Michael Fisch: KHAMSA. Ein Marokko-Roman

Khamsa von Michael Fisch - amazon
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Michael Fisch ist Dozent an der Universität La Manouba in Tunis und Experte für Michel Foucault und Roland Barthes. Mit KHAMSA ist ihm ein Buch gelungen!

Michael Fisch (47) ist Deutsch-Lektor in Tunesien, und im Auftrag des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes DAAD unterrichtet er an der Universität La Manouba in Tunis Germanistik und Literatur. Mit "KHAMSA oder Das Wasser des Lebens" hat Fisch ein ungewöhnliches, dabei aber durchaus gelungenes Marokko-Buch vorgelegt.

KHAMSA: Eine gelungene Melange aus Erzählung und Reisebericht

Das Bedürfnis, negative Einflüsse abzuwehren, als auch die Angst vor dem "bösen Blick" hat in Marokko eine Reihe magischer Symbole hervorgebracht. Dies erläutert Michael Fisch bereits zu Beginn seines Buchs, und "KHAMSA" ist so ein magisches Symbol, die Zahl Fünf gilt als besonders starkes Element. "KHAMSA oder Das Wasser des Lebens" hat Fisch also sein Werk benannt, es ist in fünfzig übersichtliche und damit gut lesbare Kapitel unterteilt die sich auf 207 Seiten ausbreiten. Ein Roman soll es sein, doch trifft dies nicht wirklich den Kern. KHAMSA ist eher eine Erzählung, ein Reisebericht aus Marokko. Aber auch ein Ausflug in die Geschichte des Maghreb und eine Reminiszenz an all die Dichter und Denker, die sich von Marokko inspirieren ließen.

Hubert Fichte, Paul Bowles, Jean Genet. Mit KHAMSA bekommen sie ein neues Denkmal

Hubert Fichte. Elias Canetti. Jean Genet. Paul Bowles... Die Liste der Schriftsteller, die es auf der Suche nach Kreativität nach Marokko gezogen hat, ließe sich weiter fortführen, und liest man deren Werke, dann weiß man um die Gefahr, die dortige Kultur zu verklären. Nicht, dass Fichte, Canetti, Genet oder Bowles dieser Gefahr erlegen wären. Sie taten es nicht oder haben es nur bedingt getan und eher niedergeschrieben, was wirklich war beziehungsweise wie sie Dieses oder Jenes, was sie sahen und erlebten, einordnen. Immer aber haben sie darauf verwiesen, wie schnell die Einflüsse, die in Marokko auf einen einstürmen, einem die Sinne vernebeln können.

Michael Fischs Sinne sind nicht vernebelt, seine Beschreibungen des marokkanischen Lebens sind genauso exakt wie manche Wegbeschreibungen bis hin zum Kiosk in Marrakesch, wo man deutschsprachige Zeitungen kaufen kann. Es spricht ganz klar für dieses Buch, dass Fisch bei alledem auch auf kulturelle Distanz geht, wo es nötig ist, und dabei immer wieder die richtige Balance findet zwischen den Fakten, die es seiner Meinung nach zu beschreiben gilt, und seiner Gefühlsebene. Marokko ist eben nicht nur ein Märchenland, hier gibt es auch gewaltige Probleme, etwa die Prostitution. Fisch entzieht sich der Gefahr, hier mit erhobenem Zeigefinger herumzufuchteln und verweist einmal mehr auf den Schriftsteller Hubert Fichte, der einige Zeit in Marokko lebte und "eindimensionale Verhaltensweisen" anklagte, die durch Abhängigkeiten entstehen würden, die es zu kritisieren gilt. Fisch wiederum analysiert die Begehren der Älteren zu den jungen Marokkanern durchaus klug und nachvollziehbar: "Das ist weniger Pädophilie oder Päderastie als ein Bemühen, die eigene Kindheit am Leben zu halten und zugleich zuzuschütten vor der Erkenntnis, dass nichts mehr so sein wird wie es einmal war. Das ist wohl eine Lebenslüge, nichts weiter."

Der Marokko-Roman KHAMSA bietet keinen exotisierenden Blick auf das Land

KHAMSA ist kein Roman, kein fiktionaler Text also, der eine mehr oder weniger ereignisreiche Handlung wiedergibt beziehungsweise diese zu einem Höhepunkt führt. KHAMSA ist eher eine Melange aus Reisebericht, situativer Gefühlsbeschreibungen und Historie. Alles dies bereichert den Leser dieses Buchs auf eine ganz besondere Art und Weise, was auch für die Literaturverweise gilt, die Fisch zahlreich anführt, dies wohl auch um seine eigene Motivation zu erläutern und/oder zu untermauern. Etwa dann, wenn er sich selbst ein Bewusstsein dafür schafft, dass Erinnerung immer auch Verklärung bedeutet, und dabei auf Jean-Paul Sartre verweist: "Das Beste wäre, die Ereignisse aufzuschreiben. Ein Tagebuch zu führen, um klar zu sehen. Man darf nichts Ungewöhnliches sehen, wo nichts ist. Ich glaube, das ist die Gefahr, wenn man ein Tagebuch führt."

Michael Fisch ist sich der Gefahr eines "exotisierenden Blicks" auf Marokko also durchaus bewusst, und dieses Sartre´sche Bewußtsein ist da wohl die wesentliche Grundlage dafür, dass er sich der Gefahr zu entziehen vermag. Ja, alles das, was Fisch ausführt, liest man deshalb umso mehr mit Freude und mit Genuß, selbst die Beschreibung von eigenen Reflektionen und von homosexuellen Begierden wirkt an keiner Stelle anzüglich, anbiedernd oder gar peinlich, manches ist im Gegenteil inspirierend. Gleichwohl, um etwas Schwarz in das Himmelblau dieser Kritik zu kippen, ist es KHAMSA an der einen oder anderen Stelle völlig abträglich, wenn sich Fisch als homo politicus outet und unvermittelt irgendwelche politischen Geschehnisse in Deutschland, die er in Marrakesch im Fernsehen verfolgt hat, kommentiert. Entbehrlich auch des Autors Analysen über Sinn und Unsinn von deutschen Privatsendern, hier hätte das Lektorat unbedingt korrigierend einschreiten müssen, ein Lektorat übrigens, dem auch so mancher grammatikalische Fehler in dem Buch hätte auffallen müssen...

Lust und Leid der Schriftsteller - auch dies wird von Michael Fisch thematisiert

En passant geht Fisch in KHAMSA auch auf die Freuden und das Leid des Schreibenden ein, er zitiert Arthur Rimbaud und immer wieder seinen Säulenheiligen Roland Barthes, dem er KHAMSA gar gewidmet hat: "Schreiben, das heißt den Sinn der Welt erschüttern und dort eine indirekte Frage anbringen, deren Beantwortung sich der Schriftsteller in einem letzten Spannungsstau entzieht."

Selbst führt Fisch aus: "Ich habe das Glück, ein Buch zu schreiben, oder sollte ich sagen das Vergnügen?" Und man glaubt Fisch, wenn er an anderer Stelle sehr schön schreibt: "Meine Texte folgen den selbst erlebten und den ausgedachten Begebenheiten, sie sind die Entwicklung einer unendlichen Metapher, so wie man von der Entwicklung des Rads spricht. Sie haben die Länge und den Elan einer Linie. Wie Lettern auf Papier folgen sie dieser Linie. Ich kann diese Texte anhalten und ich kann sie weiterführen. Sie sind der Atem meiner Zeit."

Wer das Fremde, wer Marokko liebt, muß dieses Buch lesen.

Wer Marokko, dieses wunderbare Land, noch nicht kennt, aber gerne kennenlernen will, auch.

Michael Fisch: KHAMSA oder Das Wasser des Lebens. Roman. Edition Milo/Drava-Verlag. 207 Seiten, gebunden. 1. Auflage 2010. 22,80 Euro. ISBN 978-3-85435-609-7.

Holger Doetsch, Wolfgang Ikert

Holger Doetsch - Holger Doetsch, Baujahr 1963, ist Bankkaufmann, Publizist und Dozent. Er schrieb und schreibt u. a. für die Rhein-Zeitung (Koblenz), ...

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