Mercedes-Benz zeigte sich angesichts des Sieges von Nico Rosberg beim Grand Prix von China 2012 in Shanghai ganz aus dem Häuschen: Der erste Sieg eines Deutschen am Steuer eines sogenannten Silberpfeils seit Hermann Lang beim Großen Preis der Schweiz 1939; 26.537 Tage später siegte der Mercedes F1 W03 auf dem Shanghai International Circuit und die Statistiker aus dem Hause Mercedes schlugen euphorisch Purzelbäume. Am 17. April 2012 veröffentlichte der Mutterkonzern ein Interview mit dem Motorsportchef der Firma, Norbert Haug. Anlass: Der seit dem 11. September 1955 erste Sieg eines Formel 1 aus dem Stuttgarter Konzern; die Erfolge aus den Jahren 1998 und 1999, in denen Mika Häkkinen den von einem Mercedes-Motor beflügelten McLaren zum Titelgewinn fuhr, scheinen nicht mehr dazu zu passen. Doch auch damals wurden die silbern lackierten Renner aus dem Stall von Ron Dennis als Silberpfeile bezeichnet. So erfolglos, wie es angesichts der von Mercedes in den Vordergrund geschobenen Zeitspanne zwischen 1939, 1955 und 2012 den Anschein hat, war die Marke in der Formel 1 zwischenzeitlich gar nicht. Merkwürdig, so ein Kommunikationsfachmann aus Düsseldorf, dass der Stuttgarter Hersteller in seinem Schwelgen zum Sieg in China eigene Erfolge quasi auslöscht. Aber Motorsportchef Norbert Haug korrigiert.

Mercedes und die Statistik in puncto McLaren

Nico Rosberg gewann am 15. April 2012 bei seinem 111. Grand Prix-Start sein erstes Formel 1-Rennen; 111 Jahre und drei Wochen nach dem ersten Mercedes-Sieg bei der "Rennwoche von Nizza“ im Jahr 1901. Mit seinem Sieg gehörte Nico zu jenem Kreis an Fahrern, die einen Grand Prix in einem Silberpfeil gewonnen haben. Die Geschichte der silbernen Mercedes-Benz Grand-Prix-Rennwagen reicht bis in den Juni des Jahres 1934 zurück. Damals gab der Mercedes-Benz W25 sein Debüt beim Eifelrennen auf dem Nürburgring; der Sieger hieß Manfred von Brauchitsch. Nico fügte dieser Tradition nun nach 78 Jahren ein neues Kapitel hinzu. Insgesamt, so Mercedes, haben acht Fahrer einen Grand Prix am Steuer eines Werksrennwagens gewonnen.

Auch hier in der Statistik kein Wort zu McLaren und Mika Häkkinen; ein Einsatz, der wegen der intern bestehenden Kapitalbeteiligung von Mercedes an McLaren durchaus auch als Werksengagement verstanden worden ist. Vor Nico Rosberg waren es Manfred von Brauchitsch, Rudolf Caracciola, Luigi Fagioli, Juan Manuel Fangio, Hermann Lang, Stirling Moss und Richard Seaman, die einen Werks-Mercedes zum Sieg steuerten. Seit Einführung der Formel 1-Weltmeisterschaft im Jahr 1950 wurde nur drei Fahrern diese Ehre zuteil: Fangio, Moss und Rosberg. Nicos Sieg war der zehnte Erfolg eines Werks-Silberpfeils von Mercedes-Benz in der Formel 1. Doch die Vorliebe der Macher für die Statistik ließe sich noch fortführen, wenn nicht die McLaren ausgeklammert würden.

McLarens Silberpfeile zählen nicht?

Nico ist aber nicht nur einer der wenigen, siegreichen Mercedes-Benz-Werksfahrer in der Formel 1; auch sein Fahrzeug, der Mercedes AMG F1 W03, gehört nach Mitteilung des Herstellers einem noch exklusiveren Club an: demjenigen der sechs bei einem Grand Prix siegreichen Silberpfeile nämlich. Damit folge das Auto der Tradition des W25 (eingesetzt in den Jahren 1934 bis 1936), des W125 von 1937, des W154 aus 1938/39, des W165 Voiturette (Tripolis GP 1939) sowie des W196 aus 1954 und 1955; den Jahren und dem Zeitgeist, dem auch die Flügeltüren-Legende 300 SL entsprang, die im Mercedes SLS AMG 2009 ihr glorreiches Comeback feierte. Spätestens jetzt begreift der Leser, dass die Siege der McLaren-Mercedes aus der Statistik gestrichen wurden.

Mercedes und die Erfolge der Mercedes-Motoren

Doch entgegen aller Befürchtungen hat sich Mercedes so ziemlich am Ende seiner Pressemeldung dann doch noch seiner Erfolge als Motorenlieferant der Formel 1 erinnert: Am vergangenen Sonntag durfte sich den Worten der Firma entsprechend nicht nur Nico Rosberg als Sieger fühlen. Mit den McLaren-Mercedes Fahrern Jenson Button und Lewis Hamilton auf den Plätzen zwei und drei standen zum zweiten Mal innerhalb der letzten drei Jahre ausschließlich Fahrer mit Motoren von Mercedes auf dem Podium – das gab es erst zum dritten Mal in der Formel 1-Geschichte: Nicos Sieg war der 90. für Mercedes-Benz Motoren in der Formel 1. Rosberg geht als zwölfter Fahrer in die Statistik ein, der einen Formel 1-Sieg mit einem Motor von Mercedes erzielte.

Seit David Coulthard in Australien 1997 mit McLaren-Mercedes den ersten Pokal in der modernen Ära einfuhr, gewann Mercedes 81 Mal in 264 Rennen – eine Siegquote von mehr als 30 Prozent. In den ersten drei Rennen standen in dieser Saison drei Mal ausschließlich Fahrzeuge mit Mercedes-Benz Motoren in Reihe eins. Damit rechtfertigt der in Brixworth gebaute V8-Motor den inoffiziellen Status als Motoren-Weltmeister, der in den vergangenen drei Saisons jeweils mehr WM-Punkte als jeder andere Motorenhersteller erzielte. Dies wiederum sei ein Grund für Mercedes, sehr stolz auf sich zu verweisen, so der Kommunikationsfachmann, denn was gebe es besseres in der Werbung, als Motoren, die eine derartige Leistungsbilanz vorweisen können.

Norbert Haug zum Sieg in China 2012

In der Antwort auf die Frage, was der erste Sieg eines Werks-Silberpfeils nach 57 Jahren für ihn bedeute, dankte Norbert Haug seinen Mitarbeitern: "Dieser Sieg ist der Lohn für alle Kollegen, die so hart gearbeitet haben und sich nie von ihrem großen Traum – Rennen in der Formel 1 zu gewinnen – haben abbringen lassen. Er ist auch Beispiel dafür, dass man erreichen kann, was man erreichen will, wenn man die richtigen Voraussetzungen schafft und unnachgiebig die richtige Richtung verfolgt. Nico war gestern große Klasse und überlegen, sein Sieg war souverän und mit 20 Sekunden Vorsprung." Michael Schumacher konnte nicht ins Rennen eingreifen; er wurde wegen eines Versehens beim Festziehen des Rades nach einem Boxenstop ausgebremst.

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Haug auf die Frage, welche Gefühle er während des Rennens und nachdem Nico Rosberg die Ziellinie überquert hatte empfand: "Ich war ziemlich cool unterwegs, hatte ein gutes Gefühl und dachte schon nach ein paar Runden 'heute packen wir es'. Schade, dass dann Michael Schumacher auf Platz zwei liegend nach dem Boxenstopp das Problem mit der nicht korrekt befestigten Radmutter hatte, wir hatten durchaus einen Doppelsieg in der Hand. Als Nico über die Ziellinie fuhr, war das ein erhebendes Gefühl – Freude pur, für alle, die so hart für diesen Sieg gearbeitet hatten." Stolz erfüllte Haug aber auch wegen des Dreifachsieges der Mercedes-Motoren: "Drei von drei möglichen ist natürlich die Sahne obendrauf – besser geht es nicht."

Norbert Haug zu Michael Schumacher

Sie hätten lange genug mit McLaren gearbeitet und seien mit dafür verantwortlich, dass McLaren-Mercedes heute dort steht, wo es steht: "Am letzten Sonntag haben wir sie geschlagen - fair and square - und sie waren die Ersten, die uns gratuliert haben." Auch auf die Frage, was sonst noch von Nico Rosberg zu erwarten sei, wusste Norbert Haug zu antworten: "Nico wird so gut sein, wenn wir dafür die Voraussetzungen schaffen. Er hat das gestern gezeigt." Haug zu Schumacher: "Und Michael ist nicht weniger gut drauf, wenn sein Auto ihm die Möglichkeit gibt. Er hätte den Podiumsplatz so verdient gehabt. Aber der wird kommen und schon heute weiß jeder, der einst kritisiert hatte, wie wichtig und wie richtig es war, Michael Schumacher ins Team zu holen.