
- Fumarsäure ist eine körpereigene Substanz (Citratzyklus) - Dr. Gerald Albach
Multiple Sklerose (MS) und Schuppenflechte (Psoriasis) gehören zu den häufigsten Autoimmun-Erkrankungen, dabei richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen in der Haut oder im zentralen Nervensystem (ZNS): Beiden Krankheiten liegt ein ähnlicher Entzündungsvorgang zugrunde. Bei MS greifen zum Beispiel die aktivierten T-Helferzellen (TH-1 und TH-17) des Immunsystems zusammen mit anderen Immunzellen die Myelinschicht der Nervenzellen an. Der Angriff auf die körpereigenen Zellen wird durch so genannte antigen-präsentierende Dendritische Zellen irrtümlich eingeleitet – Ralph Steinman erhielt für deren Entdeckung im Jahr 2011 den Nobelpreis für Medizin. Die Forscher der Universitätsklinik Tübingen (UKT) zeigten jetzt, wie fehlgeleitete Dendritische Zellen durch Di-Methyl-Fumarat (DMF) wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. Professor Dr. Martin Röcken erklärte am 19. Oktober 2011 als Ärztlicher Direktor der UKT-Hautklinik: "Wir gehen davon aus, dass dies die Basis für die Entwicklung neuer, aller Wahrscheinlichkeit nach sehr sicherer Medikamente für Menschen mit schweren Autoimmunkrankheiten wie Psoriasis oder Multiple Sclerose ist."
Langerhans-Zellen & Dendritische Zellen gehören zum Haut-Immunsytem
Langerhans-Zellen und Dendritische Zellen lungern in unserer Oberhaut (Epidermis) herum und fischen mit speziellen Rezeptoren auf ihren langen Zellfortsätzen nach krankmachenden Bakterien und Viren (siehe Grafik des Haut-Immunsystems). Erkennen zum Beispiel die Toll-like-Rezeptoren (TLR) des angeborenen Immunsystems fremde Bakterien, schlagen die Dendritischen Zellen (DZ) Alarm. Dann aktivieren die DZ viele verschiedene Immunzell-Typen des Immunsystems: TH-1 und TH-17-Zellen werden zum Beispiel durch chemische Botenstoffe (Cytokine) namens Interleukine aktiviert (IL-12 und IL-23). Interpretieren DZ körpereigene Proteine wie das Myelin unserer Nervenzellen (Neurone) als körperfremde Eindringlinge, nerven die DZ mit einer Autoimmun-Erkrankung – sie hetzen die ganze Armada der Immunzellen gegen die Myelinschicht der Nervenzellen, oder gegen Proteine der Keratinozyten in der Epidermis.
Fumarsäure wird seit 1959 gegen Autoimmun-Krankheiten eingesetzt
Fumarsäure ist eine körpereigene Substanz und entsteht zum Beispiel beim Menschen im Citrat- oder Zitronensäurezyklus – wenn wir also etwas gegessen haben und Zucker über die Glykolyse abbauen. Die auch Fumarate genannten Salze der Fumarsäure werden schon seit 1959 gegen die Schuppenflechte eingesetzt, seit kürzerer Zeit auch gegen die Multiple Sklerose. Gegen Psoriasis wurden Fumarate schon zusammen mit die Immunabwehr schwächende Substanzen verwendet, zum Beispiel mit dem Immunsuppressiva Cyclosporin. Hängt man chemisch an die körpereigene Fumarsäure zwei Methylgruppen dran, erhält man Di-Methyl-Fumarat (DMF).
Di-Methyl-Fumarat führt Typ 2 Dendritische Zellen auf den richtigen Weg
Die Forscher aus Tübingen untersuchten in den letzten Jahren den genauen Wirkmechanismus der Fumarsäure, herausgekommen ist eine neue Therapie mit DMF, die sowohl gegen Multiple Sklerose als auch gegen Schuppenflechte wirkt. Der Wirkmechanismus konnte im Maus-Modell und an Patienten erfolgreich angewendet werden. Bei Maus und Mensch half DMF fehlgeleitete Dendritische Zellen vom Typ 2 auf den richtigen Pfad der immunologischen Tugend zu führen. Das neue Therapie-Verfahren hat sich die Universität Tübingen patentieren lassen. Prof. Röcken blickt in die hoffnungsvolle therapeutische Zukunft: "Erste Medikamente dazu sollen noch dieses Jahr auf den Markt kommen."
Weitere Informationen und Literatur
Kamran Ghoreschi, Jürgen Brück, Christina Kellerer, Caishu Deng, Haiyan Peng, Oliver Rothfuss, Rehana Z. Hussain, Anne R. Gocke, Annedore Respa, Ivana Glocova, Nadejda Valtcheva, Eva Alexander, Susanne Feil, Robert Feil, Klaus Schulze-Osthoff, Rudolf A. Rupec, Amy E. Lovett-Racke, Ralf Dringen, Michael K. Racke und Martin Röcken (2011): Fumarates improve psoriasis and multiple sclerosis by inducing type II dendritic cells. Journal of Experimental Medicine [Epub ahead of print], (DOI: 10.1084/jem.20100977).
Marion C. Bonnet, Daniela Preukschat, Patrick-Simon Welz, Geert van Loo, Maria A. Ermolaeva, Wilhelm Bloch, Ingo Haase und Manolis Pasparakis (2011): The Adaptor Protein FADD Protects Epidermal Keratinocytes from Necroptosis In Vivo and Prevents Skin Inflammation. Immunity [Epub ahead of print], (DOI: 10.1016/j.immuni.2011.08.014).
Bild-Informationen:
Grafik 1: Fumarsäure nach PDP-ID: FMU.
Grafik 2: Vereinfachtes Schema der Oberhaut (Epidermis): Die hornbildenden Keratinozyten gehören zum Haut-Immunsystem (SIS: Skin Immune System). BM: Basalmembran (Lamina basalis). SB: Stratum basale – Basalzellschicht; SC: Stratum corneum – Hornschicht; SG: Stratum granulosum – Körnerzellschicht; SS: Stratum spinosum – Stachelzellschicht.
Grafik 3: Der statische Teil des Haut-Immunsystems in der Oberhaut und Teilen der Lederhaut (Dermis): SP: Stratum papillare – Papillenschicht; BG: Blutgefäß. Neben Keratinozyten und Langerhans-Zellen gehören auch Makrophagen und Mastzellen dazu.
Grafik 4: Bei Neurodermitis oder Schuppenflechte wandern verschiedene Arten der weißen Blutkörperchen als dynamischer Teil des Haut-Immunsystems in die entzündete Haut ein: Dendritische Zellen wie IDEC-Zellen (IDEC: Inflammatorische Dendritische Epidermale Zellen) und PDC-Zellen (PDC: Plasmazytoide Dendritische Zellen). Lymphozyten wie T-Helfer-Zellen und B-Zellen.
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