
- Mensch ärger dich nicht: Einer gewinnt immer - kleinod.co.at / pixelio.de
Als die Europäer im Zeitalter der Entdeckungen nach Indien kamen, entdeckten sie eine völlig neue und unbekannte Kultur. Neben Tee und Gewürzen stießen sie dort auf eine hochstehende Kultur, die bis ins „Gemeine Volk“ hinunter ihren eigenen Gesellschaftsspielen frönte. Besonders beliebt war ein Spiel namens „Pachisi“ (Fünfundzwanzig), wo sich vier Personen an den Armen eines kleines Kreuzes mit Schachmuster gegenüber saßen und ihre Spielpüppchen in einem bestimmten Rhythmus setzten. Irgendwann hat ein Engländer neugierig zugeschaut und bekam schnell heraus, dass es sich um eine Art Würfelspiel handelte – nur, dass die Inder keine Würfel kannten und sechs zylinderförmige Kauri-Schnecken auf den Tisch warfen. Je mehr Öffnungen nach oben zeigten, umso mehr Felder durfte die Figur des Werfers vorrücken. Stieß er dabei auf den Stein der Spieler rechts oder links von ihm, hatte jener Pech gehabt und musste zurück auf „Start“ - das Feld in der Mitte des Kreuzes. Die Figur seines Gegenüber aber war „unantastbar“ und wurde nicht geschlagen. Als der Engländer nach dem Grund fragte, bekam er zur Antwort: „Weil wir zur selben Partei gehören und gemeinsam gegen die anderen spielen.“
Pachisi kommt nach Europa
Einer dieser neugierigen Engländer hieß Thomas Hyde (1636-1703); er war Sprachwissenschaftler und hat das Wort Dualismus salonfähig gemacht. Anno 1689 verfasste er das erste bedeutende Werk zur Geschichte des Schachspiels (jedenfalls für Europa: In den asiatischen Kulturen füllen Schach-Bücher seit Jahrhunderten eigene Büchereien!); fünf Jahre später stellte er in seinem Standardwerk „De Ludis Orientalibus“ (Über Spiele aus dem Osten) auch Pachisi vor. In England wurde es durch heimkehrende Soldaten, Kaufleute und Kolonialbeamte rasch populär. Mit der Zeit gab es natürlich immer mehr Regeländerungen und Abweichungen, und immer mehr Ableger des Spiels machten die Runde. So entstand in Deutschland und der Schweiz der um 1900 allgemein beliebte Klassiker „Eile mit Weile“. Doch der Ruhm dieses Spiels dauerte nicht lange, weil ihm ein Konkurrent den Rang ablief: Mensch ärgere dich nicht!
„Mensch ärgere dich nicht“ überwindet Fronten
Der später übermächtige Konkurrent hatte einen eher ruhmlosen Start. Josef Friedrich Schmidt aus München hatte eine vereinfachte Pachisi-Version kennen gelernt, das 1896 in England als „Ludo“ (ich spiele) patentiert worden war. In einer kleinen Werkstatt im Münchener Vorort Giesing baute er das Spielfeld etwas um und strich sämtliche komplizierten strategisch-taktischen Regeln heraus. Es blieb ein für Kinder gedachtes, denkbar einfaches Würfel-, Lauf- und Rauswurfspiel übrig, das im Jahre 1910 auf den Markt kam - sich aber zuerst nicht recht verkaufen wollte.
Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus. Millionen Soldaten wurden verwundet und wurden in Tausenden Lazaretten mühsam wieder „gesund“ gepflegt. Ein großer Feind jeder Genesung war hierbei auch und vor allem die Langeweile. Schmidt erkannte seine Chance: Er schickte 3000 Brettspiele an die Lazarette an allen Fronten, wo sie ein Riesenerfolg wurden. Sogar beim bösen Feind, heißt es, begannen erste Exemplare zu kursieren. Bis 1920 hatte Schmidt jedenfalls schon eine Million Spiele verkauft, jeweils zum Preis von 35 Pfennig. Und das nicht nur in Deutschland, denn auch in anderen Ländern, und zwar vor allem bei den Gegnern des ersten Weltkrieges, wurde „Mensch Ärgere dich nicht“ ein Renner. In den USA heißt es sinnigerweise „Frustration“, in Frankreich „T´en fais pas“ (Kümmere dich nicht drum), in Polen „Czlowieku, nie irytuj sié“ (Mensch ärgere dich nicht). Das Brettspiel des Josef Schmidt wurde ein „feindlicher“ Welterfolg, vergleichbar mit dem Lied „Lili Marleen“ im zweiten Weltkrieg.
Ein Brettspiel als Kulturthema
Bis heute wurden 70 Millionen Exemplare verkauft, meist im Verbund von Spielsammlungen. Da die Regeln im Wortsinne „kinderleicht“ sind, haben sich über die Jahrzehnte unzählige eigene Ableger mit abgeänderten und verfremdeten Regeln entwickelt. „Mensch ärger dich nicht“ ist als Spiel wie als feste Redewendung zum Thema von Liedern, Gedichten, Romanen (Heinrich Böll: Ansichten eines Clowns“), Filmen und – neuerdings – sogar von Briefmarken geworden: Zum hundertsten Geburtstag hat die Deutsche Bundespost eine Sonderbriefmarke herausgebracht.
Literatur:
Erwin Glonninger: “Das Spiele-Buch: Brett- und Legespiele aus aller Welt“ Uehlfeld 1999
Heinrich Böll: „Ansichten eines Clowns“, 1963;
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