ESSEN. Michal Walczak gilt in Polen als dramatisches Nachwuchstalent. Sein Dreiakter „Bergwerk“, eine tragische Farce über Lähmung, Stillstand und Aussichtslosigkeit, zeigte das Schauspiel Essen am Samstag zum ersten Mal auf Deutsch. Die Bühne hat das richtige Stück gewählt, denn es geht um die Misere einer polnischen Stadt, nachdem das Bergwerk geschlossen hat. Davon verstehen die Essener etwas. Walczak war zur Erstaufführung eigens nach Essen gekommen und nahm mit dem Ensemble im Grillo-Theater den begeisterten, teilweise stürmischen Schlussbeifall entgegen.
Die Misere und die Geisterbahn
Im Mittelpunkt steht Adzio (naiv-sympathisch: Sebastian Tessenow), ein junger Mann. Er erzählt im ersten Akt von seiner kleinen Stadt. Sie ist völlig heruntergekommen, seitdem das Bergwerk, früher der einzige Arbeitgeber, geschlossen worden ist. Die Arbeitslosigkeit hat sich wie Mehltau über das namenlose Städtchen gelegt. Die Menschen beschäftigen sich nur mit ihren kleinen Problemen: erotische Abenteuer, Eifersucht, vor allem aber das Elend. Das Geld reicht hinten und vorn nicht, alle sind unzufrieden, aber keiner weiß einen Ausweg.
Im zweiten Akt ergreift der Präsident die Initiative. Er war früher Funktionär der Kommunisten und hatte im Bergwerk mitzureden. Er will in die Hauptstadt fahren und alte Drähte spielen lassen. Der Versuch misslingt, niemand hilft. Gerade das, so scheint Walczak nahezulegen, ist der Grund der Lähmung: Alle erwarten Hilfe von außen, niemand ergreift selbst die Initiative. Als ein Fremder in die Stadt kommt, erwarten alle von ihm die Rettung – er wird zur Projektionsfläche ihrer Hoffnungen.
Im dritten und letzten Akt resumiert der Erzähler, dass auch diese Hoffnungen trogen. Er erbt, macht eine Kneipe auf, und alle trinken an der Rampe gemütlich Schnaps. Nur die herz- & hirnlose Königin (die die Politiker repräsentiert) muss hinter Gittern zuschauen. Ihren Versprechungen glaubt niemand mehr.
Rundum gut!
Tilman Gersch und sein gut aufgelegtes, kenntnisreiches Ensemble arbeiten in ihrer phantasievollen, präzisen, geistreichen und kurzweiligen Erstaufführungsinszenierung heraus, wie viele Schichten das Stück hat. „Das Bergwerk“ ist nicht nur der konkrete, geschlossene Betrieb, es ist auch eine Metapher für das Theater, das tief in die Schächte von Menschen und Gesellschaft hinabsteigt – und „Das Bergwerk“ mit der schäbigen, verkommenen Stadt ist ein Sinnbild für das nachsozialistische Polen. Die provozierendste Einsicht, die bei Walczaks allegorischen Anspielungen über die Rampe kommt: Es ist nach dem Fall der Kommunisten nicht besser geworden. Die Lähmung ist schlimmer als je.
Das Ensemble sprühte vor Spiellust! Tom Gerber gelang das Bild eines „Hündchens“. Früher war es Lyriker. Als er nie wagte, seine Meinung zu sagen, verwandelte sich der Silbenstecher in den Vierbeiner, jetzt muss er immer laufen, wenn Herrchen pfeift. Gerber zeigt die Reue des Selbstkritischen – seine Nuancierungskunst, vor allem die Mimik, ist hohe Kunst, die Analyse der Figur geht tief. Man sollte Schauspielern verbieten, uns Zeitgenossen so genau zu studieren. Das grenzt an Geheimnisverrat!
Diese Erstaufführung ist rundum geglückt, Michal Walczak ein Dramatiker, von dem man gewiss bald wieder hören wird. Sein überragendes Talent ist ganz offenbar.
- Aufführungen am 25. Mai.; 11., 19. und 25. Mai
- Kartentelefon: 0201 8122 200
