
- 100 Liebesgedichte von Michael Lentz - S. Fischer Verlag
Sieben Jahre sind seit seinem ersten Lyrikband "Aller Ding" (2003) vergangen. Jetzt hat Michael Lentz "Offene Unruh. 100 Liebesgedichte" geschrieben, ein Buch, das sich in wenigen Atemzügen lesen lässt. Überaus angenehm wirkt schon die Aufmachung des sandfarbenen Bändchens: Verfasser, Titel, Seitenzahlen und Kapitelüberschriften sind in faksimilierter Handschrift gehalten. Das kommt persönlich adressiert und echt daher.
"was heißt hier stammeln?" - "das / was fehlt / fehlt ganz"
Die Gedichte selbst sind konsequent klein geschrieben, was ihre Modernität unterstreicht. Lentz hat "Offene Unruh" einmal als "ein Motivgeflecht aus Liebesdiskursen" bezeichnet. Und so wird der Liebesbegriff und das -gefühl immer wieder neu definiert und beschrieben. Man staunt zuweilen, auf wie viele Arten dieses Wort aus fünf Buchstaben von ein und demselben Verfasser verwendet werden kann, ohne sich zu wiederholen oder abzunutzen.
Ja, "wie fragil das alles ist" - das, was die Hirnchemie zwischen zwei Liebenden anstellt, hat Michael Lentz auf unnachahmliche Weise eingefangen. Da liest man Verse wie "das erste mal für immer" und beißt sich nickend auf die Lippe, denn "braucht liebe nicht den verlust?". Und
"was heißt hier stammeln?" - "das / was fehlt / fehlt ganz". Nicht nur Kleinschreibung und zumeist fehlende Zeichensetzung machen die Modernität dieser Gedichte aus, sondern auch ein umgangssprachlicher Ton, veränderte Redensarten und verzweifelte Monologe. Michael Lentz ist ein Autor, der sein Handwerk bestens versteht.
"handy wie bombe"
Das Kitschige an Liebeslyrik umschifft der Lautpoet meist gekonnt, Reime gibt es so gut wie keine und obwohl der Ich-Erzähler stets ein Du anspricht und umkreist, pocht er darauf, aufs alleinsein nicht verzichten zu können. Auch wenn Lentz irgendwann bitter feststellt: "alleinsein ist auch nichts weiter / als realität".
Das Thema Liebe arbeitet der in Berlin lebende Autor an sämtlichen Gedankenspielen und Vergleichen ab zum Beispiel mit der Tierwelt ("konservierte trauermücke"), Musik ("das herz hallt") oder der digitalen Welt ("handy wie bombe"). Ungestüm zitiert werden unter anderem auch große Dichter wie Rilke, Hölderlin, Gryphius, Eichendorff und Goethe.
"die liebe kennt keinen fortschritt / alle fehler wiederholen wir"
Zwar sorgt nicht jedes Gedicht von Michael Lentz für einen Ausnahmezustand beim Leser, aber "Offene Unruh" ist sehr originelle, virtuose und vollkommen repräsentative deutsche Gegenwartsliteratur mit einem Hauch Tragikomik. Nicht zuletzt wegen Versen wie "die liebe kennt keinen fortschritt / alle fehler wiederholen wir" ist das Bändchen ohnehin ein Muss für Lyrik-Liebhaber.
Auf Video: "du bist mein papierverlies"
Michael Lentz gehört zu den seltenen Autoren, die ihre Werke selbst am wirkungsvollsten vortragen können. Deshalb gibt es im Internet Videolesungen des Sprachkünstlers und noch mehr wie "ich gehe mich jetzt verirren" und "du bist mein papierverlies".
Michael Lentz: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. S. Fischer Verlag, 2010. Hardcover, 167 Seiten. Euro 16,95.
