
- Serap Altinisik von Terre des Femmes - Terre des Femmes
Frauenrechte sind nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Auch im Westen gelten für Männer und Frauen immer noch unterschiedliche Regeln, sind Frauen in einigen Bereichen benachteiligt. Warum Frauenorganisationen daher nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch im Westen aktiv sein müssen, erläutert Serap Altinisik von Terre des Femmes im Suite101-Gespräch.
Warum ist es nach wie vor wichtig, dass man auf die Rechte von Frauen aufmerksam macht?
"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" – Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10.12.1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen als Resolution verkündet wurde, ließe den Schluss zu, dass Menschen unabhängig von ihrer geschlechtlichen Zuordnung die gleichen, unveräußerlichen und unteilbaren Rechte haben. Die Entwicklung bis heute zeigt in der Realität ein anderes Bild. Mädchen und Frauen werden Menschenrechte wie selbstverständlich vorenthalten. Sie sind häufig Opfer von Menschenrechtsverletzungen.
Ob es sich um die Unterdrückung durch staatliche Institutionen oder Gruppierungen handelt, wie es das Regime der Taliban in Afghanistan brutal praktizierte, oder um Übergriffe von Familienangehörigen in Form der so genannten "häuslichen Gewalt", Menschenrechtsverletzungen an Mädchen und Frauen sind facettenreich. Sie bleiben vielfach unerkannt oder unbeachtet oder werden als selbstverständlich hingenommen. Nach Feststellungen des Weltbevölkerungsfonds (UNFPA) der Vereinten Nationen wird mindestens jede dritte Frau in ihrem Leben geschlagen, zum Sexualverkehr gezwungen oder in einer anderen Weise missbraucht. In der Bevölkerungsstatistik fehlen über 60 Millionen Mädchen aufgrund selektiver Abtreibung, Kindesmord oder Tod durch Vernachlässigung.
Besorgniserregend ist die Zunahme von Frauen- und Mädchenhandel in die Zwangsprostitution. Traditionelle schädliche Praktiken, wie Genitalverstümmelung, werden trotz internationaler Ächtung und nationaler Strafgesetze weiterhin millionenfach durchgeführt. Verschiedene Studien belegen, Ursachen für geschlechtsspezifische Menschenrechtsverletzungen sind insbesondere in Werte-, Rollen- und Verhaltensmuster patriarchalisch geprägter Gesellschaftsformen zu finden, in traditionell oder religiös begründeten Praktiken oder strukturellen geschlechtsspezifischen Benachteiligungen beim Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheitswesen und beruflicher Qualifikation. Hinzu kommen (Bürger-)Kriege, die regelmäßig für Frauen erhöhte Gefahren bedeuten wegen systematischer Massenvergewaltigungen zur Schwächung des Kriegsgegners, Verlust der Lebensgrundlagen und Flucht mit Kindern.
Schon diese Beispiele zeigen, dass der Schutz und die Förderung von Menschenrechten für Mädchen und Frauen zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine immense Aufgabe bleibt.
Terrs des Femmes engagiert sich stark gegen Genitalverstümmelung (FGM) bei Frauen und Mädchen. Warum wird diese grausame Tradition in vielen Kulturen noch praktiziert?
Die traditionellen Begründungen lauten: Es ist von den Ahnen überliefert und muss befolgt werden; fördert die Gesundheit der Frau, macht sie fruchtbar; ist schön, macht Mädchen rein; männliche Vorhautbeschneidung macht Jungen zu Männern, FGM Mädchen zu Frauen; wird fälschlicherweise als Gebot der Religion begründet; zügelt die Sexualität der Frau, Mädchen gehen als Jungfrau in die Ehe und bleiben dem Ehemann treu.
Gründe, warum heute zum Teil sogar Mütter, die über die negativen gesundheitlichen Folgen aufgeklärt wurden, an der Praxis festhalten, sind sozialer Druck; Angst, dass die Töchter keinen Mann finden; Befürchtung, dass die Töchter als "Huren" gelten; Abgrenzung gegenüber Europa oder dem Westen; lassen es von ÄrztInnen machen mit dem Argument, dass dann die körperlichen Folgen wie Schmerzen und die Infektionsgefahr geringer sind.
Terre des Femmes sieht in FGM eine Kontrolle der weiblichen Sexualität. Daher kann FGM nur mit ganzheitlichen Ansätzen – Einbeziehung von Mädchen, Jungen, Frauen, Männern, Beschneiderinnen und religiösen Würdenträgern – und einem Wandel traditioneller Geschlechterrollen überwunden werden.
Wie kam es, dass Terre des Femme und The Body Shop sich gemeinsam gegen häusliche Gewalt stark machen?
Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2004 startete The Body Shop Deutschland gemeinsam mit Terre des Femmes eine mehrjährige Kampagne gegen häusliche Gewalt. Seit Juli 2005 wird diese Kampagne vom neuen Referat "Häusliche Gewalt" bei Terre des Femmes betreut.
The Body Shop hat sich als sozial engagiertes Kosmetikunternehmen für Terre des Femmes als Kooperationspartnerin entschieden, da Terre des Femmes seit 1981 sich für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen und Mädchen einsetzt. Das Thema häusliche Gewalt gehört zu den originären Themen des Vereins. Durch die Kooperation mit The Body Shop gelingt es uns, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. So können auch Menschen für das Thema sensibilisiert werden, die bisher keine oder wenig Anknüpfungspunkte haben. Zusätzlich wird die Hemmschwelle von Betroffenen, an Informationen zu gelangen, heruntergesetzt.
Warum gelten für Männer und Frauen gesellschaftlich – auch im Westen – verschiedene Regeln?
Im männlichen Selbstverständnis wird Männlichkeit noch immer definiert als Ausübung von Macht und Kontrolle, Stärke, körperliche Kraft, Führung, Erfolg, Ehrgeiz und Konkurrenz. In patriarchalischen Gesellschaften wachsen Jungen oftmals mit diesen Rollenerwartungen auf. In modernen Gesellschaften, die ihren verfassungsmäßig verankerten Anspruch auf Gleichberechtigung ernst nehmen, müssen sie zwangsläufig mit diesem Rollenverhalten scheitern. Dennoch haben viele Männer noch dieses archaische Rollenverständnis verinnerlicht. Nach ihrem Selbstverständnis ist körperliche und auch psychische Gewalt ein legitimes und männliches Mittel, die eigenen Interessen durchzusetzen.
Im gesellschaftlichen Umfeld müssen die Täter nicht ernstlich mit negativen Konsequenzen oder einer Bestrafung rechnen. Bis 1900 galt in Deutschland noch das Züchtigungsrecht des Ehemannes gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Dieses patriarchale Rechtsverständnis wirkt noch immer nach.
Welche Hoffnung haben Sie für die Zukunft der Frauen?
Dass Frauen und Mädchen ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben führen können und unveränderliche Rechte genießen.
