Miesmuscheln auf dem Prüfstand

Mies und gefährlich - oder vermiest und gefährdet?

Miesmuscheln - ©Michael Franke/ PIXELIO//http://www.pixelio.de
Miesmuscheln - ©Michael Franke/ PIXELIO//http://www.pixelio.de
Miesmuscheln gelten als Delikatesse. Doch ihr Bestand ist bedroht. Zudem lagern sie - als natürliche Kläranlage des Meeres - gefährliche Schadstoffe an.

Der Name dieser Muschelart lässt sich ableiten von dem althochdeutschen Wort mios, mittelhochdeutsch mies, dem Ausdruck für Moos. Der Begriff Miesmuschel rührt von ihren sogenannten Byssusfäden (Haftfäden) her, die große Ähnlichkeit mit Moos haben.

Der Wortstamm mies ist also keinesfalls verwandt mit miesmachen oder vermiesen.

Miesmuscheln leben z. B. an der Küste im Wattenmeer. Im Gegensatz zu anderen Muschelarten graben sie sich nicht ein, sondern wohnen am liebsten knapp unter der Wasseroberfläche, um möglichst viel Nahrung zu ergattern. Um nicht vom Meer fortgespült zu werden, halten sie sich mit ihren Haftfäden unter anderem an Steinen oder Pfählen fest. Sie heften sich aber auch aneinander. Auf diese Weise entstehen Muschelbänke, die mehrere tausend Quadratmeter groß sein können.

Sie sind also sehr praktisch zu „ernten“. Kein Wunder, dass sie schon seit Jahrtausenden auf dem Speiseplan von Menschen stehen. Dafür spricht auch der wissenschaftliche Name für die Gattung, Mytilus, denn mytilos ist die griechische Bezeichnung für eine essbare (See-)Muschel. Und schon im Mittelalter wurden sie zum Beispiel in Frankreich an Pfählen gezüchtet. Daher nennt man sie auch Pfahlmuscheln.

Miesmuscheln sind gesund

Ihr Nährwert ist durchaus ansehnlich: Die Miesmuschel ist sehr kalorienarm und besitzt nur einen geringen Fettanteil von knapp ca. 1 Prozent - wobei ungesättigte Fettsäuren bzw. Omega-3-Fettsäuren überwiegen -, aber dafür einen hohen Eiweißgehalt (ca. 10 g in 100 g Muschelfleisch). Auch Mineralstoffe und Spurenelemente sind in Miesmuscheln naturgemäß reichlich vorhanden. Nennenswert sind vor allem ein hoher Jod- und Eisengehalt, Natrium, Kalium, Magnesium sowie Phosphor, Selen und Kupfer und Zink. Auch die Vitamine A, B1, B2, B6, C und E sind - wenn auch in geringen Mengen - vorhanden.

Miesmuscheln reinigen die Meere...

Die Familie der Mytilidae weist mehrere Arten auf, in Nord- und Ostsee findet sich beispielsweise die Mytilus edulis, im Mittelmeerraum die Mytilus galloprovincialis. Sie ernähren sich von kleinsten organischen Teilchen wie Plankton sowie Tier- und Pflanzenresten. Um die Nahrung aufzunehmen, saugen sie das Meerwasser ein und filtrieren es. Dabei werden unverdauliche Schwebeteilchen wieder ausgeschieden und landen als Schlick unter den Muschelbänken.

Auf diese Weise wird das Meerwasser von organischen Stoffen wie giftigen Mikroalgen, aber auch von Schadstoffen gereinigt. Dadurch wird auch eine Überdüngung des Wattbodens verhindert, die zur Folge hätte, dass die dortige Tierwelt vernichtet würde. Die Pumpleistung einer einzigen Muschel kann pro Tag ca. 20 Liter betragen. Prinzipiell können Miesmuscheln das Wattenmeer innerhalb einer Woche durchfiltern bzw. klären.

...und lagern Schadstoffe an

Problematisch ist, dass sie dabei auch Schadstoffe aufnehmen kann, die sie in ihrem Fleisch anlagert. Das betrifft z.B. Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Zinn oder Quecksilber aus Industrieabwässern. Aber auch Algen speichern im Meer vorhandene Giftstoffe aus Düngemittel, Insektiziden, Pestiziden u.Ä. oder produzieren von sich aus toxische Stoffe, die dann von den Miesmuscheln aufgenommen werden.

Letzteres war auch der Grund, warum man Muscheln nur in den Monaten essen sollte, in denen ein „r“ vorkommt: In den Sommermonaten vermehren sich Algen stärker, so dass die Muscheln durch ihre Filtration auch mehr Schadstoffe anreichern. Auch Mikroorganismen vermehren sich bei Wärme wesentlich rascher, so dass Muscheln im Sommer schneller verderben können. Durch eine durchgehende Tiefkühlkette kann diese Gefährdung jedoch heute weitgehend ausgeschlossen werden, so dass diese alte Regel nicht (unbedingt) mehr gültig ist.

Bedenken sollte man immerhin, dass die Hauptablaichzeit der Miesmuscheln in den Sommermonaten Juli und August liegt.

Gefährdung der Miesmuscheln - und des Menschen

Miesmuscheln sind wichtige Tiere im Wattenmeer, denn sie machen ein Viertel der dortigen Biomasse aus. Muschelbänke sind Oasen der Artenvielfalt und die Kinderstuben für junge Fische, Garnelen und Krebse.

In den drei deutschen Wattenmeer - Nationalparks stehen wilde Miesmuschelbänke unter Naturschutz und dürfen nicht mehr abgeerntet werden. Lediglich junge Larven werden zu Zuchtzwecken entnommen. Dennoch sind weltweit natürliche Muschelbänke durch Überfischung schon vernichtet worden, andere vom Aussterben bedroht. Auch der Klimawandel, das „Pflücken“ junger Miesmuscheln zu Zuchtzwecken sowie die „Invasion“ der Pazifischen Auster im Wattenmeer führen allmählich zu einem Rückgang natürlicher Muschelbänke. Durch die drastische Verringerung der Anzahl der Miesmuscheln im Watt verringert sich auch die Filtriertätigkeit und die Qualität des Wassers nimmt ab.

In Deutschland gezüchtete Miesmuscheln unterliegen strengen Qualitätskontrollen. Dennoch bleibt die Frage, wie „gesund“ Miesmuscheln tatsächlich sind. Künstlich angelegte Muschelbänke sind sicherlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss, denn letztlich leiden alle Miesmuscheln - wie alle anderen Meeresbewohner auch - an der Vermüllung und Vergiftung der Meere.

Miesmuscheln sorgfältig zu behandeln, zu lagern und zuzubereiten, um sie als köstliche Mahlzeit genießen zu können, ohne - aufgrund natürlicher Ursachen - eine Muschelvergiftung zu bekommen, ist die eine Sache. Die andere ist das unnatürliche Eingreifen des Menschen in die Natur - mit nicht absehbaren Folgen. Das kann einem in der Tat - nicht nur - ein Miesmuschelgericht ganz schön vermiesen...

Cornelia Poth-Paul, Stephan Haas

Cornelia Poth-Paul - Zu meiner Teenagerzeit waren lange Haare, ausgefranste Jeans, Clogs, das Palästinenser-Tuch, der (Bundeswehr-)Parka ...

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