
- Vieser Schautz von Kaffeeriechern... Buchcover - C. Bertelsmann Verlag
Schon mal was von Märbelpickern oder Ameislern gehört? Michaela Vieser hat zwei Jahre in Heimatarchiven, Romanen und Gemälden nach „ausgestorbenen“ Berufen gesucht. Dabei hat sie ihr Augenmerk auf die Tätigkeiten gelegt, mit denen die Menschen am Rande der Gesellschaft ihren Lebensunterhalt finanzierten. 24 Berufe - von A wie Abtrittanbieter bis Z wie Zeidler - beschreibt Vieser, liebevoll und historisch genau illustriert von Irmela Schautz.
Alte Berufe: Kranke Sandmänner und verachtete Scharfrichter
Einige der vorgestellten Berufe reichen bis in die Antike zurück, andere sind erst im 20. Jahrhundert verschwunden, bedingt durch Moden, ökologische und soziale Veränderungen und technischen Fortschritt. Manchen trauert man nicht hinterher, wie dem Scharfrichter, Quacksalber oder Rosstäuscher. Andere, wie Köhler und Bänkelsänger finden sich nur noch in Märchen und Sagen und waren in der Realität wenig romantisch. Besonders hart war das Schicksal der Ärmsten, die ungelernte Arbeit verrichteten. Die echten Sandmänner starben früh, die Lungen voller Sand. Scharfrichter wurden sozial geächtet, obwohl sie auch heimlich als Ärzte konsultiert wurden, weil sie, geschult durch Folter und Hinrichtungen, anatomische Kenntnisse besaßen.
Eine Frage der Sitte und Moral: Exoten am Hof und öffentliches Pinkeln
Keine moralischen Probleme hatte man im Barock damit, dass sich Adlige Mohren, Indianer oder Türken als exotisches Beiwerk hielten. Schamgefühl kam auch nicht auf, wenn man öffentlich in Eimer urinierte, die von Abtrittanbietern bereitgestellt wurden. Der technische Fortschritt machte diesen Beruf ebenso überflüssig wie den des Sesselträgers und Lichtputzers, der die Kerzendochte kürzte, um Russ und Gestank zu vermeiden.
Verschwundene Berufe: Wale, Ameisen und der Modegeschmack
Dem Modegeschmack fielen Silhouettenschneider und Fischbeinreißer zum Opfer. Letztere erlebten ihre Blütezeit, als Korsetts in Mode kamen. Fischbeinreißer stellten aus Walbarten das begehrte Fischbein her und sorgten fast für die Ausrottung der Wale, ehe sie selber verschwanden.
Der Zeitgeschmack zeigt sich auch Berufen wie die des Allesschluckers und des Ameislers. Mit Staunen liest man, dass das Sammeln von Ameisenpuppen als Vogelfutter noch bis in die 1970er in Niederösterreich verbreitet war und wundert sich bei der Speisekarte der Allesschlucker, was alles in einen menschlichen Magen passt.
Politik und Religion: Kaffeesteuern, Rosenkränze und wilde Bienen
Politisch bedingt war die Existenz der Kaffeeriecher, die illegal gebrannten Kaffee zu Steuerzwecken aufspüren sollten und überfallartig in Privatwohnungen platzen. Sie waren mindestens so unbeliebt wie heute Steuerprüfer. Die Reformation wiederum war indirekt für das Ende der Paternostermacher, die Bernstein-Rosenkränze herstellten, und Zeidler, die Wildhonig ernteten, verantwortlich. Protestanten brauchten keine Rosenkränze, und ihre Kirchen wurden nur sparsam mit Bienenwachskerzen beleuchtet.
Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern: Amüsante Kulturgeschichte
In den Berufsbildern, die die Autorin ausgewählt hat, spiegeln sich Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Moden und Moral vergangener Epochen. Ironisch weist Vieser auf Ähnlichkeiten zur Gegenwart hin, indem sie Rosstäuscher mit Gebrauchtwagenverkäufern, Bänkelsänger mit Klatschillustrierten vergleicht. „Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern“ ist ein Schatzkasten angefüllt mit kuriosen Fakten, amüsanten Anekdoten und Zitaten. Trotz der Kürze enthalten die Kapitel eine Unmenge an Informationen und eignen sich zum Schmökern.
Michaela Vieser/Irmela Schautz. Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern. Berufe aus vergangenen Tagen. C. Bertelsmann. November 2010. Gebunden. 192 S. 24 Farbabb.19.90 €
