Menschenfresser und Kannibalen

Alles über Anthropophagie

Fraß der Neanderthaler Menschenfleisch? - Wilhelm Ruprecht Frieling
Fraß der Neanderthaler Menschenfleisch? - Wilhelm Ruprecht Frieling
In der Kulturgeschichte der Menschheit gibt es Hinweise darauf, dass auch unsere Vorväter Kannibalen waren und Menschenfleisch verzehrten.

Einige kleine Flecken auf unserem Globus gelten immer noch als weiß, also unerforscht von der nicht immer Glück und Segen bringenden Hand unserer modernen Zivilisation. Märchen und Legenden ranken sich um diese Grauzonen unseres Wissens, gefährlich und bedrohlich scheint, was unbekannt ist. Sind jene „Urmenschen“, die dort vermutet werden, gar raubgierige Unholde, die nur darauf warten, weißes Menschenfleisch zu kosten, lauern hinter dichten Dschungelpflanzen Menschen und Kannibalen?

Erich Kästner über Menschenfresser

„Was weiß man schon über Menschenfresser?

Fressen sie Menschen, wie sich’s gehört, mit Gabel und Messer?

Schmeckt ihnen ein dicker, asthmatisch gewesener Bäcker besser,

als ein dünner, schmalfingriger König? / Man weiß so wenig …“

Mit diesem Epigramm „Über Anthropophagie und Bildungshunger“ beklagte schon der Schriftsteller und Dichter Erich Kästner eine Wissenslücke, die zu vielerlei Spekulationen Anlass gibt.

Phänomen Kannibalismus

Kannibalismus, Menschenfresserei oder Anthropophagie, wie es im wissenschaftlichen Sprachgebrauch heißt, ist ein Phänomen, das es in verschiedenen Kulturen und Stämmen gegeben hat. Gemeint ist damit eine über die ganze Erde verbreitete Sitte von Stämmen, die ihren Nachbarn oder Rivalen geistig und materiell überlegen waren. Begünstigt wurde der barbarische Brauch in Gegenden mit dichter Bevölkerung und stark entwickelter Sklaverei.

Als Beweggründe werden Rachsucht vermutet, die den Feind vollständig zu vernichten trachtet sowie Neid auf Vorzüge des Mitmenschen, die man durch Verzehren des Leichnams gewinnen wollte. Bekannt sind weiterhin Menschenopfer zwecks ritueller Ausübung, im Götzenkult und bei zeremonieller Zauberei.

Kolumbus und die Kannibalen

Das Wort Kannibale verdanken wir ebenso wie die versehentliche Entdeckung Amerikas dem Seefahrer Christoph Kolumbus. Nachdem Kolumbus anno 1492 erstmals seinen Fuß auf den neuen Kontinent setzte, ging man dazu über, viele der fälschlich für Inder (daher „Indianer“) gehaltenen Ureinwohner als Sklaven nach Europa zu verschleppen. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch schon an der Überfahrt, die viele der Gefangenen nicht überlebten.

Deshalb gingen die Eroberer dazu über, die Indianer auf ihrem eigenen Land zu versklaven. Allen Gefangenen wurde ein „C“ auf die Stirn gebrannt, was soviel hieß wie „Caribes“. Da bekannt war, dass es unter den Kariben Stämme gab, die sich angeblich auch von Menschenfleisch ernährten, wurde im Deutschen daraus das Wort Kannibale oder Menschenfresser.

In den folgenden Jahrhunderten kehrten viele Weltreisende von ihren Fahrten mit der Nachricht zurück, sie seien auf Menschenfresser gestoßen. In den meisten Fällen waren diese Geschichten erfunden, um anderen Entdeckungsreisenden und Seefahrern Furcht einzuflößen und sie davon abzuhalten, ihnen diese neu entdeckten Gebiete streitig zu machen.

James Cook traf Menschenfresser

Zu den wenigen, die tatsächlich mit Kannibalen zusammentrafen, zählt der englische Seefahrer James Cook. In seinem Tagebuch über seine dritte und letzte Reise, die er im Auftrag der britischen Krone von 1776 bis 1780 nach Neuseeland unternahm, berichtete er, wie die Stämme sich untereinander bekriegten und mit ihren Gefangenen umgingen:

„Ist das Morden vorüber, so sättigen sie sich entweder gleich an diesen schrecklichen Gerichten, oder sie schleppen so viele Leichen fort, wie sie nur können, um sie zu Hause zu verzehren, und dies geschieht mit einem Grad von Wildheit, der zu abscheulich ist, als dass er hier beschrieben werden könnte. Denn nach ihren Religionsbegriffen ist die Seele des Menschen, der von seinem Feind gefressen worden ist, zum ewigen Feuer verdammt. Hingegen steigt die Seele dessen, der eines natürlichen Todes starb, zu den Wohnungen der Götter auf Ich fragte sie, ob sie auch das Fleisch ihrer Freunde essen, die im Kriege gefallen sind, und sie verneinten.“

Exo- und Endokannibalismus

Die Form des Kannibalismus, die Cook beschreibt, zählt zum so genannten Exokannibalismus. Sein Wesen liegt in der völligen Vernichtung des Feindes und im Glauben an die magische Kraft, durch den Verzehr die Kräfte des Feindes auf sich selbst zu übertragen. Im Gegensatz dazu steht der Endokannibalismus, bei dem auch Mitglieder des eigenen Stammes verzehrt werden. Das sind die beiden wesentlichen Formen der Anthropophagie.

Nach Aussagen von Forschern hat sich in einigen Gebieten Afrikas, Amerikas und Australiens der Kannibalismus am längsten gehalten. Er ist jedoch keineswegs gleich zu setzen mit der niedrigsten Entwicklungsstufe dieser Stämme. So wird berichtet, dass sie dort oft einem höheren Stand in der Kultur begegnet sind als bei Urwaldbewohnern, denen Kannibalismus fremd war.

Kannibalismus in Deutschland

Auch in deutschen Landen hausten einstmals Menschenfresser. So verzehrte der Neanderthaler Menschenfleisch. Auch in der Umgebung von Bad Frankenhausen, in den Höhlen des Kyffhäusers, wurden Funde ans Tageslicht gebracht, die auf Kannibalismus hinweisen. Sie sind rund 5000 Jahre alt.

Wissenschaftlich betrachtet gehört der Kannibalismus zu einem abgeschlossenen Kapitel der Menschheitsgeschichte. Aktuelle Verstöße gegen das Nahrungstabu wie beispielsweise die Tat des sogenannten Kannibalen von Rotenburg gelten als Auswüchse geistiger Störungen.

Wilhelm Ruprecht Frieling, © Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling - Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi ist seit 40 Jahren als Autor und Verleger aktiv. Er veröffentlichte in deutschen und ...

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