Wenn Memet oder seine Schwester Tuba, (Namen von der Redaktion willkürlich gewählt) die hier in Deutschland geboren wurden, sich im Kreis ihrer Mitstudenten oder Freunde ganz natürlich bewegen, finden Außenstehende, dass der Islam in der Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen ist.

Um herauszufinden ob das tatsächlich so ist und von den jungen Muslimen auch so empfunden wird, haben Hans-Jürgen von Wensierski und Claudia Lübcke die Lebensgeschichten von 17 jungen Muslimen analysiert. Sie erforschten, wie sich deren Alltag abspielt und inwiefern er sich von dem anderer junger Menschen in Deutschland unterscheidet.

Der Autor des Buches „Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause“, Hans-Jürgen von Wensierski, räumt mit den verbreiteten Vorurteilen: Zu Hause die Eltern, mit ihren meist sittenstrengen und korangeprägten Moralvorstellungen, in der Schule und in der Freizeit die deutschen Gleichaltrigen mit ihrer Lebensvorstellung, auf.

Das Überleben war erst mal wichtig

Im Buch wird zum Beispiel auf die Lebensgrundlage, die Entwicklung vom jungen Türken Farad und die Bedeutung eines aufgeklärten Islam, eingegangen.

Als in den späten 70er Jahren die Eltern von Farad, dessen Familie heute sozialdemokratisch geprägt ist, aus der westlichen Türkei nach Hamburg kamen, stand das reine Überleben im Vordergrund. In dem Leben des Jungen, der 1976 geboren wurde, spielte der Islam keine große Rolle. Sein Vater hatte alle Hände voll zu tun die deutsche Sprache zu lernen, herauszufinden, wie Formulare beantragt und ausgefüllt, eine preisgünstige Wohnung erworben wird. Beide Eltern mussten sich irgendwie, in der weitgehend unbekannten Kultur, zu Recht zu finden. Im Leben der Mutter stand im Vordergrund einen funktionierenden Haushalt aufzubauen, zu kochen, zu waschen und für die Familie da zu sein. Für die Ausübung ihrer Religion hatte das Paar schlichtweg keine Zeit. So kam es, dass Farad, erst als er schon ins Gymnasium ging, eine Moschee erstmals von innen sah.

Eine Sehnsucht nach dem Glauben der Vorfahren

Farad ist heute Vorbeter in einer Moschee und berichtet im Buch über seine Heimat Deutschland und wie er zum Islam kam.

Im täglichen Miteinander hatte er sich schon Gedanken gemacht, dass die Menschen in seiner Umgebung anders dachten und empfanden als seine Eltern, denn der Ehe wird im Islam eine besondere Bedeutung zugemessen. Noch größer empfand er die Kluft nach Verwandtenbesuchen in der Türkei. In der Schule wurde die Rolle der Frau im Islam und über die Menschenrechte in der Türkei diskutiert. Er merkte, wo seine Wurzeln sind und in ihm erwachte ein tiefreligiöses Empfinden. In der Folge beschäftigt sich, der bezüglich seines Glaubens oft mit Vorurteilen kämpfende Farad, mit dem Islam.

Seine Eltern waren zunächst besorgt, weil sie eine Radikalisierung seiner Gläubigkeit, im Kontext eines islamischen Fundamentalismus, befürchten. Diese Sorgen haben sich keinesfalls bestätigt, denn der junge Türke strebte eine akademische Laufbahn in den Sozialwissenschaften an, hat die arabische Sprache gelernt und ist mit einer gläubigen Türkin, die ein Kopftuch trägt, glücklich verheiratet. Für Farad ist Deutschland seine Heimat und er fühlt sich, als Türke mit einer muslimischen und türkischen Herkunft, hier zu Hause.

Die Wissenschaftler nennen es Re-Islamisierung

Diese Rückbesinnung auf die religiösen Wurzeln ist es, die den jungen Türken fest in seinem jetzigen Leben hält, ihm erlaubt ganz in der deutschen Kultur aufzugehen und sich gleichzeitig für einen kritisch reflektierten und aufgeklärten Islamismus einzusetzen.

Weitere Typen und Varianten von Jugendbiographien kommen zu Wort

Es sind viele unterschiedliche Menschentypen und noch mehr Jugendbiografien die Im Buch von Hans-Jürgen von Wensierski und Claudia Lübcke beschrieben werden. Zum Beispiel die HipHop-begeisterte Fußballerin Sherin, der homosexuelle Kurden Dara oder die emanzipierte Kopftuchträgerin Polyana. Sie alle leben in Deutschland, haben einen Migrationshintergrund und haben sich systematisch, ein Leben, das ihnen gefällt, aufgebaut.

Die Grundlage des Buches bildete .das Forschungsprojekt „Adoleszens zwischen den Kulturen – Jugendbiographien und jugendkulturelle Szenen von Muslimen in Deutschland“. Es wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG, gefördert. Weitere Mitarbeiter waren Franziska Schäfer, Melissa Schwarz, Andreas Langfeld und Lea Puchert

Der Autor Hans-Jürgen von Wensierski

Der Arbeits- und Forschungsschwerpunkt des Erziehungswissenschaftlers und Professors für Jugendbildung und Erwachsenenbildung, liegen im Bereich der Jugendforschung, Bildungsforschung und Jugendhilfeforschung. Seit 2008 ist er Dekan der Philosophischen Fakultät, Rostock.

H.-J. von Wensierski, C. Lübcke, Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause, Barbara Budrich Verlag,2012, 434 S. 44,00 €