waren die Frauen zu seiner Zeit in der Öffentlichkeit noch bekleidet.

Hätte er geahnt, dass es in Berlin über 1.500 Jahre später, derart lasterhaft zuging, dass ein "Berliner Männerbund zur Bekämpfung der Unsittlichkeit" sich 1896 schriftlich an das preußische Kultusministerium wenden musste, um "gegen ,eine Fülle von Darstellungen nackter Körper' in den ,hiesigen Kunstausstellungen der letztvergangenen Jahre'" zu protestieren (S. 42) ! Armes Berlin!

Und es sollte noch schlimmer kommen: "Nacktbälle, Tanzvorstellungen halb und ganz nackter Backfische - nicht in guten - sondern in reichen Familien, Betrug, Schlemmerei, Gemeinheit, neben der Mord und Brand predigenden, von Schmuhl und Levy kommandierten Kommunisten-Bande - das ist Berlin!", wetterte 1920 Ludwig Thoma (S. 153).

Die Deutschen sterben aus

Wozu ein solcher "Moloch Großstadt" führt, hat dann, fünfzehn Jahre später, der Nazi Lothar Gottlieb Tirala folgendermaßen analysiert:

Es würden "viele schöne und wertvolle Frauen in die Film- und Theaterlaufbahn hineingdedrängt und fehlen dann im Leben des Volkes, weil sie sich infolge ihres Berufes kaum oder viel schwächer als die anderen fortpflanzen.

Es findet eine Auslese von erotisch-sexuell weniger begabten Frauen statt, die zur Fortpflanzung kommen. Daher werden sich auch ihre Merkmale in den Kindern besser erhalten, es müssen also die sexuell stärker begabten allmählich verschwinden. Daraus erklärt sich die Tatsache, die von vielen FachMännern bestätigt werden kann, dass die Geschlechtskälte bei den Frauen im steigenden Maße zu finden ist." (S. 154f. Orthographie im Original).

Ob Tirala geahnt hat, wie weit er damit seiner Zeit voraus ist? Sowohl inhaltlich ("Wir sterben aus!") als auch formal, was die Angabe von Quellen angeht, ("viele FachMänner") ist er ganz auf der Höhe der Berliner Republik im Jahr 2011.

Es ist der Vorteil von Henschels Buch, dass man es an jeder beliebigen Stelle aufschlagen kann und sofort eine Absurdität vor Augen hat, bei der man sich fragt, wie deren Verfasser von seinen Mitmenschen überhaupt ernst genommen werden konnte. Es ist, aus heutiger Sicht, schwer nachvollziehbar, dass selbst schlaue Köpfe wie Ludwig Wittgenstein oder Karl Kraus sich zu einem Otto Weininger bekannten. Vermutlich werden sich Leser in einhundert Jahren dieselbe Frage stellen, sollte ein Autor dann ein Kompendium der Weltuntergangsfibeln der Jetztzeit zusammengetragen haben.

Henschel, Gerhard. Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes. Frankfurt am Main 2010. 370 Seiten, 32 €.

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