"Midnight in Paris" - Woody Allens 42. Streich

Hauptplakat Midnight in Paris - Concorde Filmverleih
Hauptplakat Midnight in Paris - Concorde Filmverleih
Ein junger Drehbuchautor aus Hollywood ist mit seiner Verlobten in Paris. Im Gegensatz zu ihr sucht und findet er das Goldene Zeitalter der großen Künstler.

Woody Allen zum 42. Der Regie-Altmeister mag Europa - was auch an Finanzierungsgründen liegt. Nach London und Barcelona ist nun Paris Kulisse für seinen neuen Film. Man merkt, daß er viel für die französische Hauptstadt übrig hat. "Midnight in Paris" ist viel weniger sarkastisch, dafür leicht und voller Atmosphäre, eine Liebeserklärung. Der Plot: Wie geht es einem, der in eine andere Epoche rutscht, weil die Gegenwart sowieso nervt und endlich die unverhoffte Gelegenheit kommt, den verehrten Größen der Kunst wie Pablo Picasso, Ernest Heminway, F. Scott Fitzgerald oder Salvador Dali über den Weg zu laufen. Wie empfindet man das Leben dann? Was verändert sich dabei? Allen hat das als Zeitreise in die 20er Jahre konzipiert, als Paris eben noch die Kulturmetropole Europas und Anziehungspunkt für Künstler vieler Länder war. Sein Alter Ego im Film ist zufälligerweise auch Drehbuchautor. Diese Rolle hat er dem bisher recht unbedarften Owen Wilson auf den Leib geschrieben, was der Wirkung von "Midnight in Paris" gut tut.

Nicht alle Mitwirkenden sind Sympathieträger in "Midnight in Paris"

Gil Pender (Owen Wilson) reist also mit seiner zickigen Verlobten Inez (Rachel McAdams) und deren neureichen Eltern nach Paris. Er ist frustriert, nervt ihn doch der Konsumrausch und das oberflächliche Getue seiner Begleiter. Die Metropole ist für sie nicht mehr als eine große Shopping-Meile, mit einigen Sightseeing-Highlights und der Möglichkeit, gut essen zu gehen. Dann sind Gils erzreaktionäre Schwiegereltern in spe auch noch Anhänger der Tea-Party-Bewegung, die alle Kritiker als Kommunisten betrachten. Und Gil ist in ihren Augen einer. Zudem will er auch noch Schriftsteller werden, weil ihm das Drehbuchschreiben nichts mehr gibt. Inez mag das Geld, das er bisher damit verdiente und hat hat für seine romantischen Schwärmereien nichts übrig, die Schwiegereltern erst recht nicht. Als Paul (Michael Sheen), ein Jugendfreund von Inez und Wichtigtuer, ihnen ein paar kulturelle Attraktionen mit aalglatter, besserwisserischer Attitüde vorführt und Inez davon begeistert ist, denkt Gil nur noch an Flucht.

Mit dem Oldtimer in die Vergangenheit

Die gelingt ihm auf überraschend magische Weise. Als er Abends alleine einen Spaziergang macht, hält Schlag Mitternacht ein Oldtimer-Fahrzeug vor ihm. Einige Angetrunkene laden ihn ein, ins Nachtleben einzutauchen. Der Wagen rauscht direkt in die Roaring Twenties und die Insassen entpuppen sich als F. Scott Fitzgerald (Tom Hiddleston) mit seiner Frau Zelda (Alison Pill). In der Bar, in der sie einkehren, sitzt Ernest Hemingway (Corey Stoll) - natürlich betrunken - am Tisch und Cole Porter (Yves Heck) am Piano. Gil staunt, faßt sich ein Herz, und bittet Hemingway, sich mal seinen Roman anzuschauen. Der nimmt ihn mit zu Gertrude Stein (Kathy Bates), die gerade mit Pablo Picasso (Marcial Di Fonzo Bo) über dessen neustes Werk diskutiert. Sie zeigt sogar Interesse für Gils literarische Ambitionen. Er will sein Manuskript holen und landet wieder in der Gegenwart. Als Gil Inez morgens von seinen überraschenden Bekanntschaften erzählt, vermutet sie eher einen Gehirntumor bei ihm.

In den folgenden Nächten taucht Gil wieder in die 20er Jahre ab. Swingende Gitarrenriffs von Django Reinhardt begleiten ihn. Gertrude Stein freut sich auf das Manuskript, Salvador Dali (Adrien Brody) faselt von Nashörnern und Luis Bunuel (Adrien de Van) weiß noch nichts von seiner Zukunft als Meisterregisseur des surrealistischen Films. Josephine Baker (Sonia Rolland) wippt zu Cole Porters jazzigen Klängen, während Gils Blicke wieder auf Picassos bezaubernde Muse Adriana (Marion Cotillard) fallen - da tut sich eine Seelenverwandtschaft und mehr auf. Am nächsten Morgen liegt er allerdings wieder neben Inez im Hotelbett. Was er nicht weiß: Inez' Vater hat inzwischen einen Detektiv mit Nachforschungen beauftragt.

Woody Allen hat wunderbare Bilder für "Midnight in Paris" gefunden

Neben der zeitlosen Jazzmusik sind es wunderschöne Bilder (Kamera: Darius Khondji) in warmen Braun-, Gelb- und Goldtönen, die das Paris der 20er Jahre atmosphärisch in Szene setzen. Da wird ein Spaziergang im Regen zum romantischen Erlebnis. Nur Adriana findet ihre Gegenwart ziemlich langweilig, sie will lieber in der Belle Èpoque leben. Gil, sehr enttäuscht, muß sich also - die Sache mit Inez ist auch gelaufen - doch mit der Gegenwart arrangieren. Es soll da noch reizende Frauen geben, die Cole-Porter-Musik und den Pariser Regen mögen ... .

Woody Allens Dialoge sind geschliffen, mit feinem Humor unterlegt und pointiert. Selbst für einen Gastauftritt von Carla Bruni-Sarkozy hat er einige Sätze geschrieben - eine Petitesse - sie spielt eine Museumsführerin. Die übigen Rollen wurden wieder mal bestens besetzt. Allen hat dafür schon immer ein Gespür gehabt. Es macht den Stars sichtlich Spaß mitzuspielen. Und Owen Wilson überzeugt mit einer Mischung aus Naivität und Lässigkeit.

Übrigens, der Detektiv. Der rutscht in eine ganz andere Epoche, ob freiwillig oder nicht, wird nicht mitgeteilt.

"Midnight in Paris"

Spanien/USA 2011

Buch und Regie: Woody Allen

Kamera: Darius Khondji, Johanne Debas

Produktion: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum, Jaume Roures

Darsteller: Owen Wilson, Rachel McAdams, Marion Cotillard, Kathy Bates, Michael Sheen, Adrien Brody, Tom Hiddleston, Alison Pill, Corey Stoll, Yves Heck

Quellen:

- Internet Movie Database: Midnight in Paris

- Pressezugang Concorde Filmverleih

Heinz-Jürgen Rippert, Blende11, Hamburg

Heinz-Jürgen Rippert - Jahrgang 1954, absolvierte ich den zweiten Bildungsweg bis zum Abitur in Braunschweig. Davor fuhr ich zwei Jahre als Marinesoldat zur ...

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