
- Phantom Afrika - Suhrkamp
Die Form des persönlichen Tagebuchs zählte eher zu den seltenen Vertretern in der Ethnografie, denn schließlich war bei den Forschungsreisen der Wissenschaftler Objektivität gefragt. Das 1934 veröffentlichte Buch „Phantom Afrika“ von Michel Leiris gehört zu den Klassikern der Ethnografie und gilt für diese oftmals als ein rotes Tuch. Immerhin lässt Leiris es sich nicht verwehren, seine persönlichen Gedanken, so unsittsam und unvorteilhaft für einen Ethnologen sie auch sind, in seine Beschreibungen mit einfließen zu lassen.
Der französische Ethnologe und Schriftsteller Michel Leiris wurde am 20. April 1901 in Paris geboren. Im Alter von 30 Jahren machte sich der Pariser Michel Leiris auf die Forschungsmission von Dakar nach Djibouti, die von 1931 bis 1933 andauerte. Als ethnografischer Befrager, Sekretär und Archivar nahm er unter der Leitung von Marcel Griaule an dieser Expedition teil. Leiris’ Vorhaben war eher persönlicher als wissenschaftlicher Natur, als Nicht-Fachmann versuchte er seinem langweiligen Pariser Leben und dieser von ihm verachteten Gesellschaft zu entfliehen. Doch es ist eben diese Gesellschaft, die ihn prägte, samt historischem Wissen und eurozentristischen Denkweisen. Sie bildeten den Standpunkt, von dem aus Leiris Afrika betrachtete und diesen fremden Kontinent beschrieb. Doch weigerte er sich ein Afrika zu erschaffen, das unter den Aspekten des Exotischen und Pittoresken erscheint. Er versuchte Afrika als einen Erdteil zu verstehen, in dem die Menschen nach einem anderen Wertesystem leben und eine Annäherung an die magische und irrationale Welt besitzen. Leiris stellte allerdings fest, dass er nicht das findet, was er als Europäer erwartet hat, und dass dieser Kontinent für ihn fremd bleibt – eben ein Phantom. Seine Aufzeichnungen ergeben sein Werk „Phantom Afrika“. Zu den wichtigsten Aspekten dieses Bandes gehört die Magie Afrikas, über die Leiris viel schrieb.
Magie Afrikas – Magie in Afrika
Die Irrationalität und der trotz Missionierung anhaltende Aberglaube des dunklen Kontinents taucht in seinem Buch häufig auf. Leiris erzählt von Scharlatanen, Dämonenerzählungen, Hexerei und zahlreichen rituellen Handlungen.
Die Forschungsreisenden werden Zeugen von übermenschlichen Kräften, die der Scharlatan besitzt und einsetzt, um die Gäste zu unterhalten. Es hat den Anschein einer zirkusartigen Vorstellung, die der Scharlatan vollführt, und ist zugleich Verdeutlichung seiner Macht und amüsiertes Treiben. Um das Unmögliche den Zuschauern zu verifizieren, fordert er diese auf, das Messer aus seinem Kopf zu ziehen. Als Werkzeug für seine magische Vorführung verwendet er das Fetischhorn, das ihm vermutlich die Kraft zur Vollführung dieses Aktes überträgt. Im Leser schlummert bereits der Gedanke an Voodoo und dunkler Magie.
Leiris fällt bei seinen Beschreibungen aber kein Urteil über die Ausübung einer Naturreligion der Afrikaner und auch nicht über die fetischisierten Objekte. Dass die Natur von den Menschen beherrscht werden kann und die Natur ebenso den Menschen beherrscht, gehört für die afrikanischen Stämme, die Leiris gesehen hat, zum Alltag. Seelenwanderung und beseelte Gegenstände sind dabei nur einige von vielen Ausprägungen dieser Religion, auf die die Forschungsgruppe trifft.
Unzivilisiert und primitiv
Hexerei und dunkle Magie, das Spiel mit den Seelen von toten Menschen, die von einem Zauberer beherrscht werden können, der gegen Geld alle Flüche aussprechen und ebenso beseitigen kann – es ist ein mittelalterliches Bild, das hierbei hervorgerufen wird, das auf die unaufgeklärte und unnaturwissenschaftliche Haltung der Afrikaner hinweist. Unzivilisiert und primitiv, wie es die Ethnologen bezeichneten. Die Natur herrscht hier über die Menschen – und nicht die Kultur.
Magie besitzt hier eine weitere Funktion: Sie ist der Ersatz für die Wissenschaft. Zur Erklärung von Naturphänomenen werden die Kräfte von Ahnen und Objekten herangezogen. Es hat den Anschein, als ob sich diese Welt noch in einem dunklen Zeitalter befindet, den die europäische Gesellschaft für sich schon längst überwunden hat und die Leiris in ihren Bann zieht. Es ist der Gegensatz zu dieser Zivilisation, die Leiris neugierig werden lässt, ihn fasziniert und ihn zum Überschreiten seiner Grenzen als Beobachter verführt.
Michael Leiris: Phantom Afrika. Tagebuch einer Expedition von Dakar nach Djibouti 1931 bis 1933. Suhrkamp 1996. Broschiert, 415 Seiten. Euro 10,00.
