Michael Zeuske: "Simón Bolívar. Befreier Südamerikas"

Der Mythos lebt weiter:Simón Bolívar - Rotbuch Verlag
Der Mythos lebt weiter:Simón Bolívar - Rotbuch Verlag
Bolívar führte in sechs südamerikanischen Ländern einen Befreiungskrieg gegen die spanische Kolonialmacht. Sein Mythos lebt weiter, vor allem in Venezuela.

In der Phase zwischen der Kolonialzeit und der Gründung nationaler Republiken bildete sich ab 1810 die Unabhängigkeitsbewegung Independencia, die eine vollständige Loslösung von der spanischen Herrschaft zum Ziel erhob. Simón Bolívar, geboren 1783 in Venezuela und später El Libertador genannt, war der Anführer, der nach und nach Venezuela, Ecuador und Neugranada befreite und sie dann 1821 in der Republik Groß-Kolumbien zusammenfasste. Nach weiteren Republikgründungen und Streitereien mit politischen Widersachern starb Bolívar im Jahr 1830 und hinterließ eine gewaltiges geistiges Erbe. In einigen südamerikanischen Staaten sind bei Nationalfeiern, Paraden, Sportereignissen und Kongressen heute noch diverse Bolívar-Rituale unerlässlich. Michael Zeuske, dessen Buch am 15. August erschien, machte es sich zur Aufgabe, die reale historische Person vom Mythos zu unterscheiden.

Der Submythos Alexander von Humboldt

Der nach Bolívars Tod rasch einsetzende Mythos diente den jungen Republiken hauptsächlich zur Selbstlegitimierung, Herrschaftssicherung und Herstellung eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Eine wesentliche Rolle spielte dabei Alexander von Humboldt, der als international populärer, wirkungsmächtiger Naturforscher dafür herhalten sollte, Bolívar mit historischen Weihen und einem Sendungsbewusstsein auszustatten. Nach großen Namen und wissenschaftlicher Untermauerung verlangend, konstruierten die Zeitgenossen eine Begegnung zwischen Humboldt und Bolívar, die 1804 stattgefunden haben soll. War dieses Treffen eine geistige Initialzündung für den bislang polygam lebenden kreolischen Lebemann? Keineswegs. Nach eingehender, fast zu ausführlicher Quellenforschung verweist Zeuske diese vermeintliche schicksalhafte Zusammenkunft in die Abteilung Märchen. Der Historiker Aristides Rojas erfand nach einem angeblichen Zeugnis O’Learys, einem General und Mitstreiter Bolívars, eine Erinnerung Humboldts an die Frühzeit des Unabhängigkeitskämpfers. Hier wurde wie bei der Entstehung von einigen Bibeltexten verfahren: verschiedene Versionen mündlicher Überlieferung wurden gebündelt, zu einem Text geformt und als wahr ausgegeben. „Die Initiation durch Humboldt ist seitdem der wichtigste Teil des Bolívar-Mythos, der heute globale Dimension annimmt“ (Zeuske, S.119). Bei zahlreichen Ausstellungen, die etwa das Verhältnis von Deutschland und Lateinamerika thematisieren, werden diese beiden Personen ins zentrale Blickfeld gerückt. Getroffen haben sie sich nie, übrig bleiben Humboldts spärliche Reflexionen aus der Retrospektive.

Entstehung unabhängiger Republiken

Die Gründung neuer republikanischer Staatformen erforderte irgendeinen ideologischen Glanz, zumal die neuen Ordnungen etliche repressive Restbestände der Kolonialzeit beibehielten. Obwohl die entstandenen Republiken progressiver als die meisten europäischen Monarchien waren, hielten sich viele kreolische Eliten auch nach der Unabhängigkeit an der Macht. Weiterhin hatten Plantagen betreibende Sklavenhalter hohe Posten inne, und zeitweilige Lockerungen des Sklavenstatus wurden nachträglich wieder rückgängig gemacht. Konkrete Abschaffungspläne wurden nur entwickelt, damit die Sklaven nicht zu feindlichen Armeen überliefen und ein jederzeit abrufbares Kampfdepot bildeten. Die oligarchischen Eliten, die Mantuanos, heirateten nur innerhalb ihrer exklusiven Schicht und hatten unter sich ein Kastensystem geformt, zu dem arme Weiße, Schwarze, Indios, Mestizen (spanisch-indianische Verbindung) und Pardos (afrikanisch-europäisch-indianische Verbindung) gehörten. Die 1803 beendete Sklavenrevolution in Haiti brachte zum ersten Mal das bisherige Unterdrückungssystem ins Wanken. Und nicht nur das, nun erwuchs in der gesamten Großregion der Wunsch nach Vertreibung der Kolonialherren und Zerstörung des uferlosen Landbesitzes. Aber erst weit nach Bolívars Tod, in der Mitte der 19.Jahrhunderts konnte ein Hauptziel seines politischen Lebens, die Abschaffung der Sklaverei, weitgehend realisiert werden.

Familiäre Herkunft und Sklaverei

Einer reichen Elitenfamilie angehörend, bestand für Bolívar nicht die geringste Veranlassung, an den sozialen Verhältnissen nur einen Deut zu ändern. Nach dem Tod einiger Verwandter und seines Vaters erhielt der junge Bolívar mehrere Erbschaften, die seinen Besitz um Kupferminen, etliche Haziendas, immens viel Bargeld und weitere Sklaven aufstockten. Leider hält sich hier Zeuske viel zu sehr bei Ahnenreihen und ähnlichen Nebensächlichkeiten auf. 1813, als es Bolívar in den Sinn kam, Anführer der Unabhängigkeitsbewegung zu werden, war er ein schwerreicher „Edelmann“, der allerdings seine wahre Berufung erkannt hatte: er gehörte nicht zu den Plantagenbesitzern und Bolívars, sondern zu Kolumbien und zur Nation. Im Triumph eines wichtigen militärischen Sieges, 1821 in Caracas errungen, entließ der Libertator mit großer Geste sechs seiner eigenen Sklaven, deren Freilassung die hiesige Administration zunächst gar nicht genehmigen wollte. Insgesamt redete und schrieb der entflammte Befreiungskämpfer viel über die Abschaffung der Sklaverei, was ihn aber nicht davon abhielt, seine Knechte weiterhin für sich arbeiten zu lassen. Trotz seiner Aversion gegen die Sklaverei, trotz öffentlicher Reden, Erlassen und Verordnungen konnte er sein Ziel nicht verwirklichen. Die Sklaverei mündete nach der Freilassung in eine Art Schuldsklaverei. Faktisch waren die Sklaven befreit, aber in der Realität leider nicht – das galt auch für Bolívars Latifundien.

Bolívar-Kult unter Chávez

Während man sich sogar bei der kubanischen Revolution auf Bolívar berief, ist er im heutigen Venezuela unangefochten der prominenteste Volksheld. Unter den Anhängern von Chávez muss der Libertador für die kolossalsten Begriffe herhalten: für den Staat, die Verfassung und die Sozialmission. Mittlerweile dominiert ein chavistischer sozialrevolutionärer Bolívar, gegen den die Opposition einen Volks-Bolívar in Stellung gebracht hat. Wie bei offiziellen Anlässen zu sehen ist, hat der Bolívar-Kult eine neue Qualität erreicht, die hauptsächlich soziale Veränderungen und gemeinnützige Programme impliziert. Vorbei die Zeiten einer konservativen Inanspruchnahme, zumal eine ländlich-magische Stoßrichtung die Volksfantasie beflügelt. Da Chávez gezielt den bolivarischen Sozialkult als seine Hauptrechtfertigungsquelle einsetzt, bietet diese Linie bei den konservativen Gegner ein besonders geeignetes Angriffsfeld. Neben einem südamerikanischen Bolivarismus, der in das Verteidigungsbündnis ALBA mündete, gibt es weitere politische Aktivitäten, bei denen Bolívar für eine erfolgreiche Außenpolitik instrumentalisiert wird. Innenpolitisch drückt sich der neu angefachte Mythos in einer neuen Form des Gigantismus aus. Insgesamt hat der Autor Zeuske ein Buch vorgelegt, das sowohl für den Nichtfachmann als auch für den Wissenschaftler lesbar sein soll, wobei Letzterer immerhin auf 273 Anmerkungen zurückgreifen kann.

Michael Zeuske: Simón Bolívar. Befreier Südamerikas. Geschichte und Mythos. Berlin: Rotbuch 2011.

Bildnachweis: © Rotbuch Verlag

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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