
- Michel Houllebecq: Die Möglichkeit einer Insel - (c) Andreas Hermsdorf/pixelio.de
Was zeichnet einen alternden Humoristen aus? Richtig, er hat nicht viel zu lachen. Daniel hat durch seine provokanten Stücke Prominentenstatus erlangt und ein ansehnliches Vermögen gemacht. Privat steht allerdings nicht alles zum Besten: Der abgehalfterte Komiker leidet unter dem Altern, trinkt und schluckt Tabletten gegen die Schlaflosigkeit.
Femme fatale im Doppelpack – die Heilige und die Hure
Nach der Trennung von seiner Frau Isabella, die intelligent ist und ihn liebt, aber frigide ist, lernt er die junge Esther kennen und verbringt mit ihr eine in sexueller Hinsicht erfüllte Zeit. Doch als die werdende Schauspielerin ein Angebot in den USA erhält, erkennt er die bittere Wahrheit – er ist austauschbar und ohne tieferen Wert für sie. Esther ist das genaue Gegenteil Isabellas: Sie liebt ihn nicht, sondern nur sich selbst und ihr auf sinnliche Genüsse ausgerichtetes Leben.
Die Elohimiten oder wo bitte geht’s zur Unsterblichkeit?
Noch während der Beziehung zu Esther lernt Daniel eine obskure Sekte kennen: Der Glaube der Elohimiten vereint den Glauben an die Ankunft Außerirdischer mit genetischen Forschungen zur Unsterblichkeit. Daniel erlebt einen überraschenden Führungswechsel und den Aufstieg des neuen Propheten Vincent, unter dem sich die zuvor belächelte Sekte zu einer florierenden Glaubensgemeinschaft entwickelt. Er lässt seine DNA für die Zukunft konservieren und wird zum Chronisten der Elohimiten. Sein eigener Untergang schreitet derweil unaufhaltsam voran: Mit dem Tod von Isabella und dem seines Hundes verliert er die letzten Bezugspunkte zu dieser Welt. Zurückgezogen und einsam setzt er seinem Leben schließlich ein Ende.
Die Lebensberichte von Daniel 1 und 25
Trotz sprachlicher Schwächen gelingt es Houellebecq den Leser zu fesseln. Dazu tragen beileibe nicht die überpräsenten sexuellen Schilderungen und Empfindungen des Protagonisten, sondern vielmehr der spannende Aufbau bei: Die Kapitel wechseln auf zwei Zeitebenen zwischen der Geschichte von Daniel1 und Daniel25, dem in der Zukunft lebendem genetischen Nachfahren des Komikers. Letzterer lebt als sogenannter Neo-Mensch allein mit seinem Hund nach den Lehren der Großen Schwester. Lediglich über das Internet hat er Kontakt zu anderen seiner Art, während vor dem Elektrozaun die verwilderten Überreste der Menschheit durch eine zerstörte Welt streifen.
Über geistige Versenkung und das Studium der Lebensberichte von Daniel1 und der anderen Bindeglieder soll er den Weg zur Vollkommenheit weiterführen. Doch die Lektüre von Daniels Leben und der Kontakt zu Marie23 lassen ein schlummerndes, unbestimmtes Sehnen in ihm erwachen: Zunehmend spürt er, dass etwas fehlt. Er zweifelt die Sinnhaftigkeit seines Daseins an. Und lässt schließlich wie Marie23 die Sicherheit seines Heimes hinter sich. Daniel25 bricht auf zu einer Reise ohne Wiederkehr – Ziel ist die Insel Lanzarote, auf der Neo-Menschen Gerüchten zufolge ein anderes Leben führen. Seine Reise ist eine Suche nach sich selbst und Gemeinschaft, es ist die Suche nach der verlorenen Menschlichkeit.
Michel Houellebecq – parallele Handlungsstränge, kunstvoll verflochten
Aus der Perspektive des Neo-Menschen erfährt der Leser schrittweise, was in den 2000 Jahren zwischen der Entstehung der Sekte und der Gegenwart von Daniel 25 geschehen ist. Auf diese Weise bettet Houellebecq die Lebensgeschichten der beiden Protagonisten in die düstere Utopie einer Menschheit, die sich vollkommen voneinander entfremdet hat.
Die Ursprünge dieser Entfremdung liegen in der Gegenwartshandlung. Nicht zuletzt die kritischen Töne verleihen dem Roman Substanz und Gewicht: Ohne zu moralisieren schildert Houellebecq den Hedonismus einer Gesellschaft, die von Jugendwahn und selbstsüchtiger Genusssucht geprägt ist. Dieser Konflikt ist verknüpft mit dem persönlichen Leiden Daniels, der an seinem Alter und dem damit einhergehenden Attraktivitätsverlust für das andere Geschlecht zerbricht. Mithilfe der an die reale Sekte der Raelianer angelehnten Elohimiten erweitert der Autor den Themenkomplex um das uralte Topos der Unsterblichkeit, religiöse Motive und die kontrovers diskutierte Dimension der Genetik.
Die Möglichkeit einer Insel – Utopie und Suche
"Die Möglichkeit einer Insel" ist die Beschreibung eines Irrweges: Die gegenwärtige Zeit präsentiert sich als Herrschaft des Körpers, die Zukunft als Diktat des Geistes. Das Eine ist jedoch nur eine logisch weitergedachte Konsequenz des Anderen, eine Umkehrung des Extrems. Beide Systeme beinhalten denselben Fehler. Beiden fehlt derselbe menschliche Part: Sowohl der Mensch als auch der Neo-Mensch leidet unter dem Mangel an Gefühl für seine Mitgeschöpfe – lediglich in den Beziehungen zu ihren Hunden beziehungsweise deren Verlust finden die Protagonisten das, was ihnen verlorengegangen ist. Dahingehend stehen ihre beiden Reisen unter einem gemeinsamen Nenner: Der Suche nach der Liebe. Nach Gemeinschaft. Der Möglichkeit einer Insel.
Michel Houllebecq – Die Möglichkeit einer Insel
Michel Houellebecq ist ein gnadenlos realistischer Autor. Er ist auch ein in seinen Grundzügen äußerst pessimistischer und kontroverser Autor. Mit "Die Möglichkeit einer Insel" präsentiert er einen Roman, der viele Züge einer negativen Utopie aufweist. Im Kern beinhaltet die Möglichkeit einer Insel jedoch ein Plädoyer für die Menschlichkeit: Das Streben, die Sehnsucht des Menschen nach Liebe und Gemeinschaft ist dem Menschen immanent. Die Insel existiert. Sie liegt in den Nebeln seines Wesens verborgen – und jeder muss sie für sich selbst suchen.
Dies relativiert im Prinzip auch Houellebecqs unkritische Darstellung der Gentechnik. Das Versprechen von Unsterblichkeit bleibt letztlich unerfüllt (nur das genetische Material trägt sich fort, die Erinnerung bleibt auf Lebensberichte beschränkt) und mündet in einem leeren Dasein. Einen Kritikpunkt kann man zum einen in der negativen Darstellung des Islam sehen – allerdings kommen andere Religionen kaum besser weg. Zum anderen erscheint die Erklärung des zivilisatorischen Niedergangs durch Atomkrieg und eine Verschiebung der Erdachse angesichts der drohenden ökologischen sowie menschlichen Katastrophen unserer Zeit nicht adäquat. Neben "Die Möglichkeit einer Insel" (2005) erschienen von Michel Houellebecq unter anderem die Romane "Ausweitung der Kampfzone" (1994), "Elementarteilchen" (1998) und "Plattform" (2001).
Michel Houllebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Dumont Buchverlag, 2005 (2. Auflage). Gebunden, 445 Seiten. Euro: 24,90.
Bildquelle: www.pixelio.de
(c) Andreas Hermsdorf/pixelio.de
